Der Krieg ist stets präsent

Niklas Arnegger

Von Niklas Arnegger

Do, 31. Dezember 2015

Freiburg

Die Freiburger Partnerstadt Lemberg/Lviv in der Ukraine ist mehr als eine (Bürger-)Reise wert – aber Touristen aus dem Westen machen sich rar.

Das Deutschlandlied haben wir bisher noch nicht oft gesungen, aber Anfang Oktober, beim Besuch einer Gruppe Freiburger Bürgerinnen und Bürger in der ukrainischen Partnerstadt Lemberg, ist es dann doch dazu gekommen. Im historischen Museum am Marktplatz – untergebracht in einem barocken Stadtpalais – gratuliert uns der Museumsaufseher zum 25. Jahrestag der deutschen Einheit. Und beginnt zu singen: "Einigkeit und Recht und Freiheit." Wir singen mit. Was sonst?

Nicht nur in solchen etwas merkwürdigen Situationen spüren wir, wie sehr Touristen aus Deutschland oder Westeuropa in dieser Stadt willkommen sind, wenn denn welche kämen. Immer wieder werden wir angesprochen und interessiert befragt. Viele Menschen sprechen Englisch oder Deutsch.

Die Deutschen haben im Zweiten Weltkrieg in der Ukraine weiß Gott gewütet. Lemberg hatte 1939 300 000 Einwohner, davon 100 000 Juden. Dazu kamen zu Beginn des Krieges mit der Sowjetunion 50 000 Juden, die kurz zuvor vor den Deutschen aus Polen geflüchtet waren. Von ihnen überlebten den Krieg nicht einmal tausend.

Varianten eines Nationalgefühls
Die Ruinen ihrer von den Nazis gesprengten Synagogen sind in Lemberg und den Orten der Umgebung zu besichtigen. Die Ukraine wurde von den Deutschen geplündert und zerstört, Hunderttausende Bewohner wurden ermordet, und von den gefallenen Soldaten der Roten Armee waren viele Ukrainer.

Und trotzdem: Sieht man sich in Museen um und hört den Leuten zu, so scheinen für die Westukrainer die Russen nicht nur aus aktuellen Gründen die Erzfeinde zu sein, sondern auch aus historischen. Immer wieder werden wir bei Kirchenbesuchen darauf aufmerksam gemacht, dass diese zu Sowjetzeiten zu Ställen, Kinos, Lagern oder, falls historisch bedeutend, zu Museen umfunktioniert wurden. Zum Beispiel zu einem Museum für Atheismus. Immer wieder ist von Deportationen nach Sibirien und von Erschießungen die Rede. "Das trug nicht zur Liebe zur Sowjetunion bei", sagt dazu die Stadtführerin. Zu den zweifelhaften Varianten dieses Nationalgefühls gehört Klopapier mit dem Portrait Putins, das auf einem Trödelmarkt verkauft wird. Daneben übrigens werden Originalpostkarten aus der Nazizeit angeboten: Hitler und Goebbels darauf und ein markiger Deutscher: "Unteroffizier, dein Beruf." Solche bizarren Begleiterscheinungen dieses ukrainischen Nationalismus' täuschen aber nicht darüber hinweg, dass die Lage im Land bedrohlich ist. "Es läuft nicht gut", sagt Stadtführerin Uliana Levchyshyn. "Wir haben Angst." Wie zerrissen und fragil das Land ist, hat jüngst die Kommunalwahl erneut bestätigt. Auch Korruption gehört zum Alltag: Unser Bus wartet an der Grenze bei Ein- und Ausfahrt je zwei Stunden – pure Schikane. Er darf jeweils erst weiterfahren, nachdem Zollbeamte einmal 15, bei der Ausfahrt 20 Euro kassiert haben. Das also scheint etwa der Tarif zu sein. Und unterwegs verlangt die Polizei 150 Euro, weil der Busfahrer die durchgezogene weiße Linie auf der Straße überfahren hat. "Die waren sehr freundlich", sagt er trocken. Alles ohne Quittung, versteht sich.

Eine junge Stadt
Lemberg, ukrainisch Lviv, liegt weit im Westen der Ukraine und sehr weit im Osten von Mitteleuropa, dem es sich zugehörig fühlt. Dazwischen also. Dies ist jederzeit zu spüren. Überall in der Stadt weht die blaue Europafahne. Die EU und Europa sind für die, die nicht drin sind, ein Sehnsuchtsort; für Ukrainer ganz besonders. Jugendstilhäuser aus der KuK-Zeit sind meist renoviert und in gutem Zustand, und in der gold- und spiegelverzierten Prachtoper im Stil der Wiener Neorenaissance (erbaut um 1900) hören wir den "Zigeunerbaron" und "Carmen". (Und dies in bunten Inszenierungen, an denen alle, denen Freiburger Aufführungen zu modern sind, ihre helle Freude haben müssten.) In einem Restaurant stehen Kaiser Franz Josef und seine Sisi als Büsten aus Porzellan in einem Art Herrgottswinkel, und der Straßenverkehr rumpelt über teils hundertjähriges Kopfsteinpflaster, das zwar starke Wellen aufweist, aber immerhin noch hält. Die Stadt verfügt über lebendige Boulevards wie in Wien oder Paris. Auf den Bänken sitzen alte Männer und spielen Schach sowie Liebespaare in akrobatischen Verschlingungen. Gesäumt sind Gassen und Straßen von zahlreichen Bars und Restaurants, die nicht nur am Wochenende gut gefüllt sind. Kein Wunder: Lemberg ist eine junge Stadt; ein Viertel der 800 000 Einwohner sind Studentinnen und Studenten. Die Küche übrigens ist vielfältig, und es fällt nicht schwer, ausgezeichnet zu essen. Und dies zu Preisen, die Bürger der Eurozone fast schon beschämen.

Auch der Bürgerkrieg im Osten des Landes ist präsent. Die Freiwilligen des Prawyi Sektor (Rechter Sektor) tanken in Lemberg Erholung und sammeln auf der Straße Geld für ihren Kampf im Donbass. Die Angehörigen dieser Miliz, die immer wieder auch mit antisemitischen Parolen demonstrieren, spielten bei der Revolution auf dem Maidan in Kiew eine wichtige Rolle. Einmal springt ein Mann im Kampfanzug in unseren Bus und brüllt irgendetwas auf Ukrainisch. Die Reiseleiterin sagt hinterher, er habe sich bei Deutschland für die Kampfmontur bedankt, die er trug. Auch auf dem riesigen Lytschwyski-Friedhof, wo Tausende alter Grabmäler zu besichtigen sind, ist der Bürgerkrieg ein Thema: Auf einem Feld mit frischen Gräbern wurden, bedeckt mit blau-gelben Nationalflaggen, Dutzende von unlängst Gefallenen begraben. Und in der Jesuitenkirche stehen Schautafeln mit Fotos von im Bürgerkrieg Gefallenen und Gemälde von Kindern zum Thema Krieg.

Anstrengend und interessant
Überhaupt die Kirchen: Etwa 100 gibt es in der Stadt, sagt Uliana. Sonntags sind sie allesamt so voll, dass nicht jeder Gottesdienstbesucher Platz findet. Auch fällt die Verbindung von (orthodoxer) Kirche und Nationalismus auf: Vor den glänzenden Kuppeln wehen Nationalflaggen. Auf einer Fahrt durch die Stadt am Sonntag stehen vor jeder Kirche Dutzende von Menschen, die den Gottesdienst von außen verfolgen. So etwas gibt es in Europa vermutlich nur noch in Polen. Die Kirche, sagt Uliana, "spielt in der Westukraine eine fundamentale Rolle. Dies ist der Hauptunterschied zur Ostukraine". Die Kirchengebäude jedenfalls sind in einem weit besseren Zustand als die Straßen.

Zu einer solchen Bürgerreise gehört selbstverständlich ein touristisches Programm. Wir besuchen also auf der Hinfahrt Dresden und Krakau, jeweils mit Stadtführungen. In Dresden kam die Freiburger Gruppe in Kontakt mit der gesellschaftlichen Realität auch ihres Heimatlandes in Form einer Pegida-Montagsdemo. Die aggressiv-dummdreisten Abendlandverteidiger stießen bei der bürgerlich-gebildeten Stadtführerin jedoch durchaus auf Wohlwollen ("ernst nehmen", "Verständnis haben") – ganz so, als böte Pegida nicht die Basis und Legitimation für rechtsradikale Gewalt.

In Lemberg dann gibt es Stadtführungen, Konzerte, einen Tagesausflug in die nahen Karpaten, in die historisch interessante nähere Umgebung nach Showkwa und Gelegenheit, die touristisch sehr spannende und vielfältige Stadt auf eigene Faust zu erkunden. Der Gegensatz zwischen Armut und protzigem Reichtum ist in der Stadt zu beobachten, doch die bittere Armut in den Dörfern ist noch verstörender.

Auch Begegnungen abseits der üblichen touristischen Spaziergänge und Rundfahrten gehören zum Programm. Die Gruppe wird im Rathaus vom stellvertretenden Leiter des Kulturamts empfangen. Er erinnert daran, dass die Westukraine bis zu ihrer Selbstständigkeit heute in den vergangenen 100 Jahren mal österreichisch, mal polnisch, mal deutsch und mal russisch war. (Und: Für drei Jahrzehnte, von 1772 bis 1805, wurden sowohl Freiburg wie das 1500 Kilometer entfernte Lemberg von der selben Stadt aus vom selben Kaiser regiert.) Besonders stolz ist er darauf, dass die Altstadt Lembergs seit 1998 zum Weltkulturerbe zählt. Die Gruppe besucht auch eine Schule und ein Waisenhaus, wo jeweils Spenden aus Freiburg übergeben werden – Ergebnis unter anderem eines Benefizkonzertes – und hat Gelegenheit, mit Lehrern, Betreuern und Kindern zu sprechen. Eine Spende bekommt auch der Chefarzt einer Kinderkardiologie.

Insgesamt: Eine Reise in ein fremdes Land fast vor der Haustür, zwar anstrengend, aber äußerst interessant und lehrreich. Unbedingt empfehlenswert.

Die Bürgerreise wurde (sehr gut) organisiert von Hans-Jürgen Stadelhofer, Vorsitzender der Gesellschaft zur Förderung der Städtepartnerschaften Freiburgs; Reiseleiter war Karl-Friedrich Brödlin. Infos unter http://www.6staedte.de

Filmvorführung: Dokumentarfilm "Lemberg: Geöffnete Stadt" zum 25-jährigen Bestehen der Städtepartnerschaft, am Mittwoch, 9. Dezember, 17 Uhr im Historischen Kaufhaus, Münsterplatz. Danach Publikumsgespräch mit Regisseur Didi Danquart. Der Eintritt ist frei.