Auf dem langen Weg zur Erforschung eines schwierigen Themas

Anja Bochtler

Von Anja Bochtler

Mi, 02. Mai 2018

Freiburg

Früher war die gängige Position, Freiburg sei kaum in den Kolonialismus verstrickt gewesen – seit vor fünf Jahren das Umdenken begann, gab es kleine Schritte voran.

Es geht zäh voran: Fertig war die Studie "Freiburg und der Kolonialismus (1870 bis 1939)" schon Ende Dezember 2016 – besprochen im Kulturausschuss wird sie am Donnerstag, fast anderthalb Jahre später. Zur Verzögerung hat vor allem der Wechsel in der Leitung des Museums Natur und Mensch beigetragen. Doch auch davor dauerte es, bis die Auseinandersetzung mit dem Thema in Gang kam. Die Entscheidung für die Studie fiel in einer Debatte im Kulturausschuss im April 2013 – damals hatten alle Fraktionen die städtische Vorlage scharf kritisiert, die davon ausgegangen war, in Freiburg habe es keine besondere Verstrickung in den Kolonialismus gegeben.

Danach wurden 36 000 Euro zur Verfügung gestellt – allerdings erst Mitte 2015, also zwei Jahre später. Verantwortlich für die Studie sind die zwei Hauptautoren: Zum einen der Sozialwissenschaftler Heiko Wegmann, der seit 2005 zu dem Thema forscht und sehr umfangreiches Material auf der Internetseite "Freiburg-postkolonial" präsentiert. Er schreibt eine Doktorarbeit über den Kolonialoffizier und SS-Standartenführer Max Knecht. Zum anderen der Historiker Bernd-Stefan Grewe, der einer der Verfasser eines Lehrbuchs zum Kolonialismus, Dozent an der Pädagogischen Hochschule und Mitglied in der Freiburger Expertenkommission zur Umbenennung von Straßennamen war. Inzwischen ist er Professor an der Uni Tübingen. Außerdem waren zwei Doktoranden beteiligt: Johannes Theissen untersucht, ähnlich wie die Studie, sehr breit die Rolle des Kolonialismus in der Provinz, Markus Himmelsbach konzentriert sich auf die Rolle des früheren Museums für Natur- und Völkerkunde und die Einbindung der Bevölkerung.

Klar ist für Heiko Wegmann und Bernd-Stefan Grewe, dass die Aufarbeitung des Themas gerade erst angefangen hat. Heiko Wegmann regt an, einen Aufruf zu starten, um mehr Material und neue Quellen aus der aktiven Kolonialismus-Phase zu gewinnen, das derzeit in Kellern oder Dachböden lagert. Unerforscht sei zudem, wie sich die Denkmuster im Nationalsozialismus und danach weiterentwickelten. Als Erstes aber sollte eine Sonderausstellung geplant werden, sagt Bernd-Stefan Grewe: "Das geht aber nur von außen." Nicht Freiburger Institutionen, die selbst eine Rolle im Forschungsthema spielten, sollten dafür verantwortlich sein, sondern ein unabhängiges Kuratorium. Flensburg zum Beispiel habe als Kuratorin für die Ausstellung "Sklavenhandel, Schnaps und Zucker" die jamaikanische Kulturanthropologin Imani Tafari-Ama gewählt, sagt Heiko Wegmann.