Zur Navigation Zum Artikel

Wenn Sie sich diesen Artikel vorlesen lassen wollen benutzen Sie den Accesskey + v, zum beenden können Sie den Accesskey + z benutzen.

02. Februar 2011

Medizin und Gesellschaft

Bündnis gegen Depression findet auf Anhieb viele Unterstützer

Der Andrang war kaum zu bewältigen, und viele mussten aus Platzmangel unverrichteter Dinge wieder abziehen: Das Freiburger Bündnis gegen Depression scheint auf Anhieb mitten in der Freiburger Gesellschaft anzukommen

  1. Sie handeln im Kampf gegen die Krankheit Depression (von links): Mathias Berger, Geschäftsführender Direktor Universitätsklinik für Psychiatrie und Psychosomatik, Andreas Biermann, ehemaliger Bundesligaspieler des FC St. Pauli und Gunther Haag, Vorsitzender Freiburger Bündnis gegen Depression. Foto: Ingo Schneider

. Mit einer großen Auftaktveranstaltung im repräsentativen Rahmen des Winterer-Foyers im Stadttheater ging es am Montag offiziell an den Start – fast auf den Tag genau zehn Jahre, nachdem in Nürnberg das erste Bündnis gegen Depression ins Leben gerufen wurde.

Weil es so erfolgreich war, ist eine europaweite Bewegung daraus geworden im Kampf gegen die laut Gunther Haag "hochrelevante Volkskrankheit". Was sie dem ersten Vorsitzenden des Bündnisses zufolge besonders gefährlich macht, ist die "zweite Krankheit": die Stigmatisierung in der Gesellschaft.

Andreas Biermann, 13 Jahre Profifußballer, zuletzt beim FC St.Pauli, hat sie zu spüren bekommen. Sobald er sich outete mit seiner Krankheit, war er seinen Job los. "Ich hätte mich auch heimlich behandeln lassen können", gab er im Interview mit BZ-Redakteur Michael Brendler preis. "Aber ich tue es mir an, damit an die Öffentlichkeit zu gehen, um auf die Krankheit aufmerksam zu machen und zu einem offenen Umgang damit zu ermutigen." Teresa Enkes Auftreten nach dem Freitod ihres Mannes Robert Enke sei für ihn selbst zum Schlüsselerlebnis geworden: "Bis dahin habe ich nicht gewusst, was Depressionen sind, obwohl ich jahrelang mit den Symptomen gelebt und schon zwei Suizidversuche hinter mir hatte" (demnächst nachzulesen in seinem Buch "Rote Karte Depression").

Werbung


Mathias Berger von der Freiburger Uniklinik, zweiter Vorsitzender des Bündnisses, kennt das "Eisberg-Phänomen" der Krankheit: "Selbst in Hausarztpraxen wird sie nicht ausreichend diagnostiziert." Vor allem Männer verstecken sich hinter den somatischen Beschwerden, die sie hervorruft. Das Bündnis will daran arbeiten, dass sich daran etwas ändert: mit Öffentlichkeitsarbeit, mit Fortbildungen, mit der (bereits begonnenen) Ausbildung von Trainern, mit einer Arbeitsgruppe Männerdepression. "Wir wollen sehr viele früh in Behandlung bringen", sagte Berger. "Depressionspatienten ist wirklich zu helfen."

Auch Andreas Biermann fühlt sich, dank Medikamenten und einer Psychotherapie, heute "stabil". Gerne hätte er bewiesen, dass "ich auch als Mensch mit Depressionen 100 Prozent Leistung bringen kann". Das Bündnis strebt an, dass sich nicht nur im Fußball, sondern auch in anderen Bereichen der Arbeitswelt derlei Erkenntnisse durchsetzen. Denn "es ist ein fataler Irrtum, dass es sich um eine Art von Schwäche handelt ", warnte Mathias Berger.

Von 12 000 Erkrankten in Freiburg gehen statistische Hochrechnungen aus. Mehr als 30 Menschen nehmen sich jedes Jahr das Leben. Damit es soweit nicht kommt und sich die Lebensqualität der Erkrankten verbessert, wirbt das Bündnis um Mitstreiter, die ihm ideell und finanziell zur Seite stehen. Auch die 450 Gäste wurden als "Teil unserer Allianz" (Berger) begrüßt. Dass sich das Wissen über die Depression "ausreichend im Alltagswissen verankert", erhofft sich die Stadt Freiburg von dem Projekt. Finanziell fördern kann sie es laut Sozialbürgermeister Ulrich von Kirchbach nicht.

Als gewichtige Verbündete erwiesen sich zahlreiche Künstler: Ursula Eittinger, Wolfgang Newerla, Neal Schwantes und Christoph Waltle ließen die musikalischen Bezüge, etwa mit Schuberts Winterreise, zum Thema aufscheinen. "Die Künste können uns nicht von der Depression befreien", sagte Professor Gerd Heinz von der Freiburger Musikhochschule. "Aber sie können die Kontinente der Dunkelheit beschreiben." Genau das tat der von ihm vorgetragene Text von David Foster Wallace (der sich mit 46 Jahren das Leben nahm).

Autor: Anita Rüffer