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15. Februar 2012
Die "Quäkerhilfe" brachte die Liebe
Delbert Barley ist der letzte Überlebende des AFSC / Zarte Bande beim Hilfeseinsatz / Gedenktafel an der "Quäkerbaracke".
Morgen wird an der sogenannten "Quäkerbaracke" neben der Kindertagesstätte Urachstraße eine Gedenktafel enthüllt. Sie soll an die Hilfe erinnern, die die Schweizer Caritas und das "American Friends Service Committee" (AFSC) ab 1946 im zerstörten Freiburg leisteten. Als "Quäkerspeisung" ist sie noch heute bekannt. Von den damaligen Helfern ist nur noch einziges Mitglied der Quäkerhilfe am Leben: Delbert Barley. Heute lebt der 94-Jährige nahe Karlsruhe, zu gebrechlich für eine Reise nach Freiburg.
Delbert Barley war Kriegsdienstverweigerer. Seinen Ersatzdienst leistete er bei den "smoke jumpers" ab, die als Fallschirmspringer Brände bekämpften. Nach Kriegsende meldete er sich bei dem Hilfskomitee der Quäker, dem AFSC ("American Friends Service Committee") zum Einsatz in Europa. Nach langen Verhandlungen hatte die französische Regierung drei Verteilungszentren genehmigt, davon eines Freiburg, dem Delbert Barley zugeteilt wurde.Im September 1946 fuhren Barley und der AFSC-Verhandlungsführer Willis Weatherford nach Baden-Baden in das Hauptquartier der Französischen Militärregierung, wo sie mit den nötigen Papieren versehen wurden. In Freiburg übernachteten die Amerikaner in dem beschlagnahmten "Bären" und machten tags darauf ihren Antrittsbesuch, zum Beispiel bei Oberbürgermeister Wolfgang Hoffmann. Barley schaute sich in der Stadt um und war vom Ausmaß der Zerstörung nördlich des Münsters schockiert. Einen Wiederaufbau konnte er sich nicht vorstellen.
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In den nächsten Tagen trafen weitere Lastwagen ein. Das inzwischen dreiköpfige Team stellte sich dem Chef der "Santé Publique" vor, einem französischen Offizier, der den Helfern anbot, eine Villa für sie zu beschlagnahmen. Doch die drei beharrten darauf, vorerst in mitgebrachten Zelten in der Urachstraße zu wohnen. In einem Zelt wurden die Küche, ein Essplatz und das Büro untergebracht, daneben standen das Schlafzelt und das für Reparaturmaterial, Ersatzreifen und Benzinkanister.
Einige Tage später traf Germanistikprofessor Harry Pfund aus Philadelphia ein, der Leiter der Mission. Er erhielt eine kleine Wohnung im Pfarrhaus der Christuskirche. Das Team vergrößerte sich, und nicht alle Helfer waren Amerikaner oder Quäker. Die Lastwagen waren bald voll ausgelastet durch den Transport von Nahrungsmitteln, in erster Linie Kartoffeln. Da die Ravennabrücke gesprengt war, gingen die Fahrten weit ins Land hinein, bis nach Memmingen. Das von Delbert Barley geleitete Fahrerteam transportierte zunehmend auch Baumaterialien, die für Reparaturen vor allem an den Universitätskliniken gebraucht wurden. Bei den Leerfahrten den Schwarzwald hinauf nahmen die Trucks häufig Städter mit, die wegen der in Südbaden geltenden Rationierung auf täglich 880 Kalorien darauf hofften, zusätzliche Lebensmittel bei den Bauern hamstern zu können.
Im November kamen aus Schweden zwei Baracken. Nun konnten die Helfer komfortabler untergebracht werden. Eine weitere Baracke wurde gegenüber der Universität als Studentenzentrum aufgestellt, war gut beheizt und damit eine willkommene Möglichkeit, sich nach der Kälte der unbeheizten Hörsäle wieder aufzuwärmen. Neben einer kleinen Bibliothek gab es eine Tee- und eine Nähstube, sogar ein Schuhmacher nahm in der Baracke die Arbeit auf.
Im Fühjahr 1947 startete unter Leitung von Harry Pfunds Ehefrau Marie das Ernährungsprogramm für Kinder bis zum Schulalter und für werdende Mütter. Schulkinder wiederum wurden durch die "Schweizer Spende", einer öffentlichen Sammlung der Schweizer, versorgt, auch dafür kamen die Trucks zum Einsatz. Als Verteilerpunkte in der Stadt und in Merzhausen dienten meistens Wirtshäuser. Die Rationen bestanden aus Milchpulver, Margarine, Zucker, Mehl, Dosenfleisch (zumeist von Pferden) und einer Mischung aus Hafer- und Weizenflocken. Für die Ausgabe waren freiwillige Helferinnen zuständig, Kranke und Alte erhielten ihre Rationen in ihren Wohnungen. Ein weiterer Schwerpunkt von Barleys Arbeit war es, die aus den USA eingetroffenen Kleiderspenden vom Güterbahnhof in das Zentrum in der Urachstraße zu bringen.
Eines Tages meldete sich eine junge Deutsche namens Ruth bei Harry Pfund, um ihm einen Brief von den Schweizer Quäkern zu überbringen. Delbert Barley war gerade anwesend. Es fanden sich Anlässe zu erneutem Besuch, Blicke wurden getauscht, Delbert Baleys Puls beschleunigte sich, wenn sie an seinem Truck vorbeikam – die Dinge nahmen ihren Lauf. Im März 1947 heirateten Ruth und Delbert, die junge Ehefrau brach ihr Geigenstudium ab und half noch ein Jahr lang im Team mit. Im Juli 1948 verließ die inzwischen dreiköpfige Familie Freiburg in Richtung Amerika.
Delbert Barley wurde wieder Lehrer an einer High-School und studierte Soziologie in Philadelphia. Nach einigem Hin und Her wurden die Barleys schließlich dort sesshaft, wo die Quäkerhilfe 1946 ihre Arbeit aufgenommen hatte: in Freiburg. An der Evangelischen Fachhochschule war Delbert Barley von 1960 bis 1981 Dozent für Soziologie, nach Freiburg kehrte das Paar auch wieder zurück, nachdem der Ruhestand den beiden ein erfülltes Jahrzehnt in Südfrankreich ermöglicht hatte.
Was für Delbert Barley das Wichtigste war, was er aus seiner Zeit der Quäkerhilfe mitgenommen hat, das, sagt Delbert Barley heute, war die Begegnung mit Ruth, die im vorigen Jahr verstorben ist. Und es waren die langjährigen, im Team entstandenen Freundschaften mit Harry und Marie Pfund, mit John, Betty, Jessie und wie sie alle hießen. Von ihnen ist niemand mehr am Leben. Delbert Barley ist jetzt der letzte der Helfer, die im Auftrag des "American Friends Service Committee" 1946 nach Freiburg kamen. Der AFSC erhielt 1947 den Friedensnobelpreis für seine weltweite Tätigkeit.
Der Freiburger Klaus Hockenjos, Mitglied der Arge Freiburger Stadtbild, interessiert sich für die Geschichte der Quäkerbaracken auch aus einem persönlichen Grund: Er ist der Neffe von Ruth Barley.
Autor: Klaus Hockenjos


