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27. September 2017

"Demokratie muss man lernen"

Das Projekt "Aula" will Schüler der Pestalozzi-Realschule motivieren, ihren Schulalltag mitzugestalten.

  1. Marina Weisband fragt die Schüler nach ihren Ideen. Foto: Ingo Schneider

Welche Wünsche haben Schüler und Schülerinnen an ihre Schule? Was da bei den neunten und zehnten Klassen der Pestalozzi-Realschule zusammenkommt, sind keine Utopien. Stattdessen: ein Getränkeautomat, mehr AGs, kostenloses WLAN. Die Vorschläge kommen zögerlich. "Seid ihr alle wunschlos glücklich?", hakt Marina Weisband nach. Die ehemalige politische Geschäftsführerin der Piratenpartei hat am Dienstag an der Stufenversammlung teilgenommen, um mit den Schülern Demokratie zu üben.

Mit "Liquid Democracy" – einer Mischform aus repräsentativer und direkter Demokratie, die zum Ziel hat, mehr Menschen in politische Entscheidungen einzubeziehen – war Weisband bereits in der Piratenpartei beschäftigt. Auf demselben Prinzip fußt auch ihr Projekt "Aula", das vom Verein "politik-digital" getragen und von der Bundeszentrale für politische Bildung unterstützt wird.

"Aula" ist eine Online-Plattform, auf der die Schüler Vorschläge für den Schulalltag einbringen, diskutieren, ausarbeiten und darüber abstimmen können. Die Idee dahinter: Demokratie muss man lernen. "Schüler müssen nachfragen, ob sie aufs Klo gehen dürfen. Und wenn sie dann 18 sind, sollen sie plötzlich eine Regierung wählen", erklärt Weisband.

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Im Schuljahr 2016/17 startete das Projekt in die Pilotphase, an der deutschlandweit vier weiterführende Schulen teilnehmen. Für sie gehören zum "Aula"-Paket außer der Software auch ein didaktischer Leitfaden und die Betreuung durch das Team. Die Schüler haben zudem regelmäßig "Aula-Stunde", in der sie neue Ideen sammeln und diskutieren können. Dank einer Crowdfunding-Aktion gibt es für deren Umsetzung sogar einen Haushalt – an der Pestalozzi-Realschule immerhin fast 3300 Euro.

"Das Projekt zeigt uns, dass wir nicht einfach nur in die Schule gehen müssen, sondern selbst mitbestimmen können", sagt Zehntklässler Aydin, 17 Jahre alt. Gefragt nach Erfolgserlebnissen mit "Aula" erzählt er, dass nun auch die Neuntklässler mit einer Einverständniserklärung der Eltern das Schulgelände verlassen dürfen.

Dass gerade ältere Schüler trotzdem oft skeptisch seien, erklärt Weisband mit erlernter Hilflosigkeit: Manche seien durch das autoritäre Schulsystem schon so frustriert, dass sich das Gefühl festgesetzt habe, ihre Ideen "kommen doch eh nicht durch". Wie gefährlich diese Einstellung ist, bestätigt sich für Weisband auch im Erfolg der AfD. Die würde oft aus Protest gewählt. Das sei jedoch keine Form gestaltenden Handelns. Deshalb sollen mit "Aula" schon junge Bürger lernen, ihre Rolle nicht als Konsumenten, sondern als Gestalter von Demokratie zu begreifen.

Autor: Lilly Schlagnitweit