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28. August 2014

Auf Pump gekauft, dann arbeitslos

Es gibt richtige "Klassiker" bei den Überschuldungsbiografien.

Ein Klient der städtischen Schuldnerberatungsstelle schildert, wie er in die Abwärtsspirale der Überschuldung geriet:

"Angefangen hat alles eigentlich schon mit dem Ende meiner Lehrzeit als Maler und Lackierer. Da hatte ich endlich meine erste eigene Wohnung, die Möbel hab’ ich damals auf Raten gekauft. Bald darauf bin ich mit meiner Freundin zusammengezogen. Da brauchte ich neue Möbel und damit kamen nochmal 5000 Mark Schulden dazu – und natürlich gab’s dann auch noch ein Auto für 10 000 Mark. Und alles lief wieder auf Raten, wie sonst? Damals hab’ ich 1300 Mark im Monat verdient, 450 Mark gingen fürs Ratenabstottern weg. Und nach drei Jahren wurde ich arbeitslos.

Ich hab’ noch eine ganze Weile versucht, weiterzuzahlen, aber das reichte dann hinten und vorne nicht. Ich hätte mit Alg I noch die Ratenzahlungen stunden lassen können. Aber das wusste ich nicht. Also kamen irgendwann diese Briefe. Einer nach dem anderen. Mir schwante, dass da nichts Gutes drinstehen würde. Also hab’ ich sie schon gleich gar nicht aufgemacht. Die kamen also alle ungeöffnet in die Schublade. Ich hab’ versucht, das einfach zu ignorieren. In der Zeit wuchs mein Schuldenberg weiter.

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Das alles hat gedrückt und Angst gemacht. Erst recht, als dann auch die Briefe vom Gerichtsvollzieher kamen. Und als eines Tages ein Zettel am Briefkasten hing, dass der Gerichtsvollzieher für eine zwangsweise Öffnung meiner Wohnung kommen wird, da hat mich die Realität dann eingeholt. Inzwischen hatte ich mit Trinken angefangen – und bald darauf hat mich meine Freundin verlassen. Das war ein herber Schlag. Ein Kumpel von mir war ähnlich schlecht drauf, der hat auch getrunken. Der hat einen Entzug gemacht und mir danach dann geraten, zu meiner Ärztin zu gehen. Das war der entscheidende Schritt.

Ich hab’ der Ärztin beschrieben, dass mir alles über den Kopf wächst, die Schulden, der Alkohol, das Chaos in der Wohnung. Sie hat mir einen Entzug in einer Suchtklinik vermittelt. Dort gab’s auch einen Sozialdienst, die haben mich gleich gefragt, wie es mit Schulden aussieht. Inzwischen war ich bei ungefähr 36 000 Euro bei 9 Gläubigern. Die vom Sozialdienst haben mich an die Schuldnerberatung in Freiburg bei der Stadt verwiesen. Da hat sich meine Beraterin erst Mal einen Überblick verschafft und ist alles mit mir durchgegangen. Sie hat geholfen, das alles zu sortieren und hat alle Gläubiger angeschrieben. Das ist vier Jahre her.

Kurze Zeit später hatte ich wieder eine Arbeit als Maler und die Beraterin hat mit den Gläubigern eine Regulierung ausgehandelt, mit der ich nach sechs Jahren die Hälfte der Schulden hätte begleichen können, der Rest wäre mir dann erlassen worden. Ein Arbeitsunfall hat mir aber einen Strich durch die Rechnung gemacht – denn seither bin ich arbeitsunfähig. Ich war bereit, von dem sehr wenigen Geld, das mir bleibt, noch einen kleinen Betrag monatlich zu zahlen, aber diese außergerichtliche Einigung wurde abgelehnt. Deshalb haben wir ein Insolvenzverfahren wegen Zahlungsunfähigkeit eröffnet. Das alles ist mir sehr schwer gefallen, aber heute würde ich natürlich jedem aus meiner eigenen Erfahrung raten, sofort Hilfe zu suchen, wenn man in solchen Schwierigkeiten steckt. Jetzt hab’ ich wieder eine Perspektive. Und wenn Sie heute in meine Wohnung kommen, da blitzt’s richtig und alles ist in Ordnung!"

Autor: Aufgezeichnet von Julia Littmann