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13. Juli 2015

Forschung

Christian Flotho erhält Preis der Eleonore- und Fritz-Hodeige-Stiftung

Die Arbeit von Christian Flotho ist ein Paradebeispiel für „Forschung made in Freiburg“. Mithin ist es logisch, dass er in diesem Jahr mit dem Preis der Eleonore- und Fritz-Hodeige-Stiftung ausgezeichnet wird, mit dem medizinische Forschung in Freiburg gefördert werden soll.

  1. Preisverleihung der Eleonore und Fritz Hodeige-Stiftung (von links): Christian Hodeige, Charlotte Niemeyer, Preisträger Christian Flotho, OB Dieter Salomon, Eleonore Hodeige, Hans-Jochen Schiewer, Anca Grosu, Thomas Reinhard und Franz-Josef Neumann. Foto: Thomas Kunz

Der 46-jährige Oberarzt an der Uni-Kinderklinik hat seine akademische Laufbahn vor allem in Freiburg beschritten und befasst sich mit einer besonders perfiden Form des Blutkrebses (Infobox). Bei der Preisverleihung am Sonntag gratulierten unter anderem Oberbürgermeister Dieter Salomon und Unirektor Hans-Jochen Schiewer.

Abends warten zwei gesunde Töchter, zwölf und sieben Jahre alt, auf ihn. Professor Christian Flotho dürfte sein Glück täglich neu zu schätzen wissen. Denn als Oberarzt im Zentrum für Kinder- und Jugendmedizin an der Freiburger Uniklinik hat es der 46-Jährige vorwiegend mit krebskranken Kindern und Jugendlichen zu tun. Der Familienvater bemüht sich, nicht mit nach Hause zu nehmen, was ihm Belastendes in seinem beruflichen Alltag begegnet. Der Wissenschaftler in ihm nimmt sogar genau das als Ansporn, dem auf den Grund zu gehen, was die Kinder krank macht und um ihr Leben zu bringen droht.

Schon früh in seinem Medizinstudium, das er in Freiburg absolvierte, sei ihm klar gewesen, dass er sich auf Kinder- und Jugendmedizin spezialisieren wolle. Forschen und Behandeln gehen dabei Hand in Hand, und das findet er gut so. Sein Büro liegt direkt neben den Labors mit den gesicherten Zugängen und der Aufschrift "gentechnischer Arbeitsbereich". Sie sind bestückt mit Apparaten, die imstande sind, Zellen in ihre Bestandteile zu zerlegen, diese zu identifizieren und ihre Strukturen zu analysieren. Christian Flotho interessiert sich besonders für ganz spezielle Leukämiezellen: die der juvenilen myelomonozytären Leukämie. Der Zungenbrecher ist nicht nur für Laien allenfalls in der Abkürzung (JMML) handhabbar.

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Kompliziert wie der Name, sind die molekulargenetischen Zusammenhänge, die der Krankheit zugrunde liegen. Wie bei allen Leukämieerkrankungen produzieren die zu Krebszellen gewordenen Blutstammzellen im Knochenmark keine gesunden weißen und roten Blutkörperchen mehr. Die Organe werden nicht mehr mit ausreichend Sauerstoff versorgt, das Immunsystem leidet. Weil sich die Art der Blutstammzellen unterscheidet, gibt es verschiedene Unterformen der Leukämie. Die JMML tritt ausschließlich bei Kleinkindern bis zum sechsten Lebensjahr auf. Viele Leukämien sind mit einer Chemotherapie zu behandeln, bei JMML hilft nur eine Knochenmarkstransplantation – wenn überhaupt. "Sie ist kein Allheilmittel", weiß Flotho. "Ein Drittel der behandelten Kinder erleidet einen Rückfall." Nur knapp zwei Drittel der jungen Patienten können geheilt werden.

Vorhersagen über die Rückfallwahrscheinlichkeit sind – im Unterschied zu anderen Krebserkrankungen – bei dieser schwierig. Nicht nur Genmutationen – von denen in den Freiburger Labors einige relevante gefunden worden seien – spielen bei dieser Leukämieform eine Rolle. Die Zellen können auch auf eigentlich intakte Gene nicht zurückgreifen, weil diese sich eine Art Tarnkappe aufgesetzt haben: Methylierung nennt der Epigenetiker die entsprechenden chemischen Vorgänge.

Christian Flotho hat mit seiner experimentellen Laborforschung herausgefunden, dass das Rückfallrisiko bei der JMML umso höher ist, je mehr dieser "Tarnkappengene" sich in den Zellen tummeln. Das eröffnet Perspektiven auf neue Behandlungsmöglichkeiten bei der wichtigen Vorbereitung auf die Knochenmarktransplantation. Mit Chemotherapien wurde bislang versucht, vorher möglichst viele Leukämiezellen abzutöten, um Platz im Knochenmark des Empfängers für die transplantierten Stammzellen zu schaffen. Derzeit wird mit einem – bei Erwachsenen schon gebräuchlichen – Medikament experimentiert, das die Methylierungsvorgänge in den Genen hemmen soll. Erstmals wurde es – mit Freiburger Unterstützung – vor etwa sieben Jahren bei einem Kind in Dresden vor einer Transplantation angewandt. "Es hat überraschend gut geholfen", zieht Christian Flotho Bilanz. Der Junge habe vor der Transplantation weniger Leukämiezellen im Blut gehabt, Leber und Milz – die bei der JMML stark vergrößert sind – hätten sich verkleinert, die Atmung habe besser funktioniert. Der Junge wurde erfolgreich transplantiert und ist heute alt genug, dass die Krankheit nicht mehr auftreten kann.

Juvenile myelomono- zytäre Leukämie (JMML)

JMML gehört mit bis zu 15 Neuerkrankungen jährlich in Deutschland zu den eher seltenen Blutkrebsarten. Europaweit wird sie nach Therapiekonzepten behandelt, die in Freiburg wesentlich mitentwickelt wurden. Am Zentrum für Kinder- und Jugendmedizin an
der Freiburger Uniklinik laufen die Fäden für die europaweite Forschung zusammen. Es übernimmt auch die medizinische Koordination für die anstehenden Medikamentenstudien. Zwölf weitere Fälle wurden nach dem Dresdner Pilotfall im Jahr 2008 dokumentiert. Die Hälfte der Kinder habe gut darauf angesprochen.  

Autor: arü

Autor: Anita Rüffer und Frank Thomas Uhrig