Das geraubte Gedächtnis

Volker Bauermeister

Von Volker Bauermeister

Do, 15. Oktober 2009

Ausstellungen

VERBORGENE SCHÄTZE III: Bronzerelief der Beninkunst in der Freiburger Völkerkundesammlung.

Das Freiburger Völkerkundemuseum ist geschlossen, die Sammlung auf unabsehbare Zeit ohne Schauräume. Unsere Reihe "Verborgene Schätze" will daran erinnern, dass es in der Stadt einen unsichtbaren Bestand großartiger kultureller Zeugnisse aus Asien, Afrika, Australien und Amerika gibt.

Erstaunlich und dabei ganz unvereinbar mit jener fixen Idee Europas von afrikanischer "primitiver" Kunst sind die Bronzen Benins. Der große Sammler von Beninkunst, der Kustos des Berliner Völkerkundemuseums, Felix von Luschan verglich die Plastiken des 16. und 17. Jahrhunderts, der Glanzzeit des Königreichs am unteren Niger , mit historischen Spitzenleistungen europäischer Plastik. "Lebenswahrheit" war sein höchstes Lob.

Nicht weniger als drei Reliefplatten sind in der Freiburger Sammlung. Eine zeigt Früchte, eine zwei Männer, wohl mit Musikinstrumenten. Die dritte stellt einen andern höfischen Würdenträger dar, einen Mann mit kurzen Beinen und langem gewölbten Oberkörper, der in einer Hand einen Stab mit einer Vogelfigur hält, in der andern einen Klangstab – um damit auf den Krummschnabel des Vogels einzuschlagen. Es ist dies die Zeremonie des jährlichen Ugie-Oro-Festes, das bis in die Gegenwart im nigerianischen Bundesstaat Edo gefeiert wird. Der begründende Mythos geht auf den in der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts herrschenden Kriegerkönig Esigie zurück. Ein einem Ibis ähnlicher Vogel soll ihm im Kampf gegen das Nachbarreich der Igala mit seinem Ruf eine Niederlage vorausgesagt haben. Esigie setzte sich über die Warnung hinweg, verfolgte den angreifenden Nachbarn mit seinem Heer bis zu dessen Hauptstadt – und dehnte das eigene Machtgebiet damit über den Niger aus. Den Vogel, der ihn hatte täuschen wollen, ließ er töten.

In Esigies Auftrag entstanden die ersten erzählenden Bronzeplatten, die die Pfeiler des Palastes in Benin verkleideten. Esigie war es auch, der den Ritus einführte, der seinen Sieg über den Schicksalsvogel feiert und bestätigt. Wo die Kraft eines Herrschers, wie in Benin, mit der seines Landes identifiziert wird, prägt der Gedanke daran das Selbstbild seiner Bewohner. Gedächtniskultur ist im alten Benin Arbeit am Selbstbild. Sehr plastisch heißt Sich-Erinnern in der Landessprache: "in Bronze gießen".

Die Bronzeplatten sind also nichts anderes als ein materialisiertes Gedächtnis, ein Erinnerungsspeicher. Doch ist dessen Geschichte von Brüchen geprägt. Wohl schon im 17. Jahrhundert wurden die Reliefs demontiert, als das Reich in eine Krise geriet, die Herrschaft zerfiel. Sie wurden im Palast bewahrt, aber nie reinstalliert, auch nicht, nachdem der Oba, der König, neue Autorität gewonnen hatte. Das Bronze-Archiv fand die englische "Strafexpedition" dann im Februar 1897, die die Herrschaft des Oba liquidierte. Die Zerstörung des Palasts, die erzwungene Emigration des Königs markiert eine weitere Bruchlinie im Selbstbewusstsein Benins. Der Moment, in dem seine Kunst für die außerafrikanische Welt sichtbar wurde, war der Moment der bittersten Niederlage.

"Altertümer" vom Königshof Benin, in großer Zahl als Kriegsbeute nach London verschifft, gelangten in den Kunsthandel und in die Museen. Allein um die tausend Bronzeplatten sind in der Welt verstreut. Auch und gerade in Deutschland wurden damals Beninkollektionen zusammengetragen, Felix von Luschan in Berlin stand da nicht allein. Ein Gedenkkopf aus Bronze wurde für die Freiburger Sammlung 1907 in London erworben, schon drei Jahre früher waren die drei Reliefs über das Handelszentrum Hamburg nach Freiburg gekommen. In Benin-City, wohin der Oba von Englands Gnaden 1914 wieder zurückkehrte, nicht mehr als Souverän, doch sakrale Identifikationsfigur, schlagen noch heute die Chiefs den Schnabel des Oro. In Freiburg hat die Bronzeplatte mit dem Schicksalsvogel, in die das Selbstbewusstsein eines Landes eingegossen ist, nun nicht einmal mehr eine Schauvitrine.