Graswurzelbewegung

Auf dem Weg zum Volksnetz

Jens Kitzler

Von Jens Kitzler

So, 17. Dezember 2017 um 12:28 Uhr

Freiburg

Der Sonntag "The Things Network" soll ein vielfältig nutzbares Datennetz in Bürgerhand werden. In Freiburg macht man erste Schritte, Basel ist schon viel weiter.

So ganz gewöhnt ist man sie noch nicht, die Denkweise, erstmal ein Projekt in die Welt zu setzen und sich dann zu überlegen, was genau man eigentlich damit machen kann. Doch die technoiden Graswurzelbewegungen funktionieren heute oft so, und genau genommen wurde auch das Internet erstmal ausgebaut, bis man richtig draufkam, wofür das wirklich gut sein könnte.

Netz für die ganze Stadt

Nun also The Things Network, das Netz für die Dinge. Hier geht es, grob gesagt, um ein idealerweise in der ganzen Stadt verfügbares Netz, das nur wenig Bandbreite hat, aber dafür mit einfachen Mitteln schnell größe Flächen abdeckt. Nicht mal für eine Email reicht der Datendurchsatz aus, nur dafür, in größerem Abstand mal einen Wert zu übertragen. Eine gemessene Temperatur, die Position eines Fahrrads, den Alarm eines Feuchtigkeitsmessers, der bemerkt, dass in der Schrebergartenhütte Wasser durchs Dach dringt. Egal was ein Bürger gerne per Sensor messen will, das Netz, über das die Daten auf sein Tablet oder den PC gelangen, ist bereits da, so die Idee.

Ursprung in Amsterdam

Und dieses Netz soll in Bürgerhand sein, fordert die Initiative The Things Network (TTN), deren Kern in Amsterdam beheimatet ist. Dort geht man davon aus, dass Firmen ein solches Netz über kurz oder lang auch kommerziell anbieten werden. "Wir können warten, bis die Telekom das gegen Geld anbietet", sagt Sebastian Müller, der die TTN-Bewegung mit einigen Mitstreitern gerade in Freiburg zu etablieren versucht. "Oder es eben selbst machen".

Müller macht es selbst und betreibt in seiner Wohnung ein sogenanntes Gateway. Das funktioniert ähnlich wie ein Wlan-Router zuhause, Geräte in seinem Empfangsbereich können ihre Messwerte darüber ins Internet senden. Im Gegensatz zum Wlan-Router, dessen Einfluss meist kurz hinter der Hauswand endet, ist die Reichweite der Gateways hoch – es geht um Kilometer.

Sein Gerät decke einen Empfangsbereich vom Seepark bis zum Münsterplatz ab, verdeutlicht Sebastian Müller, das entspräche einer Entfernung von etwas über 2,5 Kilometern. Nicht umsonst wird die Technologie als "Long Range Wide Area Network" (LoRaWAN) bezeichnet, als Netz mit großer Reichweite und breitem Ausstrahlungsgebiet. Der Aufwand, eine ganze Stadt damit abzudecken, wäre deutlich geringer als derjenige, stadtweit Internet-Zugang via Wlan anzubieten. Im November trafen sich die Freiburger mit 15 Interessierten zum ersten Things-Network-Treffen in den Räumen des Chaos Computer Clubs. Auch ein Vetreter der Open-Data-Beauftragten im Freiburger Rathaus war dabei. Eine erste Idee: Selbst gebastelte Feinstaubsensoren über das Netzwerk für die Dinge verbinden, so dass die Belastung in den Stadtteilen für jedermann ablesbar ist. Ein nächstes Treffen soll im Januar stattfinden.

Basel schreitet voran

Freiburg macht noch erste Schritte, in Ulm oder Stuttgart ist man schon weiter, dort treiben auch lokale Unternehmen den Ausbau voran.

In Basel ist man weiter. "Gegenwärtig sind acht Gateways in der Stadt selbst und vier weitere in der näheren Umgebung in Betrieb", schildert Lukas Haas von der dortigen Initiative. Genutzt werde das Netz vorrangig noch testweise – von Privatleuten, aber auch von Firmen. Ein Gateway beispielsweise steht bei der Firma Aquametro, die Messysteme herstellt. Künftig könnten Gas- oder Wasserzähler ihre Daten verschlüsselt ins TTN ausstrahlen und damit für Nutzer wie Ableser von überall auswertbar sein, somit würde LoRaWAN die Geräte "in echte Smart Meter verwandeln", heißt es bei der Schweizer Firma. "Dadurch werden wir in die Lage versetzt, Versorgern wie Verbrauchern bessere Services anzubieten".

Breite Unterstützung sorgt dafür, dass man mit seinen Gateways in Basel an reichweiten-freudige Standorte kommt. Im Juni vermeldete die Community erfreut die Montage eines Gateways auf dem Dach der alten Warteck-Brauerei, einem der höchsten Gebäude der Stadt. Ja, sagt Sebastian Müller in Freiburg, auch hier suche man Leute, die von ihrer Wohnung aus einen guten Blick auf Freiburg hätten, das brächte die Sache deutlich weiter. "Notfalls würden wir denen ein Gateway auch durch Sponsoren finanzieren".
Die Freiburger TTN-Community im Netz: http://mehr.bz/ttn
Nächstes Treffen am 24. Januar um 19.30 Uhr im Haus 037 Vauban, Alfred-Döblin-Platz. Kontakt:
sbamueller@gmail.com