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11. März 2012 10:06 Uhr
Copy and Paste-Literatur
Adolf Seger : Klage gegen Print-on-Demand-Verlag
Ein vom Inselstaat Mauritius agierender Verlag verkauft eine Biographie des ehemaligen Ringer-Olympiasiegers Adolf Seger. Sie besteht lediglich aus kopierten Wikipedia-Inhalten. Der Freiburger will sich dagegen juristisch zur Wehr setzen.
Adolf Seger steht nicht im Verdacht, als Raffzahn, Gierfinger oder Heuschrecke bezeichnet zu werden. Im Gegenteil: Seit Jahren unterstützt er karitative Einrichtungen mit Spenden, die Prämie für seine zehn Senioren-WM-Titel von 15 000 Dollar (12000 Euro) hat er vor Jahren komplett der Kinderkrebshilfe vermacht. Aber kürzlich hat den 67-jährigen Freiburger, der 1975 und 1977 Ringer-Weltmeister bei den Aktiven und dadurch Deutschlands berühmtester Postbote gewesen ist, die Wut gepackt: Denn da ist er doch in Verdacht geraten, ein Raffzahn zu sein. "Zu Unrecht", wie das Freiburger Ringer-Idol beteuert. Er fühlt sich als Opfer einer Masche von Geschäftemachern, die eine ganze Branche in Verruf bringen können: nämlich die Buchverlage.
Die Vorgeschichte: Als Adolf Seger, der immer noch über einen echten Schraubstock-Händedruck verfügt, kürzlich in einem Freiburger Fitnessstudio seinen Körper stählte, sprach ihn eine Frau an. Sie habe ein Buch gekauft mit dem Titel Adolf Seger, erzählte sie. Und da es stolze 34 Euro gekostet habe, sei sie davon ausgegangen, dass es sich um die Lebensgeschichte des Ringers und Postboten handle. Seger sagte der Frau, er habe kein Buch geschrieben oder schreiben lassen, er könne sich das nicht erklären. Die Buchkäuferin, die leicht angesäuert zum Besten gab, das Werk sei seinen Preis nicht wert, übergab Seger das Corpus Delicti.
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Nun wurde auch der Sportler mit den ringertypischen Blumenkohl-Ohren sauer. Was er da sah: Ein 80-seitiges Buch mit seinem Namen als Titel, so dass der Leser zumindest auf den ersten Blick denken muss, Seger sei Autor oder Herausgeber des Werkes. Doch für das Buch sind lediglich Inhalte des frei zugänglichen und nicht kommerziell orientierten Online-Lexikons Wikipedia kopiert wurden. So kann man exakt eine Seite über Adolf Segers Werdegang lesen, zwei Tabellenseiten über seine sportlichen Erfolge. Dann werden seine Hobbys vorgestellt, zum Beispiel Tischtennisspielen und Fahrradfahren. Danach werden, ebenfalls aus Wikipedia kopiert, die Regeln des Tischtennisspiels erklärt und die unterschiedlichen Radsport-Disziplinen.
"Das ist Geldschneiderei mit meinem Namen", sagt Adolf Seger erbost. Er hat jetzt einen Rechtsanwalt beauftragt. Ob dieser aber etwas ausrichten kann? Der Freiburger Rechtsanwalt Peter Oberholzner sieht einen Verstoß gegen das Namens- und das Urheberrecht. Eine Unterlassungsverfügung könne er erwirken lassen. Das Problem: Es ist sehr schwierig, diese zu vollstrecken. Denn der Buchverlag Betaspricpt agiert von Mauritius aus.
Es existieren zigtausende solcher Bücher von Betascript mit dem markanten roten Kreis links unten auf dem Buchdeckel. Ob es ein Werk über den rumänischen Fußballer Adrian Popescu ist, eines über den offenen Strafvollzug in Israel, zahlreiche Bücher über US-Kriegsschiffe oder angeblich wissenschaftliche Veröffentlichungen – alles wird offeriert. Auf dem Buchdeckel steht in englischer Sprache: High quality – Content by Wikipedia articles (Hohe Qualität – Inhalt mit Wikipedia-Artikeln). Der Hinweis auf die Wikipedia-Textstellen ist also vorhanden. Aber reicht das aus?
Claudia Paul, Pressesprecherin des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels, führt in einer Stellungnahme zur Methode von Betascript aus: "Rein rechtlich kann man nichts dagegen tun, wenn Inhalte beispielsweise aus Wikipedia kopiert und dann als Buch verkauft werden. Das erlauben die genutzten Lizenzen."
Bei Betascript und dem mit der gleichen Masche agierenden Alphascript handelt es sich um US-Pseudoverlagshäuser, die es sich zur Aufgabe gemacht haben, Texte zu drucken – "weltweit und völlig kostenlos für den Autor", wie sie anpreisen. Im Klartext: Wikipedia-Artikel werden kopiert, formatiert, zwischen zwei Buchdeckel gepresst auf den Markt geworfen, wo sie von nichts ahnenden Kunden erworben werden. Für jedes Buch wird zwischen 30 und 60 Euro verlangt.
Bei Wikimedia, deutscher Ableger von Wikipedia, kennt man das Phänomen. "Eine Absprache mit den Buch-Autoren oder dem Verlag gibt es nicht, und sie ist auch nicht notwendig, da eine kommerzielle Weiternutzung von Wikipedia-Inhalten – sofern lizenzkonform – ausdrücklich gewollt ist", teilte Wikimedia auf BZ-Anfrage mit.
Adolf Seger kann mit solchen Auskünften wenig anfangen. Wenn er in einer Woche Ehrengast bei der deutschen Ringer-Freistil-Meisterschaft in Aschaffenburg sein wird, dann will er nur eins: nicht als Raffzahn dargestellt werden.
Autor: Georg Gulde



