Den nahen Helfer orten

Jens Kitzler

Von Jens Kitzler

So, 17. Juni 2018

Freiburg

Der Sonntag Smartphones gegen den Herztod: Freiburg wird zur Region der Lebensretter.

In Freiburg startet der Verein "Region der Lebensretter" einen Pilotversuch, der viele Menschen vor dem plötzlichen Herztod retten könnte: Bei Notrufen werden künftig freiwillige Ersthelfer, die sich zufällig in der Nähe eines Kollabierten aufhalten, geortet und alarmiert – eine Smartphone-App macht’s möglich.

Wer einen Herz-Kreislauf-Kollaps erleidet, hat noch die besten Chancen, wenn ihm das in der Stadt passiert. In Freiburg beispielsweise dauert es im Regelfall nicht mehr als acht bis zehn Minuten, bis ein Rettungswagen eintrifft. Doch bei einem Kreislaufstillstand ist auch das oft nicht schnell genug: Bereits nach vier oder fünf Minuten kann das Gehirn Schäden erleiden. Die Rettung in solchen Momenten könnte ein Helfer sein, der die Zeit bis zum Eintreffen des Notarztes mit einer Herzdruckmassage überbrückt, wie man sie aus dem Erste-Hilfe-Kurs kennt. Doch falls tatsächlich jemand in der Nähe ist, der das gut kann, müsste der erst mal erfahren, dass um die Ecke jemand in Not ist.

Damit freiwillige Ersthelfer es mitbekommen, wenn in ihrer Nähe jemand Hilfe braucht, hat sich der Verein "Region der Lebensretter" gegründet. Er startet jetzt einen Pilotversuch in Freiburg. Das System heißt FirstAED, die zentrale Rolle spielt die Ersthelfer-App, die auf den Smartphones der freiwilligen Helfer installiert sind. "Wir haben im Jahr rund 150 Fälle von Herz-Kreislauf-Zusammenbrüchen, die Überlebensquote liegt bei zehn Prozent", sagt Michael Müller, Professor am Freiburger St. Josefskrankenhaus und Vorstand des Vereins. "Wir wollen diese Quote verdoppeln bis verdreifachen."

Funktionieren soll das Ganze so: Ein Notruf erreicht die Rettungsleitstelle. Der Mitarbeiter dort setzt wie gehabt den Rettungswagen und bei Bedarf den Notarzt in Gang. Klingt der geschilderte Notfall nach einem Herz-Kreislauf-Stillstand, schlägt das Leitstellensystem zudem vor, einen Alarm an FirstAED abzusetzen. Passiert das, stellt eine Software fest, welche der registrierten Ersthelfer sich gerade in der Nähe befinden und alarmiert sie.

Es sind Freiwillige, aber trotzdem Leute vom Fach: Professionelle und ehrenamtliche Mitarbeiter von den Maltesern, dem Roten Kreuz, der Bergwacht, von Feuerwehren, Mitarbeiter aus der Uniklinik und dem Josefskrankenhaus. Insgesamt seien in der Testregion derzeit rund 450 Ersthelfer registriert, erklärt Michael Müller. "Bis zum Jahresende wollen wir 1 000 Teilnehmer haben." Ganz niederschwellig ist die Registrierung nicht – die Initiatoren des Vereins schauen sich die Freiwilligen an, die sich anbieten – nicht allein wegen deren Qualifikation. "Wir wollen schon die Kontrolle haben, wen wir da zu fremden Leuten in die Wohnung schicken. Die Ersthelfer, die vom System in der Nähe eines Kollabierten lokalisiert wurden, geben per Handy bekannt, ob sie einsatzfähig sind. Die nächsten vier wählt der Computer aus und weist ihnen besondere Rollen zu. Die ersten beiden Ankommenden lösen sich gegenseitig bei der Herzmassage ab. Der dritte wird – ebenfalls per App – zum nächsten Standort eines Defibrillators geleitet und holt diesen. Der vierte Helfer lotst den Rettungswagen zur richtigen Stelle.

In Freiburg wurden in den vergangenen Tagen Tests durchgeführt und Einsätze simuliert, in Kürze soll das System in den Echtbetrieb gehen. Das System hat sich der Verein "Region der Lebensretter" in Dänemark abgeschaut, wo es bereits angewendet wird. Den Freiburger Pilotversuch schaut sich auch das Innenministerium Baden-Württemberg an. Dort notiert man die Fortschritte und vergleicht sie mit zwei weiteren Systemen, die derzeit im Ländle getestet werden. Eine Ausweitung des Projekts auf ganz Baden-Württemberg ist denkbar. Dem Freiburger Pilotversuch haben sich mittlerweile auch die Gemeinden Staufen, Heitersheim und Hartheim angeschlossen. "Wir hoffen natürlich, dass auch die Nachbarleitstellen in Emmendingen oder Lörrach erkennen, dass das System gut ist", sagt Vereinsmitbegründer Michael Müller.

In Freiburg gibt es mehrere Krankenhäuser, die riesige Uniklinik, einige Feuerwehren und Rettungsdienste – dass hier die nächsten freiwilligen Ersthelfer oft gleich um die Ecke stehen, ist denkbar. Doch wäre das System auch auf den ländlichen Raum übertragbar? Klar, sagt Müller. "Wenn Sie in Gottenheim nur fünf Helfer finden, ist die Wahrscheinlichkeit schon sehr hoch, dass jemand von denen bei einem Notfall im Ort Hilfe leisten kann."