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18. Mai 2010

Deutsch lernen mit Scherenschnitten

Sprachförderprojekte der Waisenhausstiftung für Fünft- und Sechstklässler / Nikola Hübsch erzählt nicht nur Märchen.

  1. Foto: Ingo Schneider

  2. Die Schülerinnen und Schüler an der Vigeliusschule lauschen gebannt den Erzählungen der Theaterpädagogin Nikola Hübsch. Foto: Fotos: Ingo Schneider

"Sprachräume öffnen” heißt eine neuartige Sprachförderung, die die Waisenhausstiftung an zwei Hauptschulen in Freiburg finanziert. Statt wie bisher auf Sprachfehler hinzuweisen, lernen die Fünft- und Sechstklässer in Theater- und Erzählprojekten, sich kreativ auszudrücken.

Die Fünftklässler der Vigeliusschule in Freiburg-Haslach sitzen regungslos auf den Bodenmatten und lauschen gebannt. Vor ihnen steht die Theaterpädagogin Nikola Hübsch mit wirren Haaren und reißt die Augen weit auf. Hübsch ist auch Märchenerzählerin, sie quiekt beim Sprechen wie eine Maus, grummelt wie ein alter Hund und maunzt wie eine Katze. "Aber eigentlich war das eine relativ unspektakuläre Geschichte, die hätte ich am Schuljahresanfang nicht erzählen können”, wird Hübsch später sagen. Denn die Kinder mussten erst einmal lernen, wie man richtig zuhört.

Vor allem aber sollen die Hauptschüler selbst erzählen. Wenige Minuten nach der Geschichte halten die 15 Schülerinnen und Schüler Scheren in den Händen und schnippeln selbstgemalte Figuren für ein sogenanntes Kamishibai, ein japanisches Scherenschnitttheater. Hübsch springt von Gruppe zu Gruppe und hilft den Schülern, ihre eigenen Szenen zu entwickeln. "Ich mach das Peitsche”, sagt ein 12-Jähriger und schnappt sich einen der bunten Kartons. "Hier ist des Frau”, meint ein anderer Junge und zeigt stolz seine simple Zeichnung. "Gib mal kurz Spitzer”, bekommt er zurück. Manche aus der Klasse formulieren auch längere Sätze. Das sind meist Mädchen.

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Erschrocken über das rudimentäre Deutsch

Immer wieder sei sie erschrocken, wie rudimentär das Deutsch der Hauptschüler ist, meint Theaterpädagogin Hübsch. An der Sprache der 11- bis 13-Jährigen arbeitet sie anderthalb Stunden pro Woche, ein ganzes Schuljahr lang. "Das Erzählprojekt ist eine fantastische Ergänzung zum Deutschunterricht”, findet die Klassenlehrerin Simone Fahr. "Kinder, die sonst von den Noten her nicht so stark sind, können hier ihre Stärken zeigen.” Und sie als Lehrerin lerne ganz andere Seiten der einzelnen Schüler-Persönlichkeiten kennen. Begeistert von der Entwicklung der Kinder ist auch Lothar A. Böhler, der Stiftungsdirektor der kommunalen Waisenhausstiftung, die das Projekt mit 82 000 Euro finanziert. "Wir mussten lernen, dass Kinder die übliche Sprachförderung eher als Strafe empfinden. Jetzt können wir zeigen, wie’s anders geht”, sagt Böhler.

Damit möglichst viele Lehrer und Spender die Erfahrungen der Kinder nachvollziehen können, hat der Dokumentarfilmer Albrecht Heise das Projekt im vergangenen Jahr mit der Kamera begleitet. "Ich ahnte ja nicht, wie es aussieht in den Hauptschulen. Keiner weiß das", sagt Heise. Nach den anderthalb Stunden Unterricht sei er stets total geplättet gewesen, wegen dem Lärm, dem Chaos, der Unaufmerksamkeit. "Doch am Schuljahresende war das ständige Stören weg. Und das ist nicht von alleine weggegangen." Im Film ist anschaulich sichtbar, wie sprachlos die Schüler zunächst sind und wie schwer es ihnen fällt, sich nur ein paar Minuten auf ein Thema zu konzentrieren.

"Die Kinder haben wenig Selbstvertrauen. Vor einer Gruppe zu sprechen, ist für viele gar nicht vorstellbar. Sie haben weder gelernt zuzuhören noch jemandem ausführlich von sich zu erzählen, der sich für sie interessiert", sagt Charlotte Beringer. Die Rektorin der Turnseeschule schickt ihre Sechstklässler einmal pro Woche ins Theater im Marienbad, wo die Kinder mit professionellen Theatermachern eine eigene Inszenierung einstudieren.

Die Klassenlehrerin Ursula Schlöttle bemerkte große Synergieeffekte über das Theaterspielen hinaus. "Die Lesefähigkeit wurde gesteigert, da immer wieder der gleiche Text gelesen wurde. Die Aussprache wurde klarer, deutlicher und differenzierter in der Betonung", sagt Schlöttle. Auch könnten die Kinder nun viel selbstbewusster vor eine Gruppe hintreten und ihre Meinung vertreten.

Die Kinder in der Vigeliusschule jedenfalls haben sichtlich Freude daran, Sprache mit Bewegung und Körperarbeit zu verbinden. Auf die Frage, was ihnen am Sprachförderunterricht am meisten Spaß bereite, antworten die Fünftklässler fast geschlossen: "Das Regelspiel!" Dabei müssen sie auf Zuruf hopsen, sich hinsetzen, verbeugen, strammstehen oder tanzen. Die einzelnen Bewegungen dürfen die Schüler selbst festlegen. Und einige erzählen, dass sie erst durch das Vor-schlagen neuer Spielregeln die Angst verloren haben, vor der Gruppe zu spre-chen.

Autor: Doreen Fiedler