"Die Deutschen müssen mit uns reden" 

Anja Bochtler

Von Anja Bochtler

Sa, 02. November 2013

Freiburg

LEUTE IN DER STADT: Ida Hoffmann aus Namibia fordert eine Entschuldigung für die Verbrechen während der Kolonialzeit.

Wann wird sich die deutsche Regierung endlich offiziell entschuldigen? Ida Hoffmann (66) glaubt nicht, dass es bald der Fall sein wird. Aber sie sagt: "Die Entschuldigung muss kommen!" Die Menschen in ihrem Heimatland Namibia warten darauf, mehr als ein Jahrhundert nach der Ermordung von Zehntausenden Menschen durch deutsche Kolonialtruppen, erzählt sie bei ihrem Besuch in Freiburg auf Englisch. Sie ist Vorsitzende des "Nama Genocide Technical Commitee Windhoek" und hielt am Mittwochabend an der Uni einen Vortrag.

Ida Hoffmann ist viel unterwegs, unter anderem war sie in Berlin und Heidelberg, nach Freiburg eingeladen hatten sie das Arnold-Bergsträsser-Institut, das Colloquium Politicum und das Informationszentrum 3. Welt. Was sie erschreckt: Viele, vor allem jüngere Deutsche, wüssten wenig oder nichts über die Kolonialgeschichte. Die Auseinandersetzung damit fehlt.

Freiburg ist für Ida Hoffmann ein wichtiger Ort: hier lagern Schädel ermordeter Einwohner Namibias im Alexander-Ecker-Institut der Uni. Im Frühling begann im Kultur- und Migrationsausschuss eine Debatte über den Umgang mit der Freiburger Kolonialgeschichte, gefordert wurde damals eine gründliche Aufarbeitung. Ida Hoffmann war 2011 auch in Berlin dabei, als es bei der Rückgabe von Schädeln einen Eklat gab. Denn es kam nicht zu der offiziellen Entschuldigung, die Ida Hoffmann und ihre Mitstreiterinnen und Mitstreiter dringend fordern. Verbunden mit einer Entschädigung für die Nachkommen der getöteten ethnischen Gruppen, den Herero, Nama, Damara und San.

Sie selbst gehört zu den Orlam-Nama, die sich 1903 zu einem Aufstand gegen deutsche Kolonialtruppen zusammentaten. Auch ihr eigenes Leben, das 1947 begann, war geprägt vom Kampf gegen widrige Umstände. Als kleines Kind wurde sie Waise, wuchs bei ihrer Tante und später bei ihrer Cousine auf. "Es war ein hartes Leben", sagt sie, sie fühlte sich herumgestoßen, hatte nirgends Rückhalt. Und dann die große Armut: nur fünf Jahre konnte sie zur Schule gehen, sie hatte nie genügend Kleidung, dauernd zu wenig zu essen. Als Jugendliche wurde sie schwanger, damals arbeitete sie in einem katholischen Kindergarten, der sie wegen der Schwangerschaft entließ.

Drei Jahre nach der Geburt ihres Sohnes lernte sie ihren Mann kennen, mit ihm hatte sie noch einen Sohn und drei Töchter. Die Erfahrungen von Armut und Unterdrückung brachten sie dazu, aktiv zu werden: Mitte der 1970er-Jahre begann sie, bei der "South-West Africa People’s Organisation" (Swapo) gegen die südafrikanische Besatzung zu kämpfen, 1984 kam sie für zwölf Tage ins Gefängnis.

Später gründete sie einen Kindergarten, den mittlerweile rund 300 Kinder besuchen, ihr Sohn ist der Leiter. Der Einsatz für Kinder, das war neben dem politischen Kampf immer ihr großes Thema, wahrscheinlich wegen ihrer eigenen traurigen Jugend: Ein Versuch, anderen bessere Bedingungen zu schaffen.

Anfang der 1990er kam die Auseinandersetzung mit den deutschen Kolonialverbrechen dazu, Ida Hoffmann gelang es, verschiedene ethnische Gruppen zur Zusammenarbeit zu bewegen. Anfangs war es für die Männer ein Problem, dass sie als Frau eine führende Rolle übernahm, erzählt sie: "Aber sie allein haben es nicht hingekriegt, und jetzt müssen sie mir zuhören, wenn ich spreche!" Wie wird es weitergehen? Ida Hoffmann wünscht sich einen Runden Tisch mit allen Beteiligten. "Wir müssen zusammensitzen, die Deutschen können nicht über uns reden, sie müssen mit uns reden. Wir sind die Hauptpersonen!"