Aus Grau wird Grün

Dominik Heißler

Von Dominik Heißler

So, 13. Mai 2018

Freiburg

Der Sonntag Industriegebiet Freiburg Nord soll für Mensch und Tier lebenswerter werden.

Das Industriegebiet Nord in Freiburg soll schon bald erblühen. Auszubildende erarbeiten zusammen mit Experten ein Konzept für Grünflächen, die nicht wie Teppiche aussehen, sondern Lebensgrundlagen für bedrohte Insekten und andere Tiere bieten sollen – und in denen sich die Menschen wohler fühlen.

Das Bildungsprojekt "Erblühendes Industriegebiet" hat zum Ziel, junge Menschen weiterzubilden und das Industriegebiet Freiburg Nord naturnaher zu gestalten. Beteiligt sind Auszubildende von vier dort ansässigen Unternehmen. In moderierten Workshops entwickeln die Azubis für das jeweilige Unternehmen "einen Masterplan für Artenvielfalt und für eine höhere Aufenthaltsqualität im Außenraum", wie die Initiatoren mitteilen. Die Umsetzung erfolgt in Absprache mit der jeweiligen Unternehmensleitung.

"Industriegebiete sehen in ganz Europa gleich aus", sagt Hans-Jörg Schwander, Landschaftsgärtner, Medien-Pädagoge und treibende Kraft des Vorhabens, bei der Auftaktveranstaltung in dieser Woche. "Breite Straßen, große Industriehallen, viele Parkplätze und ein wenig Abstandsgrün." Vor ihm sitzen 41 Auszubildende, die beim Automobilzulieferer Micronas, dem kommunalen Energieversorger Badenova, der Stadtreinigung Freiburg und der Freiburger Messe lernen. Die Nachwuchskräfte bekommen in den nächsten rund 25 Monaten die Chance, das mit 300 Hektar größte Freiburger Industriegebiet zu gestalten – als Lebensraum für Menschen und für teils bedrohte Tier- und Insektenarten.

Es bestehe in ganz Baden-Württemberg großes Potenzial, seien doch ein Prozent der Landesfläche Industrie- und Gewerbegebiete, führt Schwander aus. Das entspricht ungefähr 50 000 Fußballfeldern. Initiator Schwander von der gemeinnützigen Freiburger Innovation Academy will auch als Modell für andere Industriegebiete Erfahrungen sammeln. Drei Jahre lang wurde geplant: Biologen, Klimaforscher und andere Fachleute untersuchten die Flora und Fauna im Norden Freiburgs, sie sicherten die Finanzierung, gewannen Experten für die Workshops und sie warben um Unternehmen. Mit der Auftaktveranstaltung beginnt nun die Bildungsphase, in der die Azubis bei Exkursionen vielfältige Gestaltungsmöglichkeiten von Fassadenbegrünung bis Regenwassermanagement kennenlernen.

"Wie soll das Industriegebiet der Zukunft aussehen?", fragt Schwander die Auszubildenden. Die schreiben ihre Ideen auf bunte Kärtchen. Auf einem steht "Barfußpfad", auf einem anderen "bepflanzte Radwege". Auch einen Pausenraum und einen Betriebsgarten zum Erholen und um Nutzpflanzen anzubauen fänden die Auszubildenden gut, einen Streichelzoo und mehr Wasser, Teiche etwa oder Wasserfälle. Verbesserungswürdig sind ihnen außerdem die Radwege und Straßen, der öffentliche Nahverkehr und die kahlen Fassaden des Gebiets.

In der Planungsphase, die im Juli beginnen soll, werden die Azubis dann konkrete Pläne in Workshops erarbeiten. Das Angebot ist breit gefächert: mit Astschere und Hacke Lebensraum für bestimmte Reptilien und Insekten bewahren und herstellen, Gemüse züchten mit Urban Gardening, Treffpunkte mit Mosaiken und Skulpturen gestalten, Teiche aus Regenwasser anlegen oder Fassaden bemalen und mehr. Die Azubis sollen immer auch eigene Ideen einbringen. Die Pläne inklusive Kostenkalkulation präsentieren sie schließlich der Belegschaft und der Unternehmensleitung.

Dieses Vorgehen kann sich auf die Firmenbelegschaft auswirken. "Azubis stehen in der Hierarchie eines Unternehmens meist weit unten. Durch das Projekt können sie ihre Ideen dem Rest der Belegschaft auf Augenhöhe präsentieren", erläutert Schwander. Die Azubis würden zu Experten ihrer Vorschläge.

In der Phase ab März 2019 setzen die Firmen die Vorschläge dann auf eigene Kosten um. Voraussichtlich im April und Mai 2020 werden die einzelnen Vorhaben in einem Ausstellungsraum präsentiert. Darüber hinaus wird es einen Film über die verschiedenen Phasen geben.

Gefördert werden das erblühende Industriegebiet von der Deutschen Bundesstiftung Umwelt, vom Land Baden-Württemberg durch Erträge der Glücksspirale, vom Energieversorger Badenova, der Stadt Freiburg und der Sparkasse Freiburg-Nördlicher Breisgau.