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13. Juli 2012

Alltägliches jüdisches Leben in Freiburg

Die Jüdische Gemeinde eröffnet in Zähringen eine jüdische Kita für alle.

Chanukka und Pessach sollen so "normal" werden wie Weihnachten und Ostern. Und das Judentum soll nicht mehr nur mit dem Holocaust verknüpft, sondern Teil des Alltags in Deutschland sein. Das wünschen sich die Jüdische Gemeinde und das Jugendhilfswerk. Darum eröffnen sie in der einstigen Kantine der Deutschen Bahn in der Kantinenstraße 10 in Zähringen im März die erste jüdische Kindertageseinrichtung in Baden seit 1945: für jüdische und nichtjüdische Kinder.

Seit vergangenem Jahr ist vieles anders in der derzeit 750-köpfigen Jüdischen Gemeinde in Freiburg: Mit dem neuen, 27-jährigen Rabbiner Abraham Radbil und dem neuen Vorstand wurde ein "Politikwechsel" eingeleitet, sagt der Geschäftsführer Thomas Becker – "hin zu mehr Offenheit." Die Gewichtung auf Kinder- und Jugendarbeit führte dazu, dass deutlich mehr Familien mit Kindern am Gemeindeleben teilnehmen. Die meisten stammen, wie rund 95 Prozent aller deutschen Jüdinnen und Juden, aus der ehemaligen Sowjetunion, sagt Irina Katz, die Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde. Irgendwann entstand der Kita-Wunsch. Auf keinen Fall sollen dort jüdische Kinder unter sich sein: Ziel ist, dass jüdische und nichtjüdische Kinder zusammen jüdischen Alltag kennen lernen, vom koscheren Essen bis zum Feiern jüdischer Feste.

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Die Idee stieß schnell auf Unterstützung, längst nicht nur beim Jugendhilfswerk, dem Kooperationspartner, der zwar nichts mit Religion am Hut, aber immerhin seine Paula-Fürst-Schule nach einer jüdischen Reformpädagogin benannt hat. Kitas christlicher Träger sind fest etabliert, bilanziert Carlos Mari, der Geschäftsführer des Jugendhilfswerks – jetzt kommt eine jüdische Alternative dazu. Vom Jugendhilfswerk stammt das Konzept, das sich am Orientierungsplan Baden-Württemberg orientiert. Es entstehen 50 Plätze, davon zehn für Kinder unter drei Jahren. Gut finden die neuen Kita-Plätze nicht nur Gerda Stuchlik, Bürgermeisterin für Jugend, Schule und Bildung, Oberbürgermeister Dieter Salomon und der Zentralrat der Juden – angedacht sind auch Kooperationen mit der Uni und Betrieben, die Kitas für die Kinder ihrer Mitarbeiter brauchen.

Trotz des Wunsches nach Normalität ist klar: Jüdische Einrichtungen gelten als gefährdet, erst recht angesichts des "rechtsradikalen Sumpfes", der neuerdings in Südbaden zum Vorschein komme, sagt Thomas Becker – die Sicherheit soll "dezent", also nicht sichtbar, gewährleistet sein. Bisher sind zwölf Plätze von Eltern aus der Gemeinde reserviert, die anderen sind noch zu haben. Gemeindemitglieder haben vorrangigen Anspruch, doch bei Bedarf könne ausgebaut werden, sagt Carlos Mari – Hauptsache, die Mischung stimme. Raum gibt es, das umgebaute Gebäude in der Kantinenstraße 10, das einen privaten Besitzer hat, ist 725 Quadratmeter groß, das Außengelände rund 800 Quadratmeter. Gemischt soll auch die Besetzung der bis zu zehn Erzieherstellen sein: mit und ohne jüdischen Hintergrund. Ähnlich läuft es in jüdischen Kitas in Großstädten wie Berlin, München oder Köln. Für Städte der Größe Freiburgs ist die Freiburger Kita die erste jüdische, in Baden-Württemberg nach Stuttgart die zweite. Und es gibt Träume darüber hinaus: Irina Katz kann sich eine jüdische Schule vorstellen, da aber würde die Finanzierung komplizierter.

Autor: Anja Bochtler