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10. September 2014

"Das war ein großer Vertrauensbeweis"

BZ-INTERVIEW mit Dirk Schindelbeck, dem Autor der Dokumentationen zur Geschichte des Waisenhauses in Günterstal.

  1. Dirk Schindelbeck Foto: Kunz

Licht ins Dunkel bringen – das sollte die Dokumenation über das Waisenhaus Günterstal. Autor Dirk Schindelbeck haben vor allem die Gespräche mit den Betroffenen beeindruckt. Yvonne Weik sprach mit ihm über seine Arbeit.

BZ: Sie haben mehr als 70 Zeitzeugen interviewt. Betroffene haben Ihnen auch von Gewalt und sexuellen Übergriffen erzählt. Hat Sie das lange beschäftigt?

Schindelbeck: Ja natürlich. Wenn man mit solchen Erlebnissen konfrontiert wird, arbeitet es in einem weiter – auch, wenn man den Rechner ausgemacht hat.

BZ: Waren Sie bei diesem Projekt mehr Historiker oder Psychologe?

Schindelbeck: Beides. Von der menschlichen Seite war es eine extreme Herausforderung. Aber es gab ja den wissenschaftlichen Auftrag, Strukturen zu erfassen. Das hat funktioniert. Wir konnten die Ergebnisse in historische Abläufe einbinden.

BZ: Im zweiten Band stehen ja die Lebensgeschichten im Mittelpunkt. Teilweise widersprechen sich aber die Erinnerungen. Macht das die Dokumentation nicht unglaubwürdig?

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Schindelbeck: Nein, es gibt jenseits unterschiedlich erinnerter Details viele Dinge, die immer wieder zur Sprache kommen. Zum Beispiel der Essenszwang, oder Gewalt im Alltag wie die vielen Schläge, auch mit Stielen. Ich habe dazu auch das Erziehungspersonal befragt, das die Gewalt ebenfalls wahrgenommen hat. Wir haben uns natürlich auch gefragt, warum einige Betroffene ihre Günterstalzeit sehr positiv sehen. Ein Blick auf das individuelle Heimschicksal erklärt vieles. Wer aus einer desaströsen Familie kam, konnte das Waisenhaus besser ertragen. Manche haben sich auch arrangiert und erfuhren wenig Gewalt – andere, die Widerstand leisteten, umso mehr. Man wundert sich, wie viele individuelle Geschichten unter einem Dach möglich waren.

BZ: Mehr als die Hälfte der Betroffenen haben ihre Geschichte nicht anonym, sondern mit Namen erzählt. Wie wichtig ist das für die Publikation und auch für Sie selbst?

Schindelbeck: Wir haben das als großen Vertrauensbeweis empfunden, den wir so nicht erwartet hatten. Die Klarnamen geben der Dokumentation noch mehr Authentizität und Glaubwürdigkeit. Manche wollten aber anonym bleiben, etwa weil sie in der Öffentlichkeit stehen.
BZ: Die Waisenhausstiftung hat Sie damit beauftragt, deren dunkle Vergangenheit aufzuarbeiten. Betroffene sollten gehört werden, um ihre Erlebnisse zu verarbeiten. Hat das geklappt?

Schindelbeck: Ja, auf jeden Fall. Es gibt sogar drei Ehemalige, die ihre Heimzeit mit eigenen Worten geschildert haben. Sie haben also ihre eigene Stimme erhoben. Noch immer melden sich Zeitzeugen, aber vorerst ist das Projekt abgeschlossen. 95 Prozent dessen, was dort geschah, konnten wir wohl erfassen. Wer sich jetzt noch meldet, kann gerne an den Treffen der Stiftung teilnehmen und sich dort mit anderen Ehemaligen austauschen.

Autor: ywe