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23. März 2009

Der Traum von einer Reha-Einrichtung

Die Vereinigung zur Hilfe für psychisch kranke Kinder und Jugendliche will deren Not salonfähig machen

Es ist ein ungewöhnliches Ziel. "Wir wollen seelische Erkrankungen salonfähig machen", sagt Christoph Kemter von der Freiburger Vereinigung zur Hilfe für psychisch kranke Kinder und Jugendliche. Und deren Vorsitzender Sebastian Drömann hat auch nach 33 Jahren die Hoffnung nicht aufgegeben: "Ich träume immer noch davon, dass wir’s stemmen können." Nämlich eine Rehabilitationseinrichtung für an der Seele erkrankte Kinder und Jugendliche in Freiburg. "Denn so was fehlt uns in Südbaden."

Eine solche Nachsorge-Einrichtung mit etwa 30 Plätzen wäre in den Augen des Kinder- und Jugendpsychiaters vor allem eines: eine gute Vorsorge (Prävention). Sie steht bei der Vereinigung ganz obenan, direkt neben dem zweiten großen Ziel: "Wir wollen eine Lobby sein für die psychisch kranken Kinder und Jugendliche, die keine Lobby haben und deren Eltern die vermeintliche Schande aus Scham verschweigen." Und nur die wenigsten seien so reich, dass sie ihre kranken Töchter und Söhne in entsprechenden Einrichtungen in der Schweiz unterbringen können.

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Damit wollen sich Sebastian Drömann und die anderen 80 Mitglieder der Vereinigung (Ärzte, Sozialpädagoginnen, Klinikschullehrerinnen, Psychologen) jedoch nicht abfinden. Während sie an einer Reha-Einrichtung als Vorbeugung festhalten, helfen sie auch ganz konkret: Flüchtlingskindern im Kindergarten St. Christophe; Kindern von suchtkranken Eltern im Modellprojekt "Maks"; jugendlichen Schulverweigerern im "Time out" in Breitnau; mit sozialem Kompetenztraining im Neustadter "Haus Vogt" (das Drömann 1975 gründete); Kindern, deren Eltern sich scheiden lassen oder die in ihrer Familie Gewalt erleben; nach wie vor der Freiburger Klinikschule; mit Supervision für Erzieherinnen; mit einem Trainingsprogramm im Freiburger "Haus des Lebens". Manchmal werden auch die Kosten von Psychotherapie für Kinder und Jugendliche übernommen. 39 000 Euro an Spenden und Mitgliedsbeiträgen, sagt Kemter, sind allein für dieses Jahr für solche einzelnen Hilfen vorgesehen.

Einzelne waren auch "schuld" daran, dass sich die Vereinigung 1976 gründete . "Damals wurden in der Kinder- und Jugendpsychiatrie an der Hauptstraße immer wieder Kinder aufgenommen, die nur mit dem Notdürftigsten ausgestattet waren", erinnert sich Sebastian Drömann. Von den ersten Spenden wurden Kleidung, Musikinstrumente und Spielzeug besorgt. "Doch mit der Zeit wurde deutlich: Wir müssen etwas tun, wenn die Mädchen und Jungen entlassen werden." Wobei es damals noch möglich war, dass Kinder und Jugendliche bis zu zwei Jahre lang in der Klinik behandelt werden konnten – heute sind es noch drei Monate. Da eine Reha-Einrichtung mit einer Anschluss-Heilbehandlung und einer guten Klinikschule zu haben – das wär’s für den Vorsitzenden. "Und sie könnte obendrein die Zeit in der Klinik verkürzen." Im Kinder- und Jugendhilfegesetz sei formal längst festgelegt, was ein solches Angebot auszumachen hat. Bisher scheitere es aber daran, dass sich kein Träger findet. Nicht etwa daran, dass eine Reha-Einrichtung unnötig sei. Sebastian Drömann: "Die Verhältnisse von Arbeits- und Aussichtslosigkeit, in denen viele Kinder leben, wirken sich negativ aus." Gleichzeitig nähmen Unfähigkeit und Hilflosigkeit zu, das Problem zu bewältigen. Zumal da vieles (wie Magersucht) verheimlicht oder als Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom (ADS) abgestempelt werde. "Es ist nach wie vor so, dass die Schamgrenze sehr hoch ist, darüber zu reden." Da scheint es gar nicht mehr so ungewöhnlich, dass die Freiburger Vereinigung psychische Erkrankungen junger Menschen endlich salonfähig machen will.

Kontakt: Freiburger Vereinigung zur Hilfe für psychisch kranke Kinder und Jugendliche, Telefon 07664/404 123; "www.hilfe-fuer-psychisch-kranke-kinder-ev.de"; Spendenkonto 250 5943 bei der Sparkasse Freiburg-Nördlicher Breisgau, BLZ 680 501 01.

Autor: Gerhard M. Kirk