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07. Januar 2017

DAS WAR MEIN JAHR

  1. Pina Haas Foto: Privat

  2. Suraya Hussaini Foto: Kunz

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Grenzen wegtanzen

Pina Haas ist 20 Jahre alt und engagiert sich für Geflüchtete.

Grenzen wegdancen – das war für mich im zurückliegenden Jahr ein ganz wichtiges Projekt", stellt die 20-jährige Pina Haas freundlich fest. "Ich hatte im Jahr davor Abi gemacht und wollte etwas machen, mit dem ich von meinem privilegierten Leben etwas abgeben würde." Einige Freunde hatten da schon losgelegt mit der Idee, gemeinsam Partys auf die Beine zu stellen aus Spendenmitteln – und mit dem Gewinn dann Organisationen zu unterstützen, die Sinniges und vielleicht auch Ungewöhnliches für Geflüchtete machen – nicht nur in Freiburg. Das hat auch gleich super funktioniert, erzählt sie, gemeinsam feiern und dabei nicht ausblenden, dass es dieses Thema gibt, Flucht, Geflüchtete – und auch die Solidarität mit ihnen. Das sei so eine Schere im Kopf, dass Feiern und Benefiz nichts miteinander zu tun haben können: "Da bekommt dieses ,man müsste was tun’ immer so was Bleischweres." Aber helfend beitragen müsste gar nicht bedrückend und ewig zeitaufwendig sein: Eine Handvoll engagierte Leute, eine Menge guter und witziger Ideen, gute Musikerinnen und Musiker, die – natürlich – umsonst auftreten, ebenso wie die DJs. Indem eigentlich jeder aus der kleinen Freundesgruppe ohnehin Kontakt zu jungen Geflüchteten habe, sei es von Anfang an klar gewesen: Man wollte genau diese Jugendlichen auch für die Organisation mit im Boot haben. Das aber sei noch ausbaufähig, so Pina Haas, ein Vorhaben für das neue Jahr. Um selber näher an das Thema Flucht heranzurücken, brach das kleine Team im Sommer nach Griechenland auf – inzwischen gab’s für die weitere Vernetzung von "Grenzen wegdancen" auch längst eine Facebookseite (Movement motus) – im Dezember entstand unter diesem Namen auch ein Verein: "Das Einsammeln und das Weiterreichen von Spenden war völlig aufwendig – und hat ganz viel Zeit und Energie gekostet – das ist jetzt einfacher." Und auch das Helfen in Griechenland war einfach, erzählt sie: "Es hat uns alle extrem berührt, wie groß die Solidarität mit den Geflüchteten ist, Griechen besetzen Häuser, um für diese Menschen Infrastrukturen herzustellen, wie zum Beispiel die Gruppe Khora. Die werden wir mit unserer nächsten Party in Freiburg unterstützen – also erfahrungsgemäß mit etwa 2000 Euro." Khora sind eine humanitäre Kooperative in Athen, die in ihrem Haus in großer Vielfalt Angebote machen. Ähnlich hofft Pina Haas auch, werde sich Movement motus in Freiburg künftig breiter aufstellen. Sie selber gibt Geflüchteten Deutschunterricht und lernt Arabisch. In diesem Jahr könnte ein Studium in London losgehen – und mit Sicherheit noch einige Aktionen wie "Grenzen wegdancen": "Überall mache ich diese Erfahrung, dass der Raum und die Gelegenheit für Begegnung extrem wichtig ist." Und das Bewusstsein für die Not der anderen: "Ich setze mich nach einigen Wochen arbeiten in Griechenland in den Flieger und kehre in mein sattes Leben zurück."  

Autor: lit

Grenzen überwinden

Die 17-jährige Suraya Hussaini ist eine der wenigen jungen geflüchteten Frauen.

Als Suraya Hussaini in ihrer Heimatstadt im afghanischen Kabul zur Schule ging, war ganz klar: Sie war Schülerin an einer Mädchenschule – alles andere, sagt sie, wäre undenkbar. Nach 2016, ihrem ersten Jahr in Freiburg, stellt sie fest: "Hier geht es natürlich auch anders." An der Walther-Rathenau-Schule ist sie das einzige Mädchen in ihrer Klasse – zusammen mit 17 Jungs. An der Gewerbeschule lernt Suraya Hussaini in der "Vabo"-Klasse. Die bietet Unterricht unter der Überschrift "Vorqualifizierung Arbeit und Beruf mit einem Schwerpunkt auf dem Erwerb von Deutschkenntnissen", kurz: Vabo. Und wird derzeit fast ausschließlich von jungen Geflüchteten besucht. "Ich habe meine Lehrerin gefragt, ob nicht noch mehr Mädchen in die Klasse kommen können", erzählt die 17-jährige Suraya Hussaini. Leider nein, es gebe nämlich fast gar keine jungen geflüchteten Frauen, hieß es da – und letzten Endes sei das für sie selber auch kein Problem, findet Suraya, denn sie werde sehr freundlich von allen behandelt. Schule und Deutschlernen sind aber nur zwei der großen Herausforderungen ihres ersten Freiburg-Jahres: Obendrein arbeitete sie sehr engagiert bei zwei Projekten mit, die jeweils über viele Monate liefen: Als eine von zwölf Stadtfotografinnen und -fotografen der Bürgerstiftung trug sie mit drei eigenen Fotoarbeiten bei zu der Ausstellung "We cross borders". "Ich war stolz darauf, dass wir alle zusammen solchen Erfolg hatten – und wirklich: Das Ergebnis war toll!" Eine Ausstellung in der Ausstellung waren die Bilder ihrer Mutter Fatima gewesen. Sie hat in Kabul Fotografie studiert – und mit dem Handy die Flucht dokumentiert. Bilder von eindrücklicher Erzählkraft. Für Suraya Hussaini ganz normal: "Von jeder Reise hat unsere Mutter immer Fotos gemacht, und die waren immer sehr gut!" Die Flucht aber war eine ganz andere Reise – über Grenzen – Iran, Türkei, Griechenland, Mazedonien, Serbien, Ungarn, Österreich, Deutschland: "Deutschland war immer mein Traum!"

Projekt Nummer zwei soll zwischen den Menschen hier und dort Brücken schlagen – Motto: Filme machen Fremde zu Freunden. Dieses Projekt heißt "Cinema Exil", im Herbst stellten neun junge Geflüchtete in Freiburg Filme aus ihren Heimatländern vor. Die 17-Jährige wählte mit ihrem Teamkollegen Farhad den Film "Stein der Geduld" aus und stellte ihn dann dem Publikum vor: "Eine junge Frau sagt ihrem schwer verletzten Mann, der im Koma liegt, alles was sie bedrückt und bedrängt." Dass Ehe auch anders gehen kann, davon ist sie überzeugt. 2016 ist denn auch das Jahr, in dem sie sich in Freiburg verlobt hat. "Wir wollen beide noch viel lernen und arbeiten und ein gutes Leben haben", sagt sie. Im kommenden Jahr will sie die Mittlere Reife machen und die Ausbildung zur Krankenschwester beginnen: "Ich mache gerade ein Praktikum im Lorettokrankenhaus – und ich mag das sehr!"  

Autor: lit

Autor: lit