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26. Januar 2015 09:13 Uhr

Denunziert, verhaftet, getötet

Wie Homosexuelle von den Nazis in Freiburg verfolgt wurden

Im Historischen Kaufhaus wird der Verfolgung Homosexueller durch das NS-Regime gedacht. Wie die Nazis Schwule in Südbaden drangsaliert haben, zeigen drei Beispiel aus Freiburg.

  1. Viele schwule Männer kamen in der NS-Zeit zu Tode. Foto: privat

  2. Das Landgericht (heute Amtsgericht), Aufnahme vor 1933 Foto: stadtarchiv/staatsarchiv

  3. Historische Akten. Foto: Scan2Net

Rund 180 Männer wurden vom Landgericht Freiburg zwischen 1935 und 1945 wegen ihrer Homosexualität verurteilt, 114 Verfahren sind dokumentiert, sagt der US-Amerikaner William Schaefer, der sich seit vielen Jahren mit der Verfolgung Homosexueller in Südbaden während des Nationalsozialismus befasst. 1935 wurde der 1871 eingeführte Paragraf 175 des Strafgesetzbuchs, der Homosexualität unter Strafe stellte, verschärft, schon ein Jahr später stieg die Zahl der Verurteilungen stark an. "Es gab strengere Strafen, aber auch die Bedeutung der Straftat veränderte sich", erklärt der 31-jährige französische Historiker Frédéric Stroh. So sei nun auch Masturbation unter Männern strafbar gewesen.

Bis 1937 stieg die Zahl der Urteile stark an, ehe sie kontinuierlich zurückging. Die Verfolgung von Homosexuellen hatte keine Priorität mehr, und als der Krieg begann, brauchte man Soldaten, erklärt Stroh, der derzeit an der Universität Straßburg zum Thema "Verfolgung von Homosexuellen im Elsass und in Baden" promoviert. Er weist darauf hin, dass sich diese Entwicklung allein auf die Urteile durch die Justiz bezieht. So wurden viele Homosexuelle nach ihrer Gefängnis- oder Zuchthausstrafe in ein Konzentrationslager deportiert.

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Dies basierte auf einem Erlass des Reichssicherheitshauptamtes vom Juli 1940, demzufolge "alle Homosexuellen, die mehr als einen Partner verführt haben, nach ihrer Entlassung in Vorbeugehaft zu nehmen" seien. Andere wurden aber auch direkt ins KZ verschleppt – ohne Prozess und ohne Urteil, wieder andere in Pflegeanstalten "entmannt", also kastriert. Stroh kennt auch Fälle, in denen Männer in Pflegeanstalten starben, höchstwahrscheinlich keines natürlichen Todes.

REGINALD MARQUIER

Der am 31. Mai 1909 in Freiburg geborene Reginald Marquier kam aus gutem Hause – der Vater war Besitzer einer Walzfabrik, die Mutter Tochter eines Fabrikanten und Kaufmanns. In seinen ersten Lebensjahren lebte die Familie in der Zasiusstraße 47 im Stadtteil Wiehre. Über seine Jugend ist nicht viel bekannt – außer, dass er auf ein humanistisches Gymnasium ging. Als sich die Eltern trennten, zog er mit der Mutter aus Freiburg weg. Nach dem Abitur folgte eine kaufmännische Lehre in Hamburg. Ein Germanistikstudium brach er ab. 1934 zog es ihn nach Berlin, wo er beim Verlag "Die Rabenpresse" arbeitete, der zu Beginn der NS-Zeit Werke veröffentlichte, die dem NS-Regime missfielen. Marquier hatte schon vor seinem Umzug nach Berlin literarische Texte zu schreiben begonnen.

Zu Beginn des Zweiten Weltkriegs wurde er zur Polizei einberufen, die später in die Waffen-SS eingegliedert wurde. Er war bei der Schutzpolizei Leutnant der Reserve. Diese Mitgliedschaft sollte Marquier mit dem Leben bezahlen. Denn nach einem Erlass Hitlers vom 15. November 1941 wurde ein wegen Homosexualität verurteilter SS-Mann oder Polizist hingerichtet.

Nachdem Marquier bereits 1936 und 1938 verdächtigt wurde, schwul zu sein, wurde er im April 1943 in Berlin nach Paragraf 175 verurteilt. Die Gnadengesuche seiner Mutter und seines Anwalts wurden abgelehnt. Im September 1943 wurde Reginald Marquier 34-jährig im Häftlingslager Wühlheide in Berlin erschossen. Auf seinem am 2. Oktober 1943 ausgestellten Totenschein ist die Todesursache geschwärzt.

Heinrich Himmler, Reichsführer-SS, Chef der Polizei und 1936 Gründer der "Reichszentrale zur Bekämpfung der Homosexualität und der Abtreibung", bezog am 6. Juli 1943 selbst Stellung zu Marquier: Dieser sei trotz der ehemals erhobenen Vorwürfe, die mit Verwarnungen endeten, "unverbesserlich" gewesen. Marquier, schreibt Himmler, solle sich "gleichgeschlechtlich, insbesondere gegenüber Minderjährigen, vergangen" haben. Gemäß Paragraf 175a wurde ein Mann, der einen anderen Mann unter 21 "verführte", zu zehn Jahren Zuchthaus bestraft.

Dort waren die Bedingungen härter als im Gefängnis, sagt Schaefer. Weiter schrieb Himmler. "Vor M., einem geistig hochstehenden, weit über den Durchschnitt begabten Menschen, der seine Opfer durch schöngeistige Reden und Freihalten mit Alkohol umgarnte, muss die Allgemeinheit, insbesondere die Jugend, geschützt werden. Marquier muss deshalb ausgemerzt werden. Ich schlage die Bestätigung und Vollstreckung des Urteils vor. "

EDWIN RÜMMELE

An Edwin Rümmele erinnert in der Berliner Allee 9 ein Stolperstein. Rümmele, im Mai 1892 nahe Schopfheim geboren, lebte und arbeitete von 1937 an als Gehilfe in der Gärtnerei Wacker in Freiburg. Er bewohnte ein Zimmer in der Steinstraße 9 (heute Berliner Allee), in das einige Monate später auch der Gärtnerlehrling German S. einzog. Zuvor war der langjährige Laienbruder Edwin Rümmele wegen geschlechtlicher "Verirrungen" aus dem Jesuitenorden in St. Blasien entlassen worden und von einem Waldshuter Gericht zu einer Gefängnisstrafe von einem Jahr und zehn Monaten verurteilt worden.

In ihrem gemeinsamen Freiburger Zimmer sollen Rümmele und S. mehrfach Sex miteinander gehabt haben. Im April 1938 zog Rümmele nach Konstanz. An den Freund und Liebhaber schrieb er Briefe, die, so Schaefer, nicht Klartext sprechen; man müsse zwischen den Zeilen lesen. In den Justizakten gibt es heute nicht mehr viele solcher Briefe, weiß Stroh. Oft seien sie bei Hausdurchsuchungen entdeckt worden. "Sie sind informationsreich." Aus ihnen sei oft die alltägliche Angst herauszulesen. Im Fall von Edwin Rümmele geriet einer seiner Briefe an German S. in die Hände von Rümmeles früherem Arbeitgeber, Gärtnermeister Wacker.

Dieser zeigte ihn an. Solche Denunziationen spielten eine große Rolle, sagen Schaefer und Stroh. Denunzianten waren Arbeitgeber und Kollegen, Vermieter und Nachbarn – und sogar die eigene Mutter. Wegen der homophoben Propaganda habe sich eine Hysterie entwickelt, sagt Stroh.

Edwin Rümmele wurde verhaftet, kam zuerst ins Gefängnis in Konstanz, dann nach Freiburg. Dort wurde er am 4. August 1938 vom Landgericht zu einer zweieinhalbjährigen Gefängnisstrafe verurteilt. In einem Brief an seinen Anwalt schreibt der im Ersten Weltkrieg mehrfach ausgezeichnete Soldat, dass er Opfer dieses Krieges sei und seine "Verfehlungen" dort ihren Ursprung hätten. Im Urteil heißt es: "Das Gericht billigte dem Angeklagten trotzdem noch einmal mildernde Umstände zu, da er in weitem Umfang geständig war, da die Gelegenheit sich wohl in besonders versucherischer Weise darbot und da es für den Angeklagten als sehr tapferen Soldaten besonders schwer wäre, durch eine Zuchthausstrafe völlig aus der Volksgemeinschaft ausgestoßen zu werden."

Nach Gefängnisaufenthalten in Freiburg und Mannheim wurde Rümmele Anfang 1939 in ein hessisches Strafgefangenenlager gebracht und am 5. Mai 1941 entlassen. "Rümmele hatte Glück. Das hätte ganz anders ausgehen können", sagt Historiker Schaefer. Über Edwin Rümmeles weiteres Leben ist nichts bekannt: 1986 starb er 94-jährig in Müllheim.

FRITZ HAUSER

Auch der Freiburger Fritz Hauser wurde 1892 geboren, wie Rümmele war er Soldat im Ersten Weltkrieg, allerdings wurde er als "feld- und garnisonsdienstunfähig" entlassen. Nach dem Krieg arbeitete er beim Verlag Herder, lebte zwischendurch in Zürich und kam dann wieder nach Freiburg, wo er als Hilfsarbeiter arbeitete. Von 1931 an war er Anhänger der Ernsten Bibelforscher, aus der die Zeugen Jehovas hervorgingen.

Im Staatsarchiv Freiburg wird eine Akte des staatlichen Gesundheitsamtes über Fritz Hauser aufbewahrt. Sie dokumentiert einen Aufenthalt in der Heil- und Pflegeanstalt Emmendingen. Dort sollte untersucht werden, ob er an "angeborenem Schwachsinn" leide und eine Zwangssterilisierung in Frage komme. Die Akte enthält unter anderem einen "Intelligenzprüfungsbogen". Am Ende kommt das Amt zu der Einschätzung, dass Hauser nicht schwachsinnig, sondern ein "verschrobener Psychopath" sei.

Am 18. Juli 1940 wurde der Lagerarbeiter zu einer zweieinhalbjährigen Gefängnisstrafe verurteilt. Seine Prozessakte ist nicht erhalten, es wird aber vermutet, dass Hauser – anders als Rümmele – nach seiner Gefängnisstrafe nicht entlassen wurde; Schaefer vermutet, weil er zahlreiche Vorstrafen hatte, unter anderem wegen "widernatürlicher Unzucht". Im August 1942 kam Hauser ins KZ Flossenbürg. Im Oktober desselben Jahres brachte man ihn ins KZ Dachau, im Januar 1944 nach Majdanek, wo er am 14. April 1944 ermordet wurde. An Fritz Hauser erinnert ein Stolperstein in der Zunftstraße 11 im Stadtteil Brühl-Beurbarung.

Dem Historiker William Schaefer sind im Wesentlichen die Recherchen über Reginald Marquier, Edwin Rümmele und Fritz Hauser zu verdanken.
Gedenken

Anlässlich des Jahrestags der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz am 27. Januar 1945 veranstaltet die Stadt alljährlich eine Gedenkveranstaltung für die Opfer des Nationalsozialismus. Diesmal liegt der Schwerpunkt auf der Verfolgung homosexueller Männer. Zum Thema werden am Dienstag, 27. Januar, ab 19.30 Uhr im Historischen Kaufhaus am Münsterplatz Albert Knoll (Archivar der KZ-Gedenkstätte Dachau) und William Schaefer (Rosa Hilfe Freiburg) Vorträge halten. Veranstalter sind das Kulturamt und das SWR-Studio Freiburg in Zusammenarbeit mit zahlreichen weiteren Institutionen. Eintritt frei. Der Historiker Frédéric Stroh sucht Zeitzeugen und Angehörige zum Thema (E-Mail an: frederic.stroh@wanadoo.fr).

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Autor: fz