Leute in der Stadt

Andreas Jobst ist neuer Leiter des Freiburger Stadtarchivs

Thomas Goebel

Von Thomas Goebel

Mo, 19. Dezember 2016

Freiburg

"Archivare denken immer für die Ewigkeit", sagt Andreas Jobst. Der neue Leiter des Stadtarchivs liebt die Kooperation mit Mitarbeitern und die Arbeit mit knisternden Quellen.

Nichts kann das Gefühl ersetzen, ein Original aus der Vergangenheit in der Hand zu halten, findet Andreas Jobst. Den neuen Leiter des Freiburger Stadtarchivs beschäftigen aber auch Zukunftsfragen: Wie lassen sich digitale Daten sinnvoll archivieren? Für eine Stadtgesellschaft sei es wichtig, Zugang zu ihrer Geschichte zu haben, sagt der promovierte Historiker. Die Diskussionsfreude der Freiburger hat er schon kennengelernt.

Seit Oktober leitet Andreas Jobst das Stadtarchiv. Gleich an seinem dritten Arbeitstag konnte er erfahren, wie leidenschaftlich in Freiburg über den Umgang mit Geschichte gestritten wird. Die Wissenschaftlerkommission zur Überprüfung der Freiburger Straßennamen stellte ihre Ergebnisse vor – zuständige Stelle: das Stadtarchiv. "Wir haben schon einige Reaktionen bekommen", erzählt Jobst im Gespräch, "sowohl Kritik als auch Zuspruch." Er habe ja noch eine Außenperspektive, seinem Eindruck nach sei Freiburg aber "eine sehr lebendige Stadt", sagt er lächelnd.

Er ergänzt sofort, dass er das positiv meine. Bei einzelnen Straßennamen könne man natürlich unterschiedlicher Meinung sein: "Es ist aber dem Gesamtthema zuträglich, wenn wir uns über Gedenk- und Erinnerungskultur in der Stadt unterhalten." Gerade für demokratische Gesellschaften "mit großer Veränderungsdynamik" sei es wichtig, sich mit der eigenen Geschichte und dem Umgang mit ihr auseinanderzusetzen: "Das dient der Bestimmung der eigenen Position." Dass der 47-Jährige ein Stadtarchiv hierzu für unverzichtbar hält, versteht sich von selbst. Schon während des Studiums der Geschichte und Germanistik in seiner Heimatstadt Regensburg interessierte ihn vor allem Stadtgeschichte: "Da schlagen sich große Entwicklungen im Kleinen nieder." Und er lernte Archive lieben: "Die Arbeit mit Quellen hat mich unglaublich fasziniert", sagt Jobst. Auch heute noch ist seine Begeisterung für Dokumente aus der Vergangenheit spürbar wenn er sagt: "Es riecht, es knistert – es ist einfach etwas Besonderes, wenn man ein Original in der Hand hat."

Die Archivarbeit selbst interessierte ihn ebenfalls früh: "Ich habe einen Hang zu Ordnung und Systematik, auch wenn man das meinem Schreibtisch nicht immer ansieht." Schon während seiner Doktorarbeit zur Pressegeschichte Regensburgs im 19. und 20. Jahrhundert hatte Jobst erste Jobs im dortigen Stadtarchiv. Dennoch orientierte er sich beruflich zunächst anders, wurde für neun Jahre Geschäftsführer des Bischöflichen Seelsorgeamts in Regensburg, kümmerte sich um Haushaltsmittel und Personal, sammelte Verwaltungserfahrung. Doch es zog ihn zurück zu den Quellen, als sich die Gelegenheit ergab, machte er noch einmal eine Ausbildung: als Referendar im dortigen Bischöflichen Zentralarchiv und an der Archivschule Marburg.

2015 wurde er stellvertretender Leiter des Stadtarchivs in Pforzheim, ehe er nach Freiburg wechselte. Er habe sich wieder "mit der gesamten Bandbreite des städtischen Lebens" befassen wollen, sagt Jobst, und auch die Leitungsfunktionen haben ihn gereizt: "Ein Team zu leiten, ist etwas sehr Schönes, ich mag die Zusammenarbeit mit Menschen, ich mag auch das konzeptionelle Arbeiten." Interessant am Freiburger Archiv findet er vor allem "die weit zurückreichende Überlieferung". In Pforzheim sei 1945 bei einem Bombenangriff das Archiv weitgehend zerstört worden. Im Freiburg lagerten dagegen etwa fünfeinhalb Kilometer Archivgut – von alten Urkunden und Handschriften über Nachlässe bis zu zeitgenössischen Verwaltungsakten. "Wir erfüllen auch eine gesetzliche Pflichtaufgabe", betont Jobst. Unterlagen, die die Stadtverwaltung nicht mehr braucht, werden vom Archiv bewertet und gegebenenfalls erschlossen, geordnet und so aufbewahrt, das sie künftig noch nutzbar sind: "Archivare denken letztlich immer für die Ewigkeit – wie lange die auch dauern mag."

Archivare mit Affinität zur Technik

Eine Herausforderung sind dabei digitale Daten. "Immer mehr Informationen entstehen nur noch elektronisch", sagt Jobst, auch diese müssen sicher aufbewahrt und erschlossen werden. Das Landesarchiv Baden-Württemberg hat mit Partnern wie dem Städtetag das Modell "Digitales Magazin" entwickelt, in Freiburg soll es nächstes Jahr starten: "Ein Archivar muss heute auch eine Affinität zur Technik haben." Auch diese Bandbreite des Archivguts findet Jobst spannend: von der mittelalterlichen Urkunde bis zum elektronischen Melderegister.

Inhaltlich gehört sein Herz weiter dem "langen 19. Jahrhundert" von Französischer Revolution bis zum Ersten Weltkrieg. Themenschwerpunkte hat er noch nicht gesetzt, erst möchte er Archiv und Stadt weiter kennenlernen. Ein Punkt ist ihm aber noch ganz wichtig: Die Pensionierung seines langjährigen Vorgängers Ulrich P. Ecker und der Wechsel der stellvertretenden Leitung bedeuteten "schon ein Einschnitt." Deshalb sei er froh, wie die acht Mitarbeiter seine neue Vertreterin Johanne Maria Küenzlen und ihn empfangen hätten: "Wir sind mit aller Offenheit und Herzlichkeit aufgenommen worden. Ich gehe jeden Tag gerne ins Archiv."