Freiburger Straßennamen (15)

Carl von Linné und sein umstrittenes Frauen- und Rassenbild

Frank Zimmermann

Von Frank Zimmermann

Fr, 09. Dezember 2016

Freiburg

Wer war der Botaniker und Mediziner Carl von Linné (1707-1778)?

In den vergangenen Wochen hat die BZ jene zwölf Männer vorgestellt, nach denen Straßen benannt sind, deren Umbenennung eine Expertenkommission empfiehlt. Dazu hat der Gemeinderat vor drei Wochen grundsätzlich grünes Licht gegeben. Daneben rät die Kommission, an 15 Straßenschilder Erklärungen anzubringen. Drei Personen dieser B-Kategorie stellt die BZ vor. Heute zum Abschluss der Serie: den Botaniker und Mediziner Carl von Linné (1707-1778).

"Bei Linné hatte ich das nicht erwartet", sagte der Historiker Bernd Martin, Vorsitzender der Expertenkommission zur Untersuchung der Freiburger Straßennamen, bei der Vorstellung des Abschlussberichts im Oktober. Wegen Linnés umstrittenen "pseudowissenschaftlichen" Ansichten (Kommissionsmitglied Nina Degele) in der Botanik wünscht die Kommission eine Ergänzungstafel unter den Schildern der Linnéstraße in Betzenhausen, die im Juli 1966 ihren Namen erhielt.

Die Soziologin Nina Degele, Professorin an der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg, geht mit Linné hart ins Gericht: Seine Einteilung und Hierarchisierung der Pflanzen in männlich und weiblich sei im 18. Jahrhundert Versuch und Grundlage dafür gewesen, wie die Geschlechter von den Menschen im Alltag wahrgenommen wurden und werden – die Frau als dem Mann untergeordnete Kreatur. Diese Einteilung habe sich bis ins 20. Jahrhundert als vorherrschend behauptet – sie habe als selbstverständlich gegolten und sich in der Gesellschaft festgesetzt. Aufgrund von Linnés hervorgehobener Position als anerkannter Wissenschaftler seien seine Thesen nicht auf nennenswerten Widerstand gestoßen. "Klar haben Linnés Ansichten in die damalige Zeit gepasst, "aber das ist problematisch", findet Degele. Linné findet die Soziologin und Genderforscherin in der B-Kategorie "ganz gut aufgehoben".

Die streitbare feministische Geschichtsprofessorin Londa Schiebinger von der amerikanischen Eliteuniversität Princeton bezichtigte Linnés strenges biologisches System des Sexismus. Die Wochenzeitung Die Zeit bezeichnete ihn in einer Rezension über Schiebingers Buch "Am Busen der Natur" als "entscheidenden Sexualstraftäter in der Klassifizierung und Namensgebung von Tieren und Pflanzen, wie sie Mitte des 18. Jahrhunderts entstanden".

Der weibliche Stempel,

die männlichen Pollen

Mit seinem 3400-Seiten-Werk "Systema naturae" habe Linné eine bis heute gültige botanische und zoologische Fachsprache begründet, schrieb Zeit-Autorin Ulla Foelsing. Dafür habe er eine Diktion verwendet, "die ihm schon damals den Ruch der Pornografie" eingetragen habe. Pflanzen verpasste Linné sexualisierte Fortpflanzungsmerkmale: Den Stempel einer Blüte definierte er als weiblich, weil er aussähe wie eine Vagina, wohingegen die Pollen an den Staubfäden das Pendant zu den männlichen Spermien seien. Alles in allem stufte Linné die männlichen Kennzeichen einer Pflanze in seinem System höher ein als die weiblichen. Völlig außer Acht ließ er, dass viele Pflanzen zweigeschlechtlich sind. Zwitter kamen in Linnés Pflanzenwelt nicht vor.

Die Kommission kritisiert aber auch Linnés Einteilung in vier menschliche Rassen (Europäer, Amerikaner, Asiaten und Afrikaner) anhand von körperlichen Merkmalen und dass er diesen Rassen höhere und niedere charakterliche Eigenschaften zuordnete: So war der rote "Americanus" cholerisch und aufrecht, der weiße "Europeus" sanguinisch (heiter, lebhaft) und muskulös, der gelbe "Asiaticus" melancholisch und steif und der schwarze "Afer" – man ahnt es – phlegmatisch, faul, boshaft und nachlässig.

Ulrich Kutschera, Biologieprofessor an der Universität Kassel, verteidigt Linnés Einteilungen, die mit denen Immanuel Kants vergleichbar sei: Sie basierten auf Reiseberichten und könnten nicht im Sinne eines heutigen menschenverachtenden Rassismus gesehen werden. Kutschera kritisiert das Linné-Gutachten der Kommission; es diskreditiere "einen großen Biologen", Ausführungen darin seien "sachlich falsch".

Linné hatte an der Universität Lund in Schweden und später in Uppsala Medizin studiert. Ab 1729 beschäftigte er sich mit der Sexualität der Pflanzen und dem Bestäubungsvorgang. 1731 erstellte er einen Katalog des Botanischen Gartens von Uppsala und entwickelte sein eigenes, aus 24 Klassen bestehendes System. Expeditionsreisen führten ihn nach Lappland, durch die Provinz Dalarna, später nach Deutschland und die Niederlande, wo er an der Universität Harderwijk promovierte. Mit der "Musa Cliffortiana", einer Beschreibung und Analyse der Banane, schuf er die erste Monografie über eine Pflanzengattung. Linné war Mitbegründer der Königlichen Schwedischen Akademie der Wissenschaften und deren erster Präsident sowie Botanikprofessor in Uppsala. Seine Werke "Systema Natura" und "Species Plantarum", in letzterer Publikation beschreibt er mit 7300 Arten alle ihm bekannten Pflanzen der Erde, zählen zu seien bekanntesten Werken.