Zur Navigation Zum Artikel

Wenn Sie sich diesen Artikel vorlesen lassen wollen benutzen Sie den Accesskey + v, zum beenden können Sie den Accesskey + z benutzen.

10. Oktober 2015

Hoher Besuch

Adolf-Reichwein-Schule feiert Einweihung der renovierten Toiletten

Das Aufgebot an Gästen ist beeindruckend: Es reicht von Oberbürgermeister Dieter Salomon über mehrere Stadträte bis zu Vertretern zahlreicher Ämter. Alle sind gekommen, um – neue Toiletten einzuweihen. „Der Anlass ist eher ungewöhnlich“, räumt Johannes Schubert ein, der kommissarische Leiter der Adolf-Reichwein-Schule in Weingarten, die diskret zu einem „Danke-Fest“ eingeladen hat.

  1. Ein Farbgestalter aus Bayern war an der Renovierung der Toiletten beteiligt. Foto: rita eggstein

Was bis Ende letzten Schuljahres noch zum Himmel und in die benachbarten Klassenzimmer stank, ist für die Mädchen und Jungen zu einem intimen Rückzugsort vom Feinsten geworden. Weil die Zustände schon lange so waren und die Schule immer wieder auf die anstehende Generalsanierung vertröstet wurde, hatten Schülerinnen und Schüler einer vierten Klasse eigenhändig Briefe an Verwaltung und Gemeinderat geschrieben, in denen sie die Missstände schilderten (die BZ berichtete). Und sie hatten quer durch alle Fraktionen Gehör gefunden. "Das wäre sonst so schnell nicht gekommen", sagt OB Salomon, "ihr habt richtig was durchgesetzt." Im Nu ist er von einer Traube von Kindern umlagert. "Bist du der Bürgermeister?", fragt Drittklässlerin Aurora staunend. Bei Lehrerin Almut Wölblin, die mit ihrer Klasse die Briefaktion initiiert hatte, steht dem Schreibtisch ein Requisit, das vor kurzem noch täglich im Einsatz war: Eine Sprühflasche mit Raumspray, Duftnote Magnolia. Die Schülerinnen und Schüler hätten aus dem Ärgernis etwas gelernt, sagt Wölblin: "Es lohnt sich, den Mund aufzumachen und sich zu trauen, was zu sagen." Sie sind jetzt in der fünften Klasse an anderen Schulen und haben vom Ergebnis nicht mehr viel. Aber für diesen Tag haben viele frei bekommen und sind noch einmal an ihre alte Schule zurückgekehrt.

Werbung


Farbgestalter aus Bayern und Architekt aus Reutlingen

Leonie und Nadine erinnern sich noch zu gut, wie es war, als sie vor lauter Ekel den ganzen Schulvormittag lang nicht auf die Toilette gegangen sind. Jetzt erwarten sie die am schönsten gestalteten Räume der Schule: Blautöne bei den Jungen, die Urinale durch eine Glasscheibe abgetrennt, Gelb-, Rot- und Orangetöne bei den Mädchen. Ein Farbgestalter aus Bayern und ein Architekt aus Reutlingen haben sich Gedanken gemacht, wie man den Bedürfnissen der Kinder aus vielen Nationen und Glaubensrichtungen am besten gerecht werden kann. "Die Toiletten sollen nicht nur funktionieren", erklärt Architekt Hans Bühler. Man habe sich für hochwertige Materialien entschieden. Das sei der beste Schutz vor Vandalismus. 260 000 Euro hat die Stadt investiert. Bürgervereinsvorsitzende Zinaida Nabulsi hatte die Missstände ebenfalls angeprangert und findet es "ganz großartig, dass es jetzt so schnell ging".

Die Schule nutzt die Gelegenheit, den Gästen einen Einblick in das Schulleben zu geben. Schüler führen sie in die Bibliothek der Kulturen und den neuen Raum für die Schulsozialarbeiterinnen – der frühere lag unter den undichten Toiletten. Salomon lässt Visionen aufleben vom "einmaligen" Schulzentrum mit Kita, das hier einmal entstehen soll. Die Toiletten sollten ja nur der Anfang sein. Sie sind sogar zum Gegenstand einer kleinen Hymne geworden. Ein Lehrerteam trägt sie im Foyer der Schule vor. Dort herrscht Gedränge: "Ganz schön eng", stellt ein Mitarbeiter des städtischen Gebäudemanagements fest und ahnt, dass da noch einiges auf sein Amt zukommt.

Autor: Anita Rüffer