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03. September 2012

Die Synagoge als Anlaufstelle zur Integration

Beim Tag der jüdischen Kultur erfahren die Gäste, wie Zuwanderer aus der früheren Sowjetunion das Gemeindeleben prägen.

  1. Lecker: Yaroslav Yakubow serviert koschere Falafel. Foto: M. Bamberger

Auf wohlwollende Neugier stößt die jüdische Gemeinde, wenn sie ihre Türen öffnet. Knapp 1000 Freiburgerinnen und Freiburger kamen gestern, um auf einem Stadtspaziergang Spuren jüdischen Lebens zu suchen, den jüdischen Friedhof im Stadtteil Mooswald zu besichtigen, eine Fotoausstellung von Johannes Reiner über Israel anzuschauen, ein Konzert zu hören oder einfach lecker koscher zu essen beim Hock bei der Synagoge an der Engelstraße in der Stadtmitte.

Seit 13 Jahren findet in 30 Staaten immer am ersten Sonntag im September der Europäische Tag der jüdischen Kultur statt. Einblicke in Bräuche und Alltag der Freiburger Gemeinde erhofften sich etwa 50 Frühaufsteher, die sich am Morgen in der Synagoge einfanden und munter mit der Vorsitzenden Irina Katz sowie mit Uschi Amitai, Delegierte zum Oberrat der Israelitischen Religionsgemeinschaft Baden, diskutierten. Dazu muss man wissen: "Eine Synagoge ist kein Sakralbau, sondern eine Versammlungsstätte", erklärt Amitai. Heiligkeit werde hergestellt, wo zehn religionsmündige Männer zusammenkommen.

Die jüdische Gemeinde in Freiburg ist orthodox-traditionell. Reformorientierte Juden schlossen sich deshalb Ende der 90er Jahre zur "Chawurah Gescher" zusammen (Gebetsgruppe "Brücke"). Sie hat rund 50 Mitglieder. Das Verhältnis zur Einheitsgemeinde mit 750 Mitgliedern ist nach wie vor distanziert.

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Maßgeblich geprägt haben Jüdinnen und Juden aus den früheren Sowjetrepubliken die Freiburger Gemeinde. Als sich Anfang der 90er Jahre der eiserne Vorhang hob, kamen 1000 sogenannter Kontingentflüchtlinge nach Freiburg: Juden mit deutschen Vorfahren, aber ohne Bezug zu ihrer Religion. So wie Irina Katz, die im ukrainischen Donezk Lehrerin für Französisch und Biologie war. "Wir hatten kaum Ahnung vom Judentum", erzählt sie den Zuhörern. Aber in ihren Pässen stand unter der Rubrik Nationalität: Juden. Die Zuwanderer mussten sich sowohl in die deutsche Gesellschaft als auch in die Einheitsgemeinde integrieren, die zu einer Anlaufstelle für Juden aus Osteuropa wurde. Ihren geliebten Beruf konnte sie nicht mehr ausüben, sie schulte um zur Außenhandelskauffrau. Die heute 55-Jährige fand in Freiburg zum Glauben, den sie aber "nicht streng" auslegt, wie sie sagt. Die Thora zu lesen, empfand sie als intellektuelle Herausforderung. Seit 2009 ist sie im Vorstand. "Die Russen schreiben die Geschichte der jüdischen Gemeinden." Kein Wunder, sie stellen 95 Prozent der Juden in Deutschland.

Und manche kochen, so wie Yaroslav Yakubow, Mitte 30, der aus Kiew stammt. Seit drei Tagen ist er fest angestellten Koch der Gemeinde. Er hat in Israel koscher kochen gelernt, also nach den jüdischen Speisegesetzen. 70 Essen täglich soll er zubereiten für die erste jüdische Kindertageseinrichtung in Baden seit 1945, die im März mit dem Jugendhilfswerk in Zähringen eröffnet wird. Wie koschere Falafel schmecken, konnten die Gäste gestern schon einmal testen.

Autor: mac