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19. Juli 2014

"Die ganze Vielfalt zeigen"

Fachtagung über Ansätze und Instrumente zu "Diversity" oder gleichberechtigte Teilhabe.

Während in der Stuttgarter Regierungskoalition noch um den Status der Behindertenbeauftragten in den Stadt- und Landkreisen gestritten wird, schleicht sich längst ein neues Denken ins Zentrum der kommunalpolitischen Diskussion, das mit dem sperrigen Begriff "Diversity" daherkommt. Die Friedrich-Ebert-Stiftung hatte zum Fachgespräch über Ansätze und Instrumente zur gleichberechtigten Teilhabe ins Green City Hotel im Stadtteil Vauban geladen.

Statt unterschiedliche Interessengruppen und Minderheiten um ihre Teilhabechancen ringen zu lassen und ihnen dabei einen "Beauftragten" zur Seite zu stellen, geht "Diversity" von der ganz normalen Vielfalt in einer Gesellschaft aus, in der Menschen mit unterschiedlichen Fähigkeiten und Bedürfnissen leben und arbeiten. Dass Sozialbürgermeister Ulrich von Kirchbach bei der Fachtagung mit fliegenden Fahnen auf das neue Denken eingeschwenkt wäre, lässt sich nicht behaupten. Mit merklich gebremster Euphorie kündigte er an, die "green city als diverse city" zu etablieren. Dass es dabei mit einem "neuen begrifflichen Dach" für die vorhandenen Säulen der Gleichstellung nicht getan ist, ist dem SPD-Mann klar. Nur mit einem "soliden Fundament" könne das Vielfaltskonzept die Arbeit einer Stadtverwaltung erleichtern. Keinesfalls solle man es gegen die herkömmlichen Gleichbehandlungsstrategien ausspielen.

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Sie hatten es in der jüngeren Vergangenheit schwer genug, sich in der Verwaltung zu verorten: Frauenbeauftragte, Geschäftsstelle Gender Mainstreaming, Büro für Migration und Integration, Beauftragte für Menschen mit Behinderung. "Dicke Bretter", bescheinigt ihnen der Bürgermeister, hätten sie bohren müssen und ihre Erfolge seien oft nur Etappensiege. "Aber sie haben die Teilhabechancen der betroffenen Menschen erkennbar weiter gebracht." Der Tagungsort Green City Hotel im Vauban mit seinem Team aus behinderten und nichtbehinderten Mitarbeitern mag dafür als anschauliches Beispiel gelten.

In den Diskussionsrunden der Tagungsteilnehmer (Stadträte, Verwaltungsmitarbeiterinnen und -mitarbeiter, Vertreter von Interessengruppen) trifft das Diversity-Konzept denn auch nicht auf einhellige Zustimmung: "Die Einzelgruppen kämpfen noch um ihre Teilhabechancen", meint etwa Nicole von Jacobs. Die Migrationsbeauftragte aus Basel fürchtet: "Wenn wir die Einzelstrategien verlassen, gehen Ziele verloren."

Eine Querschnittsaufgabe der Verwaltung

Während die einen mit Diversity hehre Vorstellungen wie eine "Humanisierung der Gesellschaft" und "die Überwindung historischer Herrschaftsstrukturen" verknüpfen, sieht Elisabeth Noeske von der Freiburger Arbeitsgemeinschaft "Miteinander leben" die Wirklichkeit ganz nüchtern: "Wer nicht genügend schreit, geht unter." Gleichwohl räumt Hans Steiner, Leiter des Freiburger Büros für Migration und Integration, ein, die "Schlagkraft einer Beauftragtenstruktur" könne möglicherweise "nicht mehr ganz zeitgemäß" sein. Immerhin stecke darin auch immer etwas Diskriminierendes, ein Denken in Defiziten statt Ressourcen. "Wir sollten eine Normalisierungsstrategie fahren und dabei die Kirche im Dorf lassen." Ein Teilnehmer aus Merzhausen sieht seine Gemeinde mit all den Konzepten zu Diversity und Gleichstellung ohnehin überfordert: "Bei uns läuft das alles über die Vereine." Und eine Personalentwicklerin aus der Stadtverwaltung kann mit den Schubladen, in die Menschen gesteckt werden, wenig anfangen: "Wir haben es mit Individuen in ihren ganz eigenen Lebenssituationen zu tun, für die wir Lösungen finden müssen."

"Diversity-Management ist eine Querschnitts-, keine Sonderaufgabe in einer modernen Verwaltung", sagt der Berliner Organisationsberater und Diversity-Trainer Andreas Merx. Es zeige sich im Leitbild, in der Organisationsstruktur, im Verhaltenskodex für die Mitarbeiter ("auf diskriminierenden Sprachgebrauch achten"), im kultursensiblen Kantinenessen, in den Stellenanzeigen. Diversity-Kompetenzentren, -beauftragte, -arbeitsgruppen und -abteilungen, um das neue Konzept zu etablieren, mögen auf viele im Publikum eher abschreckend gewirkt haben. Christiane Mairon-Binder hingegen, die in Mannheim mit der Einführung betraut war, zeigt sich begeistert: "Die Verwaltung ist für die Stadtgesellschaft da. Sie kann sie besser verstehen und ihre Sprache sprechen, wenn sie selbst deren ganze Vielfalt auf allen Ebenen repräsentiert." In Mannheim spricht man von Vielfaltsmanagement. Ein Versuch, wenigstens die Begriffsbarrieren etwas niedriger zu hängen.

Autor: Anita Rüffer