Der gemeinsame Marathonlauf

Uwe Mauch

Von Uwe Mauch

Sa, 14. September 2013

Freiburg

In Podiumsdiskussionen kämpfen die Kandidaten zur Bundestagswahl um jede Stimme – auf ganz unterschiedliche Art.

Seit Juni touren sie gemeinsam durch den Freiburger Wahlkreis: die Spitzenkandidaten ihrer Parteien, Gernot Erler (SPD) und Kerstin Andreae (Grüne), der Newcomer und Ortschaftsrat in Neuershausen Matern von Marschall (CDU), der FDP-Stadtrat Sascha Fiek, der frühere Europaabgeordnete Tobias Pflüger (Linke) und manchmal als belebendes Element der Pirat André Martens. Alles ist gesagt von allen, nur noch nicht vor allen. Immer die selben Themen: Mindestlohn und Mieten, Frauenquote und Friedenspolitik, Euro und Ehegattensplitting. Sie wissen genau, was der Konkurrent sagen wird – und sie wissen, wie sie kontern werden, was die Konkurrenten allerdings auch schon wissen. Am Donnerstag waren die fünf Bewerber am Mittag im Goethe-Gymnasium und am Abend zu sechst auf der "heißen Kautsch" im Mehrgenerationenhaus in Weingarten. Zwei unterschiedliche Podien mit unterschiedlichem Publikum.

Auftreten
Die männlichen Vertreter der großen Parteien kommen konventionell daher. Hemd, Krawatte, Sakko. Seriös eben. Wobei Sascha Fiek mit hell-orangenem Hemd und dunkel-orangener Krawatte das größte modische Wagnis eingeht. Tobias Pflüger trägt Schwarz: Hemd, Jacke wie Hose. Kerstin Andreae traut sich in die Jeansjacke – ob das mit ein Grund ist, warum sie bei der Wahl im Goethe-Gymnasium auf weit über 50 Prozent unter den knapp 100 Zuhörern kommt?

Beim Rollenspiel, das die Veranstalter im Mehrgenerationenhaus ersonnen haben, werden Kreativität und Souveränität verlangt. Geradezu hingerissen sind die 150 Gäste von Gernot Erler und André Martens, die einen Rentner und Studenten im Streit um Generationengerechtigkeit spielen – witzig, spritzig, schlagfertig. Kerstin Andreae und Sascha Fiek spielen eine Millionärin, die mehr Steuern bezahlen will, und einen Ministerialen, der das Geld ablehnt. Auch sie schlagen sich wacker und minütlich mehr im Dialekt. Matern von Marschall hat als Chef des Waffenherstellers Heckler & Koch eine fiese Rolle und schlüpft auch nicht hinein. Tobias Pflüger als Friedensaktivist ist schlicht er selber. Auf die Frage, wie die Geschäfte denn laufen, erntet von Marschall einen Lacher: "Wir geben nur ungern öffentlich Auskunft." Anstatt diese Karikatur weiterzutreiben, rutscht er in eine Art Verteidigungshaltung. Das kommt natürlich nicht gut an.

Sprache
Die Profis sind klar im Vorteil. Wer ständig in Radio- und TV-Mikrofone spricht, weiß, worauf es ankommt: kurze Sätze, deutliche Aussprache, griffige Botschaft. Gernot Erler beherrscht die Kunst der freien Rede und setzt seine sonore Stimme gekonnt ein. Da hören auch Jugendliche zu. Kerstin Andreae, ebenfalls routiniert in Interviews, unterstützt das Gesagte mit ruhigen Handbewegungen. Ruhig redet auch Matern von Marschall, allerdings greift er in den Satzbausteinkasten des Parteiprogramms. Mittelstand als Rückgrat der Wirtschaft, Zielkonflikt der Energiewende mit dem Artenschutz – solche Sachen eben, die Jugendliche nicht gerade fesseln. Ein Schnelldenker ist Sascha Fiek, aber ab und an kommt die Zunge nicht hinterher. Da gehen Worte verschütt, manchmal muss er nachlegen. "Ich wäre fast Lehrer geworden, habe dann aber entschieden, was Vernünftiges zu machen." Er sagt noch: "Ein Spaß!" Aber da hat er unter den Schülern bereits ein kräftiges "Hohoh" ausgelöst. Tobias Pflüger baut in seine Antworten gerne Beispiele, die er dann nicht auflöst, etwa bei der Frauenquote. "Meine Schwester arbeitet bei einer Stiftung." Dort ist offenbar eine Stelle frei geworden. Man hätte gerne gewusst, was der Schwester widerfahren ist.

Körpersprache
Kerstin Andreae hat sich im Griff, sitzt gerade, blickt ins Publikum. Nur einmal steigt ihr die Zornesröte ins Gesicht. Sascha Fiek hat soeben erklärt, er kenne nur Frauen, die nicht wegen ihres Geschlechts eine Führungsposition bekommen wollten. Da kann sie gemeinsam mit Erler und Pflüger für die Frauenquote noch so kämpfen – im Goethe-Gymnasium ist laut einer Abstimmung nur eine Minderheit dafür. Die Fassungslosigkeit kann auch Andreae schwerlich verbergen. Matern von Marschall, der mit seinem freundlichen Wesen auch etwas Spitzbübisches verbindet, wirkt in der Schul-Aula selbstbewusst, ja sogar angriffslustig, was den Schülern gefällt. Auf der Couch in Weingarten wird es ihm am Abend jedoch zwei-, dreimal zu heiß. So ist er als Einziger gegen die Abschaffung des Ehegattensplittings. Unsicher verschränkt er die Arme und muss die Lippen befeuchten.

Auch die Konkurrenten kommen in die Bredouille. So kennt Sascha Fiek weder Mietobergrenzen, Hartz IV-Sätze noch die Zahl der Arbeitslosengeldempfänger in Weingarten und schlingert, als er sagen soll, was ein Single mit Mindestlohn verdienen würde. Diese Wissenslücke ärgert ihn – den Stadtrat, der normalerweise bestens informiert ist – sichtlich. Auch Erler kennt die Antwort nicht, macht aber aus seiner Not eine Tugend: "Das will ich gar nicht benennen, denn der Mindestlohn ist eine Untergrenze, von der aus die Tarifparteien verhandeln." Da spielt er seine ganze Präsenz aus – und die wirkt.

In den Vordergrund drängt sich Tobias Pflüger nicht. Auf der "Kautsch" versinkt er beinahe, auf dem Schulpodium sitzt er am Rande, schreibt eifrig mit und wirkt – ganz anders als im direkten Gespräch – fast verbissen. "Biestig", sagt dazu einmal Kerstin Andreae. Das passt zwar zu seinen Themen, die nun nicht gerade Lebensfreude versprühen. Soziale Spaltung, Mindestlohn und -rente. Doch gerade junge Gymnasiasten können damit nicht viel anfangen – sie geben Pflüger nur drei Stimmen. Richtig leidenschaftlich kann er aber durchaus werden: Als er dagegen wettert, wie im Militärbereich "Milliarden zum Fenster rausgeworfen werden".

Positionen
Die Direktkandidaten haben ein klares und damit unterscheidbares Profil. Gernot Erler, der einstige Staatsminister im Außenministerium, beschäftigt sich vor allem mit internationaler Politik, wie er sagt. Gesellschaftspolitisch will er gegen den schleichenden Verlust der Solidarität angehen. Kerstin Andreae macht die Energiewende und als dreifache Mutter die Vereinbarkeit von Familie und Beruf zu ihrer Herzensangelegenheit. Matern von Marschall, der Chef eines kleinen Hörbuchverlags, will die Wirtschaft "weiter stärken". Unternehmer Sascha Fiek will den Schuldenabbau vorantreiben. Friedensforscher Tobias Pflüger sagt dem Rüstungssektor den Kampf an. Informatiker André Martens fürchtet den Überwachungsstaat und will die Freiheit verteidigen.

Ihre Wahl
Sowohl die Schülerinnen und Schüler als auch die Gäste im Mehrgenerationenhaus klatschten bei allen Kandidaten. Ganz offenkundig verstehen sich die Politiker persönlich auch untereinander – bei allen politischen Unterschieden. In Gernot Erler und Kerstin Andreae treten zwei erfolgreiche Parlamentarier im Freiburger Wahlkreis an – beide sind stellvertretende Fraktionsvorsitzende in Berlin. Sie sind routiniert, locker, gut vernetzt und schütteln nahezu alle Themen aus dem Ärmel. Sascha Fiek ist zwar ehrenamtlich politisch tätig, das aber seit Jahren und immerhin im Landesvorstand der FDP. Er hat Humor, Mut, Motivation. Für Matern von Marschall sind die Tücken eines Wahlkampfs vielleicht die größte Herausforderung – und der Novize erweist sich als erstaunlich faktenfest. Für seine konservative Überzeugung steht er auch dann ein, wenn sie ein Alleinstellungsmerkmal ist. Tobias Pflüger ist ein Idealist, ernsthaft und engagiert. Und André Martens ist ein echtes politisches Talent: In Weingarten hätte der Pirat die Fünf-Prozent-Marke locker geknackt.