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16. Juli 2011

Der zweite Wiederaufbau

Freiburg hat nach dem Krieg seine Struktur weitgehend bewahrt, Städte wie Frankfurt wollen nun ihre modernistischen Sünden wiedergutmachen.

  1. Damals: Luftbild von Freiburg nach dem Angriff vom November 1944. Foto: Stadtarchiv Freiburg

  2. Das tut weh: Altes und Neues in Frankfurt Foto: BZ

  3. Heute: Das Münster und die Umgebung, aufgenommen im August 2009. Foto: Steve Przybilla

Dort, wo einst der Bertoldsbrunnen stand, befindet sich heute eine vierspurige, von vielstöckigen Verwaltungsbauten umstellte Straßenkreuzung. Weite Teile der Innenstadt sind locker mit gleichförmigen, von Grünstreifen durchzogenen Siedlungszeilen bebaut. Nur einige wenige, um das Münster gruppierte historische Gebäude erinnern als "Traditionsinsel" inmitten einer modernen, vom Autoverkehr durchfluteten Großstadt noch ans alte Freiburg.

Unvorstellbar? So oder so ähnlich könnte Freiburg heute tatsächlich aussehen, wäre die Stadt nach den Zerstörungen des Zweiten Weltkriegs gemäß dem damals vorherrschenden städtebaulichen Leitbild der "autogerechten Stadt" wiedererrichtet worden. So geschah es zum Beispiel in Berlin, Hannover, Kassel, Frankfurt am Main oder Stuttgart. Denn die historischen Altstädte hatten unter den Architekten und Stadtplanern jener Zeit kaum Fürsprecher: Die einst eng bebauten, verwinkelten Viertel erschienen ihnen als überholter Zustand, der nun dank der – wie es der Berliner Architekt Hans Scharoun ausdrückte – "mechanischen Auflockerung" durch den Bombenkrieg endlich überwunden werden konnte. In der Folge wurden auch zahlreiche vom Krieg unversehrte oder wiederaufbaufähige Gebäude den modernen Verkehrsplanungen geopfert, viele aus heutiger Sicht erhaltenswerte Baudenkmäler und Stadtbilder gingen dabei verloren.

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Das Münster als Signal,

am Alten festzuhalten

In Freiburg kam es, wie man heute nicht nur am Bertoldsbrunnen sehen kann, anders. Das überlieferte Stadtbild, geprägt durch "Gässle, Bächle und das Münster", ist trotz großflächiger Zerstörung – vier Fünftel aller Gebäude in der Altstadt waren teilweise oder völlig zerstört – wiedererstanden. Fast alle wichtigen Baudenkmäler blieben entweder erhalten, wie das Münster und die Stadttore, oder wurden nach und nach – teils originalgetreu, teils in moderner Bauweise – wiederhergestellt, wie das Alte Rathaus, der Basler Hof, die Martins- und die Universitätskirche, das Sickingen-Palais und das Kornhaus am Münsterplatz.

Mindestens ebenso wichtig für das Stadtbild wie der Wiederaufbau der Baudenkmäler war die weitgehende Bewahrung des überlieferten Stadtgrundrisses. In der Altstadt wurden nur moderate Straßenverbreiterungen, etwa in der Bertold- und Merianstraße, und die auf den ersten Blick unsichtbare Verbreiterung der Kaiser-Joseph-Straße durch teilweise Verlegung der Gehsteige in Arkaden vorgenommen. Die meisten Neubauten wurden an den vorhandenen Bestand angepasst und der Bau von Hochhäusern in der Altstadt vermieden, sodass Freiburg heute trotz überwiegender Neubebauung das Bild einer "historischen" Stadt vermittelt.

Zu verdanken ist dies im Wesentlichen dem Wirken Joseph Schlippes, der bereits 1925 die Leitung des städtischen Hochbauamtes übernommen hatte und von 1946 bis 1951 das Freiburger Wiederaufbaubüro leitete. Sein 1947 vorgelegter Aufbauplan, der die Erhaltung des alten Stadtgrundrisses mit behutsamen Anpassungen an den wachsenden Autoverkehr vorsah, war allerdings in den Augen der meisten Planer jener Zeit, die für einen modernen Wiederaufbau plädierten, eine "verpasste Chance". Dabei war Schlippe alles andere als ein Nostalgiker, wie Ulrich P. Ecker, Leiter des Freiburger Stadtarchivs, im Buch zur Ausstellung "Freiburg 1944–1994: Zerstörung und Wiederaufbau" berichtet. Er forderte keine detailgetreue Rekonstruktion, keine "romantische Kopie der untergegangenen Stadt" durch "stilistisch-historische Nachäffung alter Formen", vielmehr strebte er "eine Anpassung der neuen Häuser hinsichtlich Maßstab und Rhythmus, Material und Farbe" an.

Der langjährige, inzwischen pensionierte Freiburger Stadtbaudirektor Paul Bert gehört zu denen, die Joseph Schlippe noch persönlich kannten. In einem Vortrag bezeichnete er es als "großes Glück", dass Schlippe nach Kriegsende noch dagewesen sei und so für städtebauliche Kontinuität sorgen konnte. "Alle Gebäude sollen sich dem Münster unterordnen" sei seine Überzeugung gewesen. Und das Münster, das wie durch ein Wunder stehen geblieben war, wirkte "als Signal für uns Freiburger, am Alten festzuhalten."

Trotzdem gingen die modernen Zeiten auch an Freiburg nicht spurlos vorüber, wie Jörg Stadelbauer vom Institut für Kulturgeographie der Universität und Hermann Hein von der Arbeitsgemeinschaft Freiburger Stadtbild bestätigen. Ein Beispiel hierfür ist die Anlage des City-Rings, ebenso die Aufweitung einiger Parallelstraßen zur Kaiser-Joseph-Straße, um eine bessere Andienung der Geschäfte zu ermöglichen. Auch die Kleinteiligkeit der Altstadt musste in den wiederaufgebauten Bereichen nach und nach größeren Strukturen wie den innerstädtischen Warenhäusern weichen. In manchem Teil hat sich Freiburg der Rekonstruktion auch glatt verweigert – etwa im Gebiet um die Wasserstraße, Schwarzwaldcity und Karlsbau oder in der sogenannten Neustadt nördlich des Friedrichrings. Ungebaut blieben dagegen Großprojekte wie die Bahnhofs- und Schlossbergüberbauungen oder eine vierspurige "Autoschnellstraße" quer durch die Wiehre, die das Gesicht der Stadt erheblich verändert hätten.

Freiburg ist nur ein Beispiel. Es gibt auch andere und angesichts des Zerstörungsgrades eindrucksvolle Fälle des rekonstruierenden Wiederaufbaus nach 1945: Würzburg, München, Münster oder Freudenstadt. Andernorts, wo nach dem Krieg mehr von der Historie preisgegeben wurde, traten die erlittenen Verluste seit den 70er Jahren zunehmend ins Bewusstsein – das Wort von der "zweiten Zerstörung" machte die Runde. Die Sehnsucht nach verlorenen Baudenkmälern und Stadtbildern führte bald darauf zu ersten Revisionen des Nachkriegszustandes: So wurde der Hildesheimer Marktplatz in den 80er Jahren ein zweites Mal neu aufgebaut, wobei zwei Fachwerkhäuser nach Abriss der modernen Bebauung originalgetreu rekonstruiert wurden. Eine wahre Rekonstruktionswelle setzte dann nach der deutschen Wiedervereinigung ein – das bekannteste Beispiel ist der 2005 vollendete Wiederaufbau der Dresdner Frauenkirche und des sie umgebenden Neumarktviertels. Auch viele andere Städte, von Berlin bis Frankfurt, versuchen inzwischen, über mehr oder weniger ambitionierte Rekonstruktionsprojekte den Anschluss an ihre Historie zu finden – meist unter den Protesten von Architekten und Denkmalpflegern, die solchen Vorhaben "Geschichtsfälschung" und "nostalgische Vergangenheitsverklärung" vorwerfen. Tatsächlich gibt es abschreckende Beispiele wie die Rekonstruktion des Braunschweiger Residenzschlosses als Fassade für eine Shoppingmall.

Um mehr Seriosität ist man in Frankfurt am Main bemüht, wo in den nächsten Jahren ein Stück der 1944 vernichteten Fachwerk-Altstadt wiedererstehen soll. An der Stelle eines bereits abgerissenen Betonkomplexes aus den 1970er Jahren sollen mindestens acht historische "Leitbauten" nach alten Plänen rekonstruiert und durch stilistisch passende, moderne Gebäude ergänzt werden, für deren architektonische Qualität ein Gestaltungsbeirat unter Mitwirkung des Architekten Christoph Mäckler (der in Freiburg für den Umbau des Augustinermuseums verantwortlich zeichnet) bürgen soll. "In unserer globalisierten Welt ist der Ort, an dem man lebt, von immer größerer Bedeutung", kommentierte Mäckler in der Zeitschrift "Baunetzwoche" die wachsende Sehnsucht nach historischen Stadtbildern. "Die Gesellschaft braucht Wurzeln, einen Anker, um sich definieren zu können. Man sucht einen Halt und findet ihn in den gewachsenen europäischen Städten."

Ohne Studenten wäre die

Innenstadt abends menschenleer.

Zurückhaltendes Verständnis für die Rekonstruktionswünsche in Frankfurt und anderen Städten äußern auch die befragten Freiburger Städtebau-Experten: "Man kann Geschichte nicht auf Teufel komm raus rekonstruieren", meint Jörg Stadelbauer. "Andererseits muss man jeder Generation freistellen, Fehler zu machen oder frühere Fehler zu korrigieren." Für Paul Bert kommt es darauf an, ob eine Rekonstruktion nur "Kulissenarchitektur" ist oder wieder mit "echtem Inhalt" gefüllt wird.

In Freiburg ist die Verbindung mit der Geschichte nie abgerissen, die "verpasste Chance" eines modernen, am Verkehr orientierten Wiederaufbaus hat sich im Nachhinein als Glücksfall erwiesen. Umso kritischer beäugen und kommentieren die Freiburger heute jede Veränderung "ihres" Stadtbildes, wie beispielsweise die futuristisch anmutende Fassade der neuen Universitätsbibliothek oder das Hochhaus im Quartier Unterlinden. Dabei hat sich auch Freiburg längst stärker verändert, als es der äußere Anschein verrät: "Von der bürgerlichen Wohnstadt, die Freiburg vor der Zerstörung zumindest noch teilweise war, ist nicht mehr viel übrig", beschreibt Jörg Stadelbauer den grundlegenden Funktionswandel der letzten Jahrzehnte. "Die Innenstadt ist heute überwiegend zur Geschäftsstadt geworden." Tatsächlich sind von den rund 24 000 Bürgern, die vor dem Krieg auf dem Gebiet der Altstadt wohnten, nur noch ein knappes Drittel geblieben – diesen Wandel hinter den Fassaden haben auch die Freiburger Stadtplaner, bei aller Liebe zur Tradition, nicht aufhalten können. Glücklicherweise gebe es, wie Stadelbauer betont, wenigstens noch die Studenten: "Die Lebendigkeit der Universität sorgt dafür, dass die Innenstadt auch nach Ladenschluss nicht menschenleer wird." Dazu wird die neue UB, so umstritten ihre Architektur auch sein mag, in jedem Fall beitragen.

INFO: WEITERLESEN IM NETZ

Der im Text erwähnte Vortrag von Paul Bert ist online verfügbar unter http://www.online-ringvorlesung.de
Eine ausführliche Darstellung findet sich auch im Buch zur Ausstellung "Freiburg 1944–1994: Zerstörung und Wiederaufbau", herausgegeben vom Stadtarchiv Freiburg/Ulrich P. Ecker
Zur Rekonstruktion der Frankfurter Altstadt: http://www.domroemer.de  

Autor: bz

Autor: Reinhard Huschke