Wenn Sie sich diesen Artikel vorlesen lassen wollen benutzen Sie den Accesskey + v, zum beenden können Sie den Accesskey + z benutzen.
11. August 2009 06:09 Uhr
Geschäft mit der Angst
Die Schweinegrippe kurbelt den Umsatz an
Wie gefährlich die Schweinegrippe tatsächlich ist, wird sich noch zeigen. Klar ist nur, dass die Furcht vor der Influenza in manchen Branchen für steigende Umsätze sorgt. Allein in Freiburg werden so Tausende Euro zusätzlich gemacht. Und das täglich.
Positiv zu Buche schlägt das H1N1-Virus – selbst, wenn es letzten Endes im Einzelfall gar nicht vorhanden ist – zum Beispiel beim Medizinischen Versorgungszentrum Clotten. Das Großlabor, das im Volksbank-Gebäude an der Bismarckallee gegenüber vom Hauptbahnhof seinen Sitz hat und 190 Beschäftigte zählt, testet nach Angaben einer Mitarbeiterin derzeit täglich 60 bis 70 Patientenproben auf das Vorhandensein des Erregers. Für jeden Test berechnet das Labor zwischen 130 und 150 Euro. Somit bringt die Schweinegrippe allein dem Labor Clotten Zusatzerlöse von 7000 bis 10 000 Euro täglich.
Werbefachleute kennen zwar den Begriff des viralen Marketings, doch damit ist eigentlich gemeint, dass sich Werbebotschaften in Windeseile im Internet von Nutzer zu Nutzer verbreiten, ähnlich wie bei Mund-zu-Mund-Propaganda oder eben einer Epidemie. Dass ein Virus höchstselbst die Geschäfte ankurbelt, daran wurde bisher offiziell nicht gedacht.
Dabei sorgt H1N1 zweifellos für zusätzliche Nachfrage. "Wir verkaufen derzeit deutlich mehr Tamiflu als vor zwei Jahren, als die Vogelgrippe-Angst die Leute beschäftigt hat", sagt eine Mitarbeiterin einer Apotheke in der Freiburger Innenstadt, die lieber anonym bleiben will.
Werbung
Tamiflu ist ein rezeptpflichtiges Medikament des Pharmaherstellers Roche, das auch vor der Schweinegrippe schützen kann – eine Packung mit zehn Kapseln kostet knapp 40 Euro. Die Apotheken-Mitarbeiterin weiter: "Ich denke schon, dass manche Leute sich irgendwie ein Rezept besorgen und dann einen Tamiflu-Vorrat anlegen". Eine Angestellte der Unterlinden-Apotheke schätzt, dass dort im Schnitt täglich ein bis zwei Tamiflu-Packungen über die Ladentheke gehen. Grob hochgerechnet auf die etwa 70 Apotheken in der Stadt ergäbe sich so ein täglicher Tamiflu-Umsatz von gut 4000 Euro.
Daneben finden Hygiene-Produkte reißenden Absatz. In Apotheken verkaufen sich Einweg-Atemschutzmasken für rund 3 Euro sehr gut, wie BZ-Recherchen ergaben – besonders an Leute, die in den Urlaub fahren wollen. Rolf Faller, der seit 20 Jahren in Freiburg einen Großhandel für Hygiene-Produkte betreibt, spricht von einem Umsatzplus von rund fünf Prozent bei Desinfektionsmitteln gegenüber dem Vorjahr. Laut Lorenz Breiner von der Geschäftsführung des Hygiene-Großhandels Wisma, einer Uniklinik-Tochtergesellschaft, ist die Nachfrage einfach "immens". Manche Desinfektionsprodukte seien bereits ausverkauft.
Auch Eric Froschauer bekommt derzeit viele Anfragen. Seit wenigen Monaten vertreibt er den berührungslosen Desinfektionsmittelspender "Germstar", Kostenpunkt: immerhin 99 Euro, plus 56 Euro für die Desinfektionsflüssigkeit. "Gerade in den Freiburger Restaurants und Clubs ist man jetzt natürlich sehr sensibel für das Thema", sagt Froschauer.
- Audio-Interview: Der Koordinator der Probeimpfungen gegen die Schwinegrippe über die angelaufene Aktion im
- Fragen und Antworten: Was tun gegen Schweinegrippe
Autor: Holger Schindler


