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15. Juni 2011

Die Geschichte der Freiburger Familie Zivi

Nach der Gründung der jüdischen Gemeinde 1864 erhielt Heinrich Zivi bei Wahlen die meisten Stimmen – jetzt trafen sich hier Nachkommen von ihm aus aller Welt.

  1. Hans Schadek (links) mit Nachkommen der Familie Zivi Foto: bamberger

Zivi heißen nicht mehr viele von ihnen. Und mittlerweile leben sie verstreut in der ganzen Welt, viele in der Schweiz, Frankreich, den Niederlanden und den USA. Sie sind die Nachkommen der Freiburger Familie Zivi, die 1864 bei der Gründung der damaligen jüdischen Gemeinde eine wichtige Rolle gespielt hat. 36 von ihnen trafen sich jetzt in Freiburg – und erfuhren von Hans Schadek, dem früheren Leiter des Stadtarchivs, Hintergründe über ihre Vorfahren.

Wer hätte das gedacht? Die Urgroßeltern von Ariane Mil-Gutmann aus Zürich und Karin Beuttenmüller-Mussbach aus Mundelsheim bei Stuttgart waren Geschwister. Das haben die beiden Frauen bei einer der zwei ersten Familienzusammenkünfte herausgefunden. Zum dritten Treffen sind nun beide nach Freiburg gekommen – an den Ort, der 1863 für den aus dem Elsass stammenden Heinrich Zivi-Lang und seinen Bruder Max Zivi zur neuen Heimat wurde.

Im Januar 1864 gründete sich hier eine israelitische Religionsgemeinde mit anfangs 35 Wahlberechtigten, berichtet Hans Schadek den Zivi-Nachfahren. Sie beugen sich im Stadtarchiv interessiert über alte Dokumente – zum Beispiel den Freiburger Adresskalender von den Jahren 1864 bis 1866, in dem die Weinhandlung von Heinrich Zivi für ihre Weine warb. Ihr Inhaber erhielt 1865 bei der Wahl des dreiköpfigen Synagogenrats die meisten Stimmen. Er war bis 1890 Mitglied des Gremiums.

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Die Gemeinde wuchs schnell, 1865 hatte sie mehr als 100 Mitglieder. Damals war eine Blütezeit der jüdischen Bevölkerung in Freiburg, die zuvor immer wieder brutal vertrieben oder ermordet worden war: 1349 hatte man alle jüdischen Menschen beschuldigt, das Trinkwasser – das doch auch sie selbst tranken – vergiftet zu haben und damit die Pest zu verbreiten. Der Freiburger Rat inhaftierte alle Juden in der Stadt und verbrannte sie – mit Ausnahme von Kindern und Schwangeren. Etwas später, nach der Ermordung eines christlichen Jungen im Jahr 1401, vertrieb die Stadtspitze alle Juden aus Freiburg. Diese Schauergeschichten sind weniger bekannt als die Verfolgung im Nationalsozialismus, die natürlich auch die Zivis traf: Richard Zivi zum Beispiel wurde im Oktober 1940 nach Gurs deportiert, sein Haus in der Erbprinzenstraße 1 erwarb die Stadt. Er überlebte und versuchte von einem Altersheim in Marseille aus, das Haus zurückzubekommen. Auf der Deportationsliste stehen einige andere Namen von Zivis, für Mathilde Zivi, die in der Kirchstraße 45 gelebt hatte, gibt es eine Todesmeldung vom August 1942.

Karin Beuttenmüller-Mussbach wusste durch ein Foto von Max Zivi, das sich in ihrer Familie erhalten hat, von den Verbindungen nach Freiburg. Weil ihre Urgroßmutter einen Nichtjuden geheiratet hatte, konnte dieser Zweig der Familie im nationalsozialistischen Deutschland überleben, andere flohen. Sie fühlt sich ihren Vorfahren verbunden: "Und wenn man über sie spricht, leben sie weiter."

Autor: Anja Bochtler