Mordfall Maria L.

Cybercrime-Firma hackte für die Polizei Hussein K.s Handy

Carolin Buchheim, aktualisiert um 13.30 Uhr

Von Carolin Buchheim & aktualisiert um 13.30 Uhr

Mo, 08. Januar 2018 um 07:24 Uhr

Freiburg

Die Ermittler der Freiburger Kripo ließen das Handy des Angeklagten Hussein K. von einer Münchner Spezialfirma cracken. Die Daten geben Aufschluß über K.s Verhalten in der Tatnacht.

Zusammenfassung des 17. Verhandlungstags

Der 17. Verhandlungstag ist beendet. Der Tag begann mit der Aussage eines jungen Flüchtlings aus Afghanistan, der Hussein K. vor mehreren Jahren im Iran getroffen haben will. Hochinteressant war die Aussage des Cybercrime-Ermittlers der Kriminalpolizei Freiburg zu den Aktivitäts- und Standortdaten von Hussein K.s Handy. Eine externe Firma hatte das Telefon für die Ermittler gecrackt. "Es ist alles absolut stimmig", sagte der Ermittler über die Daten aus dem Telefon. Diese zeigten sogar, wann der Angeklagte die Böschung der Dreisam hochhegangen war – und gaben auch Aufschluß über die wahrscheinliche Dauer der Tat – eine Stunde und zwanzig Minuten. Zum Abschluss der Verhandlungstags wurden die beiden Gerichtsurteile aus Griechenland verlesen. Die Verhandlung wird am 25. Januar um 14 Uhr fortgesetzt.

Verlesung der griechischen Urteile

13 Uhr: Zum Abschluss des 17. Verhandlungstags werden die beiden Urteile gegen Hussein K. aus Griechenland verlesen.

Richterin Schenk beginnt mit dem erstinstanzlichen Urteil des Gerichts in Korfu vom 12. Februar 2014: Hussein K. wird wegen versuchten Raubes und versuchten Mordes verurteilt. Das Gericht sah als erwiesen an, dass Hussein K. sich am 26. Mai 2013 gegen 2.30 Uhr seinem Opfer näherte, sie festhielt, nach ihrer Handtasche griff und sie erst zu Boden warf. Als ein Auto kam, hob K. sein Opfer kopfüber über ein Zaungitter hinweg und ließ sie einen Abhang hinunter zum Meer fallen. Die Tasche warf er hinterher. Das Opfer wurde schwer verletzt. Das Gericht sah als erwiesen an, dass K. die Straftat absichtlich begangen habe und nur durch den körperlichen Einsatz des Opfers verhindert wurde. "Die Höhe des Punktes, an der er sie in die Tiefe schleuderte, bestätigt seinen Eventualvorsatz", liest die Richterin vor. Der Raub sei vollendet gewesen und der Wurf des Opfers die Klippe herunter verübt worden, um den Raub zu verdecken.

Die Strafe: vier Jahre Freiheitsstrafe für den Raub, acht Jahre für den versuchten Mord; das machte eine Gesamtfreiheitsstrafe von zehn Jahren; abzüglich der U-Haft seien das neun Jahre, drei Monate und vierzehn Tage.

Das Gericht ging davon aus, dass Hussein K. Jugendlicher sei - aber bereits 18 Jahre alt. Im Urteil wird Hussein K. als "Sohn des Gholami" geführt, seine Mutter heiße Mariam.

Dann liest Richterin Schenk das Berufungsurteil vom 18. September 2017 des Gerichts von Korfu vor, das in Abwesenheit von K. verhandelt wurde: Das Gericht verwirft die Berufung, da Hussein K. zur Verhandlung nicht anwesend gewesen sei. Es sei kein ordentliches oder außerordentliches Rechtsmittel eingelegt worden.

Richterin Kathrin Schenk spricht den Angeklagten an: "Ich weiß, Sie wollen inhaltlich zu dem Verfahren in Griechenland nichts sagen. Wollen Sie denn etwas zu dem Verfahrensablauf sagen, insbesondere zum Berufungsverfahren?" Sie fragt nach, ob er Kontakt mit seiner Anwältin in Griechenland gehabt habe. "Nein", sagt er. "Haben Sie denn das Berufungsurteil von den griechischen Behörden übersandt bekommen", fragt die Richterin. "Nein", sagt er. "Haben Sie überhaupt irgendwas gehört, seit ihrer Berufungseinlegung 2014?"

Ausblick auf den Fortgang des Prozess

Staatsanwalt Eckart Berger bittet die Vorsitzende Richterin Schenk, dass ein Fernsehbericht über den Fall in Griechenland, der auf Youtube zu sehen ist, beim nächsten Verhandlungstag, wenn Übersetzer vor Ort sind, gezeigt wird. Dieser Bericht zeige die Gegebenheiten vor Ort sehr gut. "Ich kann Ihnen den Link schicken", sagt der Staatsanwalt zur Richterin.



Am 25. Januar wird der Prozess um 14 Uhr fortgesetzt. Für den 8. Februar werden die Aussagen zweier Textil- und Pflanzengutachter angekündigt, eine Zeugin, die von Hussein K. angesprochen wurde, sowie die Verlesung von Dokumenten. Am 20. Februar könne der Rechtsmediziner Pollack aussagen, Hussein K.s Opfer aus Griechenland möglicherweise am 27. Februar. "Ich gehe aktuell aber nicht davon aus, dass sie für eine Aussage in Person oder per Videoübertragung zur Verfügung stehen wird", sagt Richterin Schenk. Alternativ wäre die Aussage eines weiteren Handy-Sachverständigen möglich. Am 2. und 9. März könne dann der psychiatrische Gutachter Pleines aussagen sowie die Jugendgerichtshilfe.

Verteidiger Sebastian Glathe spricht noch die Einführung eines griechischen Altersgutachtens an und fordert für Hussein K. einen Übersetzer für Griechisch, damit Hussein K. Kontakt mit seiner Verteidigerin in Griechenland aufnehmen kann.

Verlesungen von Dokumenten

12.30 Uhr: Der nächste Zeuge ist um 10.15 Uhr geladen. Bis dahin verliest Richterin Schenk zwei übersetzte Dokumente: einen kurzen Brief, den Hussein K. an seine Familie geschrieben hat und eine Notiz, die diesen Brief begleitete. Mit dieser hatte K. sich an einen unbekannten Empfänger gewendet, der an der alten Adresse der Familie lebt und gebeten wurde, den Brief weiterzuleiten.

"Mir ist ein Problem ereignet, deswegen konnte ich mich nicht melden", schreibt K. an seine Familie und teilt ihr seine Adresse im Justizkrankenhaus Hohenasperg mit und bittet um die Zusendung einer Telefonnummer, um mit seiner Familie Kontakt aufnehmen zu können.

Im Anschluss verliest Richterin Schenk das Rechtshilfeersuchen, das die Staatsanwaltschaft Freiburg in den Iran gesendet hat und das die Bitte um Auskunft zur Person von Hussein K. enthält. "Die Identität des Angeklagten ist nicht abschließend geklärt", heißt es in dem Schreiben, in dem auch der Tatvorwurf noch einmal dargelegt wird. "Die Personalien, das Geburtsdatum und der Geburtsort stehen jedoch nicht fest." Die Eltern und Geschwister des Beschuldigten würden im Iran in der Nähe von Teheran leben, ein Zeuge habe auf eine Vergewaltigung eines 15- oder 16-jährigen Jungen, ein anderer auf die eines 12-jährigen Mädchens hingewiesen. Teil des Rechtshilfeersuchens waren auch Fotos des Angeklagten und Daten zur DNA von K. Das Rechtshilfeersuchen wurde von der Staatsanwalt an die deutsche Botschaft weitergeleitet, auch dazu liest die Richterin ein Dokument vor. Die Botschaft leitete den Brief ebenfalls von K. an die iranischen Behörden weiter.

Die Antwort der iranischen Behörden auf die Anfrage zur K.s Identität, die von Richterin Schenk verlesen wird, erscheint wenig hilfreich. Dort heißt es, es wären mehr Informationen über seine Person notwendig, unter anderem die Nummer seiner Identitätskarte und die vollständigen Namen der Eltern. Der Brief an die Familie sei an der angegebenen Adresse nicht zustellbar gewesen.

Aussage eines Polizisten zu den Handydaten von Hussein K.

Nächster Zeuge ist ein Kriminalbeamter der Direktion Freiburg. Der Fachmann für Cybercrime hat das Handy des Angeklagten im vergangenen Herbst noch einmal ergänzend ausgewertet und war in der Soko "Dreisam" für die digitalen Spuren zuständig. "Das Handy wurde ihm am Tag der Festnahme abgenommen", sagt der Zeuge. "Es war durch einen Pin-Code geschützt, dadurch war es nicht möglich, die Daten auszulesen." Der Angeklagte und sein Anwalt hätten diesen Code nicht mitgeteilt. Das Telefon, ein iPhone 6S, sei nicht einfach zugängig, ohnehin seien iPhones seit dem iPhone 4 nicht mehr leicht zu cracken.

Man habe zum Cracken des Telefons einen Dienstleister in Anspruch nehmen wollen, der zum Zeitpunkt der Festnahme jedoch mitteilte, dass es bis Herbst 2017 dauern könnte, bis die notwendige Crack-Methode zur Verfügung gestanden hätte. Der Zeuge beschreibt, wie zwischenzeitlich über die Sprachsteuerung "Siri" Zugriff zu den gespeicherten Kontakten und den Fotos auf dem Handy erlangt wurde. Im Sommer 2017 teilte der Dienstleister schließlich mit, dass eine Crack-Methode vorhanden sei, daraufhin wurde das Handy an den Dienstleister übersendet. Der Dienstleister ermöglichte mit seinem Hack den Zugriff auf die volle Dateienstruktur des Handys. "Es war relativ neu, dass man gegen Entgelt ein Handy entsperren lassen kann", sagt der Zeuge. "Unsere Software konnte noch nicht alles interpretieren." Interessant sei für Ermittler vor allem gewesen, was um die Tatzeit herum auf dem Handy geschehen sei. Die verwendete Software habe die Möglichkeit eine "Timeline" darzustellen, das sei zunächst ernüchternd gewesen, weil keine Daten gefunden wurden.

"Es war relativ neu, dass man gegen Entgelt ein Handy entsperren lassen kann."Cybercrime-Spezialist der Polizei

Bei einer weiteren Analyse der Datenbanken auf dem Handy seien jedoch zusätzliche Daten gefunden worden, die in einer Cache des Telefons gespeichert gewesen sein - Geodaten und Angaben zur Quelle der Geodaten, Wifi oder Mobile Daten. Die Aussage des Zeugen ist komplex. "Bin ich zu schnell?", fragt er - im Zuschauerraum und auf der Richterbank wird geschmunzelt. Er erläutert: Von Apple automatisch gesendete Daten würden in dieser Datenbank das Speichern von Geodaten verursachen. "Wir haben festgestellt, dass ab dem 30.9. bis zum Zeitpunkt der Festnahme, Daten vorhanden sind, die uns immer wieder Standortdaten des Handys des Beschuldigten liefern", sagt der Zeuge. Dann erklärt er, wie die Ermittler an die Aktivitäts- beziehungsweise Bewegungsdaten des Handys gekommen ist. Kenntnisreich und mit wenigen Worten beschreibt der Zeuge, dass jedes iPhone ständig durch diverse Sensoren eine Vielzahl von Bewegungsdaten aufzeichnet - Schritte, Treppenstufen, Entfernungen; diese würden etwa von der "Health"-App verwendet. Beide Daten, die Geodaten und die Bewegungsdaten, habe man schließlich in Zusammenhang gestellt.

Am Richtertisch beschreibt der Zeuge jetzt diese Interpretation: Am Nachmittag des 15. Oktober sei das Handy des Angeklagten zunächst an seinem Wohnort gewesen. Um 20.28 Uhr zeige eine Wifi-Quelle, dass K.s Telefon in der Nähe des Hauptbahnhofs gewesen sei. Etwas später zeige eine Mobilfunkzelle, K. sei am Flückigersee gewesen, mehrfach. Etwa um 20.53 Uhr, sei das Handy dort registriert worden. Die Daten aus Funkzellen seien grundsätzlich nicht so genau, wie bei Wifi-Quellen. Das erkläre, warum das Telefon des Angeklagten auch in drei entfernte Funkzellen, unter anderem in der Bettackerstraße, eingeloggt gewesen sei. "Funkzellen können mehrere Kilometer entfernt sein", sagt der Zeuge. "Auch zwei Kilometer entfernt." Für die Wifi-Quellen sei es nicht notwendig, in das entsprechende Wifi-Netz eingeloggt zu sein. "Es reicht, wenn Ihr iPhone registriert, dass das Wifi da ist." Die genauesten Daten seien jedoch GPS-Daten.

Die Daten zeigen laut der Aussage des Zeugen den Weg des Angeklagten in der Tatnacht durch die Stadt: Vom Flückigersee zur Stusi, dann zur Haltestelle Stadttheater, wo ein Wifi-Kontakt an der Sparda-Bank gewesen sei, zur Kaiser-Joseph-Straße und zur Sonderbar in der Salzstraße. Dort sei er bis nach 1 Uhr gewesen, um 1:36 Uhr zeigt das Handy ihn in der Innenstadt, um 1:57 Uhr sei er, laut Videoaufnahmen, in die Tram eingestiegen. An der Endhaltestelle Lassbergstraße sei dann ein Einloggen in eine Funkzelle geschehen. Um 2:46 Uhr habe das Handy einen Kontakt zum Wifi der Jugendherberge gehabt. Und um 4.17 Uhr GPS-Daten direkt vom Tatort. "Wenn eine App aktiv war, die GPS-Daten nutzt, kann das passiert sein", sagt der Zeuge.

"Bis 2.32 Uhr war der Beschuldigte mit dem Handy in Bewegung." Cybercrime-Spezialist der Polizei
Die Ermittler hätten unter anderem auch verschiedene Versuche mit einem baugleichen iPhone gemacht. "Jemand mit ähnlicher Statur wie der Angeklagte ist die Böschung der Dreisam hochgelaufen", sagt der Zeuge. Beim geraden Hochlaufen habe das Handy ein Stockwerk einer Treppe aufgezeichnet, beim quer hochlaufen jedoch nicht." Die Bewegungsmuster seien jedoch nicht total verlässlich aufgenommen. Grundsätzlich gelte jedoch, dass das Überwinden von drei Höhenmetern innerhalb von 16 Schritten als Treppe registriert werde. Würden in zehn Minuten 300 Schritte aufgenommen, bliebe jedoch unklar, ob diese 300 Schritte zu Beginn der zehn Minuten oder zu deren Ende stattgefunden hätten. Zudem würden die Daten nicht sofort in der Datenbank gespeichert - das dauere zum Teil mehrere Minuten; die Aufzeichnungen seien somit nicht minutengenau.

Der Ermittler ordnet die Daten ein, spricht über die Daten zur Tatzeit. Diese zeigten unter anderem die Wartezeit des Angeklagten am Tatort. "Bis 2.32 Uhr war der Beschuldigte mit dem Handy in Bewegung", sagt der Zeuge. Bis 2.52 Uhr hätte er nur wenige Schritte gemacht, um 2.55 Uhr zeige das Bewegungsmuster eine Treppe an - vermutlich das Besteigen der Dreisam-Böschung. Das passe mit der Berechnung von Maria L.s Heimweg zusammen, sagt der Zeuge. Danach habe das Handy des Angeklagten sich jedoch für 1 Stunde und 20 Minuten kaum bewegt, bis wieder ein Gang die "Treppe hoch" - die Dreisamböschung - registriert worden sei.

Auch das Handy des Opfers hat der Zeuge ausgewertet - ein Nokia-Handy, das auf Windows läuft. Die Auswertung dieser Daten sei deutlich einfacher gewesen, erklärt der Ermittler. "Der letzte Zeitstempel aus dem Opferhandy war 4.12 Uhr und um 4.15 Uhr haben wir im Handy des Angeklagten ein Treppensteigen", sagt der Zeuge. "Ein letztes Treppensteigen haben wir um 4.18 Uhr." Da könne der Angeklagte noch einmal die Böschung hochgestiegen sein - oder auch etwa den Anstieg am Dreisamradweg zur Brücke in Ebnet überwunden haben. Ein Versuch habe gezeigt, dass auch dieser Anstieg in einem iPhone als Treppe registriert werde.
"Es ist alles absolut stimmig." Cybercrime-Experte der Polizei
Die Daten seien jedoch insgesamt nur als Indizien zu werden, erklärt der Zeuge auf eine Nachfrage von Staatsanwalt Eckart Berger zu zwei konkreten Schrittwerten. "Die Daten lassen es nicht zu, dass man sie so genau auswertet."
Der Zeuge beschreibt Versuche, die die Ermittler durchgeführt haben. Unter anderem hätten Ermittler die verschiedenen Wege zum Tatort abgefahren, seien die Dreisamböschung auf verschiedene Arten hoch und herunter gegangen. "Der Gang auf die Brücke wurde etwa auch als eine Treppe registriert." Der Zeuge hat bei der Besprechung am Richtertisch eine letzte Anmerkung: "Ich weiß, dass das in der Auswertungskraft nicht unentscheidend sein kann", sagt der Polizist. "Es ist alles absolut stimmig."

Richterin Schenk hat noch eine Nachfrage zur gelöschten SMS, die des Öfteren Thema im Prozess war – eine SMS von 23.12 Uhr in der Tatnacht. "Warum kommen sie bei der SMS zu der Aussage, dass sie gelöscht wurde?", fragt Richterin Schenk. Bei anderen Daten sei nicht klar gewesen, ob diese gelöscht oder nicht auffindbar gewesen worden seien. Der Ermittler erklärt, dass die SMS nicht überschrieben wurde, sondern als gelöscht markiert wurde, das sei in der zur Analyse verwendeten Software angezeigt worden.

Griechische Ermittler sollen am nächsten Prozesstag aussagen

10.15 Uhr: Zum Beginn des 17. Verhandlungstag im Prozess gegen Hussein K. kündigt Richterin Kathrin Schenk an, dass nun - wie lange erwartet - am 25. Januar zwei griechische Ermittler anreisen und aussagen werden.

Aussage des Zeugen M., der den Angeklagten aus dem Iran kennt

Erster Zeuge des Tages ist Mohammed M., 21 Jahre alt. Der gebürtige Afghane lebt in Berlin und macht dort eine Ausbildung. M. hatte sich bei der Polizei gemeldet, nachdem er in den Medien Berichte über den Fall Maria L. gesehen hatte: Er hatte den Angeklagten wiedererkannt. Seine Schwester, die im Iran lebt, kenne Hussein K. - bei einem Besuch dort vor fünf oder sechs Jahren habe er Hussein K. gesehen. Seine Schwester sei mit einer der Schwestern von Hussein K. befreundet; man sei sich auf der Straße und in einem Laden begegnet, habe aber nicht miteinander geredet.

"Meine Schwester sagt, er sei 22." Zeuge M.
M. erzählt, er habe sich bei seiner Schwester über den Angeklagten informiert. K. habe zwei Schwestern und zwei Brüder. Auch die Adresse der Familie von Hussein K. habe seine Schwester ihm gegeben. "Hat sie auch etwas zu Vater und Mutter gesagt?", fragt Richterin Kathrin Schenk. "Ja, Vater und Mutter auch."
"Haben Sie sich mal mit ihrer Schwester über das Alter von Herrn K. unterhalten?" fragt die Richterin. "Meine Schwester sagt, er sei 22." Die Richterin verweist darauf, dass der Zeuge in der ersten Aussage bei der Polizei das Alter von Hussein K. als 23 oder 24 Jahre bezeichnet hat. "Ja, das kann auch sein", sagt M. Die Richterin hakt weiter nach: Bei dieser Aussage habe der Zeuge auch gesagt, es habe im Iran eine Straftat gegeben. "Ja, er soll im Iran einen Jungen vergewaltigt haben." Die Tat habe K. mit mehreren anderen begangen, das Opfer sei 15 gewesen, es habe aber nur eine Geldstrafe gegeben. "Das wäre aber eine sehr geringe Strafe für eine Vergewaltigung im Iran gewesen", fragt Richterin Schenk nach. "Meine Schwester hat das mir gesagt", sagt Zeuge M.

Am Richtertisch schauen die Verfahrensbeteiligten nun einen Ausdruck von GoogleMaps an, der den Wohnort der Schwester des Zeugen M. zeigt. Richterin Schenk bittet den Zeugen, eine Adresse auf der Karte zu zeigen. Hussein K. bleibt auf seinem Platz sitzen. Nach einigen Minuten fragt Richterin Schenk, ob Hussein K. sich beteiligen will. K., der heute einen müden, teilnahmslosen Eindruck macht und dessen Gesicht stark aufgequollen wirkt, kommt erst nach einigem Hin und Her über frühere und aktuelle Adressen seiner Familie nach vorne an den Richtertisch, markiert dann mit einem Stift den Wohnort seiner Familie auf der Karte, nimmt im Anschluss wieder auf der Anklagebank Platz.

Richterin Schenk befragt den Zeugen weiter nach der Adresse, denn es sei nicht gelungen, die Familie von Hussein K. im Rahmen eines Rechtshilfeersuchens dort zu erreichen. Zeuge M. erläutert: Afghanen würden im Iran häufig die Wohnungen wechseln, dürften im Iran keine Häuser kaufen.

Eine letzte Frage hat Richterin Schenk. "Sie haben bei der Polizei gesagt, sie hätten Angst vor Herrn K. und seiner Familie?" Der Zeuge erläutert: Er hätte sich gesorgt, dass im Prozess Kameras wären, und man möglicherweise sein Gesicht zeigen würde. Er habe seine ganze Familie im Krieg in Afghanistan verloren und nur noch seine beiden Schwestern. Einen konkreten Anlass, Angst vor der Familie K. zu haben, gebe es jedoch nicht.
Ausblick auf den heutigen Verhandlungstag

Für den 17. Verhandlungstag sind zwei Zeugen angekündigt. Zuletzt wurde am 21. Dezember prozessiert – allerdings nur für 15 Minuten. Notwendig war diese kurze Verhandlung, da laut § 229 I StPO eine Hauptverhandlung nur bis zu drei Wochen unterbrochen werden darf. Verlesen wurden lediglich zwei Dokumente – ohne großen Erkenntnisgewinn.

Dem in Freiburg zur Tatzeit als unbegleiteter, minderjähriger Flüchtling lebenden Hussein K. wird vorgeworfen, im Oktober 2016 die 19-jährige Studentin Maria L. an der Dreisam überfallen, vergewaltigt und ermordet zu haben. K. räumte zu Beginn des Prozesses im vergangenen September die Tat ein. Mit einem Urteil wird frühestens im März diesen Jahres gerechnet.

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