"Die evangelische Kirche ist per se immer politisch"

Thomas Goebel

Von Thomas Goebel

Mo, 06. August 2012

Freiburg

BZ-INTERVIEW mit Markus Engelhardt, dem evangelischen Stadtdekan, zu einer Zwischenbilanz nach fünf Jahren in Freiburg.

Vor fünf Jahren begann die evangelische Kirche den "Freiburger Weg" – eine Strukturreform, aus der fünf Großgemeinden hervorgingen. Ebenfalls vor fünf Jahren wurde Markus Engelhardt zum evangelischen Stadtdekan Freiburgs gewählt. Thomas Goebel hat ihn nach seiner Zwischenbilanz gefragt.

BZ: Herr Engelhardt, die Bindung an die Kirchen nimmt ab, wenn überhaupt, bestimmt die katholische Kirche die Diskussion – nicht nur beim Papstbesuch. Wo steht die evangelische Kirche in Freiburg?
Markus Engelhardt: Ich würde zunächst Ihre These hinterfragen: Ich habe es in den fünf Jahren, die ich jetzt hier bin, nicht so wahrgenommen, dass kirchliche Themen vor allem von der katholischen Kirche gesetzt wurden. Gut, der Papstbesuch ist außer Konkurrenz – da werden wir nie mithalten können… Aber zum Beispiel bei der Diskussion um den verkaufsoffenen Sonntag als Kompensation für den Papstbesuch, wo es im katholischen Bereich zunächst divergierende Haltungen gab, hat gerade die evangelische Kirche sehr klar gesagt, was geht und was nicht. Wir stehen nicht im Schatten des Münsters – auch weil Freiburg ökumenisch gesehen immer noch ein Biotop ist.

BZ: Wie haben Sie Freiburg erlebt, als Sie vor fünf Jahren aus Konstanz kamen?
Engelhardt: Konstanz ist eine konservative Stadt mit einem selbstbewussten Katholizismus. Freiburg habe ich von Anfang an als eine liberale Stadt erlebt, die stark durch studentische Milieus geprägt wird – und durch eine unglaubliche Vielfalt an Weltanschauungen. Als ich zwei Wochen hier war, kam der Dalai Lama nach Freiburg. Ich habe miterlebt, welcher Hype auf dem Rathausplatz herrschte: Die Begeisterung war nicht geringer als beim Papstbesuch. Das sagt eine Menge aus über Freiburg: Das Klima für Kirche und Religion ist hier insgesamt sehr herausfordernd…

BZ: Wie wollen Sie Freiburger erreichen, die vielleicht gar keinen Kontakt zu ihrer Gemeinde haben?
Engelhardt: Unsere Ortsgemeinden sind oft etwas milieuverengt. Wir wollen Angebote schaffen für Menschen, die sich nicht in das gemeindliche Leben einpassen wollen. Die evangelische Erwachsenenbildung bereitet zum Beispiel gerade die Reihe "Heiße Eisen" vor, in der Themen aus Kirche und Theologie besprochen werden, an denen kritisch denkende Menschen Anstoß nehmen: Wie ist der Kreuzestod Jesu Christi zu verstehen – ist das nicht etwas Grausames? Wie hält es die Kirche mit gleichgeschlechtlichen Partnerschaften? Was heißt es heute, missionarisch zu sein? Wie positioniert sich die Kirche in friedensethischen Fragen, etwa mit Blick auf Syrien?

BZ: Sie selbst haben in den vergangenen Jahren mit Vertretern der Piratenpartei diskutiert, sich für Mieterinteressen eingesetzt, zu Demos gegen Rechts aufgerufen. Ist die evangelische Kirche in Freiburg politisch?
Engelhardt: Die evangelische Kirche – und hoffentlich auch die katholische – ist per se immer politisch. Das Evangelium ist politisch, oder man hat es nicht verstanden. Gott ist in dem Menschen Jesus mitten in die Welt und all ihr Elend hineingegangen. Daraus resultiert für Christen der Auftrag, sich für ein menschenwürdiges Leben einzusetzen. Wir machen keine Politik – dazu sind Politiker da. Aber unsere Aufgabe ist es, genau hinzuschauen und, wie es die Reformatoren gesagt haben, Gewissen zu schärfen. Deshalb sind wir nach Weingarten gegangen und haben uns Mietwohnungen angeschaut, und deshalb achten wir sehr genau darauf, dass nicht auch der Sonntag einem kapitalistischen Denken zum Opfer fällt, um zwei wichtige Beispiele zu nennen.

BZ: Kurz vor Ihrem Amtsantritt hat die evangelische Kirche in Freiburg eine umstrittene Strukturreform hinter sich gebracht. Hat sich der "Freiburger Weg" bewährt?
Engelhardt: Unbedingt – wenn man bedenkt, dass an der Wiege der Reform dramatische wirtschaftliche Nöte standen. Es wurde damals die Grundsatzentscheidung gefällt, keine betriebsbedingten Kündigungen auszusprechen. Deshalb mussten wir an den zweiten großen Block ran: die Gebäude. Daraus ist die Idee der neuen, großen Gemeinden entstanden, die relativ selbstständig ihren Bau- und Personalhaushalt gestalten können. Wir sind in der Konsolidierung unserer Haushalte ein enormes Stück vorangekommen. Nach wie vor mühsam ist allerdings die Gemeindewerdung: Ob sich irgendwann eine Art Gesamtkörpergefühl entwickelt, erscheint mir heute noch weniger sicher als vor fünf Jahren. In Haslach tickt man eben anders als in St. Georgen oder im Rieselfeld – obwohl alle zur Pfarrgemeinde Südwest gehören.

BZ: Es gab relativ viele Pfarrerwechsel in den letzten fünf Jahren. Sind das Nachwirkungen der Reform?
Engelhardt: Überhaupt nicht. Es mag von außen so erscheinen – aber wir hatten nur zwei Wechsel, die direkt mit der Reform zu tun hatten. Das war direkt zu Beginn der Reform 2007. Es ist aber sicher kein Zufall, dass sich für die neuen Gruppenpfarrämter viele jüngere Kollegen bewerben, die stärker auf Teamwork hin ausgebildet wurden, als das noch in meiner Generation der Fall war.

BZ: Viel Protest hat der geplante Teilverkauf des historischen Gemeindehauses der Christuskirche in der Maienstraße ausgelöst. Wie geht’s weiter?
Engelhardt: Es gibt zwei unterschiedliche Überzeugungen: Die einen sagen, die Bedeutung des Hauses ist so überragend, dass sich wirtschaftliche Überlegungen unterzuordnen haben. Die anderen, zu denen auch ich mich zähle, halten es letztlich für unsolidarisch gegenüber den anderen Gemeinden, enorme Summen in die Sanierung des Hauses zu investieren, die wir eigentlich gar nicht haben. Leider wurde in die Maienstraße über viele Jahrzehnte nichts investiert, da haben wir eine Erblast vorgefunden. Die Synode bekommt im November verschiedene Modelle vorgelegt. Sie wird eine verantwortungsvolle Entscheidung treffen.