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03. Januar 2011

Autonome Abiturienten arbeiten anders

"Methodos"-Schüler bereiten sich selbstorganisiert aufs Abi vor – und haben nach Weihnachten nur Kurzferien gemacht.

  1. Selbstbestimmt lernen macht sichtlich Spaß: Eva Wittkemper, Jaska Gering, Sandro Ticona-Schülli, Alia Ciobanu, Florian Urban (von links). Foto: Michael Bamberger

Als im Sommer 2008 der erste Jahrgang autonomer Abitursvorbereiter tatsächlich die Prüfungen mit Erfolg abgelegt hatte, taten die Pioniere von "Methodos" bereits kund, dass sie sich Nachahmer wünschten. Mittlerweile ist der dritte Jahrgang aktiv. In drei Monaten werden sich vier der derzeit fünf "Methodos"-Schülerinnen und -Schüler den schriftlichen Abiprüfungen stellen. Grund genug, die Weihnachtsferien um eine Woche zu kürzen. Ganz autonom.

Bis auf Eva Wittkemper, 18, sind die anderen vier selbstorganisierten Abi-Lerner im zweiten Vorbereitungsjahr. Zum Beispiel Jaska Gering, 18. Sie wechselte nach dem Realschulabschluss von der Freien Schule Kapriole in die Lerngruppe. Ihr kommt Methodos als konsequente Weiterführung von dem vor, wie sie in der Kapriole gelernt hat: "Das selbstverantwortliche Lernen motiviert einen viel mehr – und man kann nie sagen, der Lehrer war nicht so toll." Die Lehrer engagieren die Schüler bei Methodos selber – stundenweise. Wie sie überhaupt für alle Belange ihrer Minischule selbst aktiv sein müssen: Buchhaltung, Sponsorensuche, Lernverabredungen und Räume.

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Zu Hause ist Methodos seit wenigen Wochen in einem Raum im Haus der Jugend. Hier türmen sich auf orangefarbenem Tisch an diesem Vormittag Materialien zur Geschichte der Bundesrepublik seit 1949. Gegenseitig wird erklärt, einzelne Passagen werden referiert, Fragen lösen hektisches Blättern aus – oder entspannte Erklärungen von einer, die genau zur Schmidt-Ära eben doch supergut Bescheid weiß. "Die Fakten erarbeiten wir alleine", erzählt Alia Ciobanu, 19, "in den Lehrerstunden versuchen wir die Zusammenhänge zu verstehen."

Zu Lehrerstunden in den Ferien hat sich auch Politiklehrer Hans-Peter Waldrich bereiterklärt. "Überhaupt sind unsere Lehrerinnen und Lehrer so solidarisch, dass sie oft zu ungewöhnlichen Zeiten kommen", sagt Sandro Ticona, 19. Wie Alia Ciobanu und Florian Urban, 19, hat er eine Waldorfschulen-Vergangenheit. Und wie die anderen kommt auch er zu dem Schluss: "Gemessen an anderen Schulformen, ist das immer noch toll, was die machen, nur hätten wir uns eine Weiterentwicklung mancher Strukturen gewünscht – und die findet so bislang nicht statt." Hier nun erleben die jungen Erwachsenen, dass sie ihr Lernen selbst in die Hand nehmen können – und davon rundherum profitieren. Ein bisschen Bedauern kommt allseits auf, weil man sich erhofft hatte, dass die von "Methodos" gesetzten Impulse mehr in die Waldorf-Schulkultur zurückgewirkt hätte.

"Anstatt die Aufgeschlossenheit für dieses selbstverantwortliche und kooperative Lernen als Opposition zu werten", kritisiert Alia Ciobanu, "hätte man da vieles aufnehmen können." Für die Art Eigenständigkeit bei der Lernorganisation braucht man allerdings mehr Disziplin und Mut als auf den üblichen Lernwegen, stellt Florian Urban rückblickend fest: "Was wir hier machen ist richtig anstrengend – denn neben dem ganzen Schulstoff müssen wir die Bürokratie durchschauen, die ganze Verwaltung für unser kleines Unternehmen." Und das kostet. Von etwa 28 000 Euro Ausgaben müsse man in einem Jahr ausgehen, erklären die Fünf. 7000 Euro kommen als Schulgeld rein, der Rest muss "eingespielt" werden. Zum Beispiel über Sponsoren. Oder mit dem Benefizkonzert von Pony und Kleid und von Ottoman Empire Soundsystem am Abend des 22. Januar im Haus der Jugend, Uhlandstraße 2. Dort zeigen sich die autonomen Abiturienten an besagtem Samstagnachmittag bei einem Tag der offenen Tür – und laden ein zum Wissensquiz.

Für alles andere gibt’s auch die Website: http://www.methodos-freiburg.de

Autor: Julia Littmann