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13. April 2012

"Dem Sozialen Raum geben"

BZ-INTERVIEW mit dem Geografen Tim Freytag über ökologische und soziale Stadtentwicklung.

  1. Tim Freytag Foto: thomas kunz

Wie kann sozial nachhaltige Stadtentwicklung aussehen? In welchem Verhältnis stehen Ökologie und Soziales? Das fragt eine internationale Konferenz des "Freiburg Institute for Advanced Studies" (Frias) der Universität, die heute beginnt. Auf dem Programm stehen auch Exkursionen in die Stadtteile Vauban und Weingarten. Geleitet wird die Tagung von Tim Freytag, Freiburger Professor für Humangeografie. Thomas Goebel hat mit ihm gesprochen.

BZ: Herr Freytag, ist ökologische Stadtplanung unsozial?

Tim Freytag: Das sicher nicht. Die ökologische Komponente dominiert aber in unserem Jahrzehnt, besonders in Freiburg. Die erfolgreiche Vermarktung der "Green City" hat dazu geführt, dass in der öffentlichen Wahrnehmung die soziale Frage etwas in den Hintergrund gedrängt wurde. Aber wir dürfen nicht vergessen, dass Ökologie, Ökonomie und Soziales schon 1992 beim Umweltgipfel von Rio als gleichrangige Säulen einer nachhaltigen Stadtentwicklung erkannt wurden.

BZ: Wie sieht eine soziale Stadt aus?

Freytag: Das ist nicht an jedem Ort der Welt gleich. Ökologische Standards sind international einigermaßen vergleichbar – aber eine soziale Stadt hat vor allem die Fähigkeit, dass sie auf lokale und regionale Gegebenheiten und die Bedürfnisse der Bevölkerung eingehen kann.

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BZ: Welche Bedürfnisse sehen Sie da in Freiburg?

Freytag: Freiburg ist der Sonderfall einer recht wohlhabende Stadt mit einem angespannten Wohnungsmarkt. Das führt dazu, dass sozial schwächer gestellte Haushalte häufig nur noch im weiteren Umland Wohnraum finden. Da sehe ich einigen Nachbesserungsbedarf: Man muss sich fragen, wo es Platz für sozioökonomisch schwächer Gestellte gibt und auch, wie man entsprechende Haushalte verkehrstechnisch anbindet. Da sollte man die Stadt Freiburg in Zukunft stärker mit ihrem Umland zusammendenken.

BZ: Ist Stadtentwicklung überhaupt durch Politik steuerbar?

Freytag: Sie ist steuerbar, wenn es gelingt, gemeinsame Interessen in Stadt und Umland zu identifizieren und dabei verschiedenen Akteure aus Wirtschaft und Zivilgesellschaft mit einzubeziehen.

BZ: Aber ein Wohnungsbauunternehmen wird trotzdem die Miete verlangen, die es am Markt erzielen kann, oder?

Freytag: Innerhalb Deutschlands haben wir eine Tradition des geförderten sozialen Wohnungsbaus. Meine These lautet, dass dieser Bereich in den letzten Jahren etwas in den Hintergrund getreten ist zugunsten der starken und erfolgreichen Konzentration auf das Ökologische, in Freiburg auf das Label der "Green City".

BZ: Wie kann es klappen, zum Beispiel in Weingarten Hochhäuser ökologisch zu sanieren und die Wohnungen trotzdem für die Bewohner bezahlbar zu halten?

Freytag: Das ist genau die Frage unserer Konferenz – wir haben keine fertigen Ergebnisse, wir wollen Erfahrungen austauschen. Technisch ist viel möglich, da ist Freiburg Vorreiter. Beim sozialen Aspekt geht es aber auch darum, in welcher Höhe man öffentlichen Mittel einsetzen will, damit es nicht zur Verdrängung von ansässiger Bevölkerung in andere Wohngebiete kommt.

BZ: Wurden in Freiburg Fehler gemacht?

Freytag: Ich denke nicht, dass man von Fehlern sprechen kann – das Ganze ist als Prozess zu sehen: Die Prioritäten verschieben sich mit der Zeit. Die "Green City" ist erfolgreich nach vorne gebracht worden. Wenn man jetzt fragt, wie es weitergehen soll, braucht man eine neue Herausforderung – die könnte darin bestehen, dem Sozialen wieder mehr Raum zu geben. Eine nachhaltige Stadt muss getragen werden von der gesamten Bevölkerung. Wenn eine sozial integrierte Stadtentwicklung gelingt, wird Freiburg auch international eine Modellstadt bleiben.

Autor: thg