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25. Januar 2014

Die Täter von nebenan

Am 27. Januar 1945 wurde das Konzentrationslager Auschwitz befreit – es wurde auch mit Hilfe Freiburger SS-Angehöriger betrieben.

  1. Zaun und Wachturm im Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau Foto: dpa

Mittlerweile erinnern 350 Stolpersteine im Stadtbild an Opfer des Nationalsozialismus. Ihnen ist zu entnehmen, dass viele der Juden, die im Oktober 1940 nach Gurs in Südfrankreich deportiert wurden, später in Auschwitz ermordet wurden. Doch wie sieht es mit dem Wissen über die Täter aus? Es dürfte eigentlich nicht überraschen, dass auch Freiburger in Konzentrations- und Vernichtungslagern "arbeiteten". Allerdings ist über diese Gruppe – mit Ausnahmen – bislang noch sehr wenig bekannt. Die Forschung zur Freiburger SS bietet hier neue Ansatzpunkte.

Für den Eintritt in die SS-Totenkopfverbände wurde bereits vor 1939 in den Zeitungen geworben. In der Dienststelle der 65. SS-Standarte "Schwarzwald" in der Lessingstraße und später in der Mercystraße gab es Musterungen von Freiwilligen. Sie mussten sich auf mindestens vier Jahre verpflichten. Geworben wurde damit, dass man nach mindestens sechs Jahren bevorzugt bei Polizei oder Gestapo eine Anstellung finden könne. Während des Krieges fanden die Untersuchungen beim Wehrbezirkskommando in der Sautierstraße statt.

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Die Gruppe der späteren KZ-SS rekrutierte sich nicht zuletzt aus den Hunderten Angehörigen der Allgemeinen SS. Diese Menschen gingen in den 1930er Jahren zivilen Berufen in Freiburg nach, bevor sie bei der Waffen-SS am Holocaust, den Genoziden an Sinti und Roma, Polen, Russen und anderen Gruppen beteiligt waren.

Unter ihnen befanden sich zum Beispiel zwei ehemalige Weltkriegsteilnehmer und aktive Führer der 65. SS-Standarte, die jahrelang Wachkompanien in diversen KZ befehligten. Der erste, Emil Maier (1895-1958), war einst Angestellter der Kreispflegeanstalt. Als Sturmbannführer hatte er das Kommando über eine SS-Wachmannschaft, die in der Ihlenfeld-Kaserne in Offenburg noch im April 1945 ein bestialisches Massaker an 41 überwiegend jüdischen Häftlingen aus dem KZ Flossenbürg verübte. Der andere, Gustav Borell (1898-1967) aus der Nähe von Karlsruhe, war in den 1920er und 30er Jahren in Freiburg Straßenbahnschaffner und Beamter des städtischen Wohlfahrtsamtes, bevor er KZ-Wachoffizier wurde.

Der riesige Lager- und Vernichtungskomplex Auschwitz im besetzten Polen existierte von 1940 bis 1945 und ist zum zentralen Symbol für den arbeitsteiligen, industriell organisierten Massenmord der Nationalsozialisten geworden. Auch hier waren Freiburger SS-Leute im Einsatz. Wie ausdifferenziert die Einsatzgebiete im Ausbeutungs- und Vernichtungssystem waren, zeigt sich an den folgenden Fällen.

Der Uhrmachermeister Theo Gehri (1907-1981), der ein Geschäft in der Freiburger Löwenstraße führte, war 1933 der SS beigetreten. Von Oktober 1940 bis Oktober 1944 gehörte er der Standortverwaltung Auschwitz an, zunächst als einfacher SS-Mann, später als Unterscharführer. Er wurde in der Gefangenen-Eigentumsverwaltung als Leiter der Unterabteilung Wertsachen eingesetzt. Sie war dafür zuständig, die den Häftlingen gestohlenen Wertsachen nach Berlin abzuführen sowie das Häftlingsgeld zu verwalten. 1943 erhielt er als Anerkennung für seinen Einsatz die Kriegsverdienstmedaille. 1948 wurde Gehri in Krakau zu acht Jahren Haft verurteilt. Im Frankfurter Auschwitz-Prozess bestritt er als Zeuge zwar, bei Vergasungen anwesend gewesen zu sein. Er gab aber zu, "selbstverständlich" gewusst zu haben, "dass ab 1942 wesentliche Teile der neuangekommenen Transporte sofort vergast wurden".

Der in Nordbaden geborene Kaufmann Adolf Hege (1904-1961 für tot erklärt) war seit 1928 aktives NSDAP-Mitglied, gehörte also zu den so genannten "alten Kämpfern". Im November 1937 wurde der Verwaltungsdirektor aus politischen Gründen Leiter der Allgemeinen Ortskrankenkasse Freiburg am Fahnenbergplatz und lebte in der Stadtstraße. Während des Krieges gehörte der langjährige SS-Angehörige dem Kommandanturstab Auschwitz im Rang eines Unterscharführers an. Er soll dort an Vernichtungsaktionen teilgenommen haben. Seinen Wohnsitz und die Position behielt er – wie die anderen Kameraden – in Freiburg bei.

Lüder Elimar Precht (1912-1969) besuchte die Volksschule in Littenweiler und die Rotteck-Oberrealschule (Gymnasium). Dann studierte er Zahnmedizin an der Uni Freiburg, legte 1936 das Staatsexamen ab und arbeitete anschließend als Assistent. Seit 1933 SS-Mitglied, wurde er 1939 zur Waffen-SS eingezogen. Er gehörte verschiedenen Einheiten an, bevor er ab Juli 1942 in den KZs Natzweiler-Struthoff, Dachau, Oranienburg und von Juli 1944 bis Januar 1945 auch als leitender Zahnarzt in Auschwitz eingesetzt wurde. Als er 1962 im Rahmen des Auschwitzprozesses vernommen wurde, stellte er sich als gänzlich unschuldig dar und wurde auch nicht angeklagt. Immerhin gab er zu, von den Versuchen gewusst zu haben, die Straßburger Professoren an Häftlingen in Natzweiler verübten – die Professoren hätten ihm davon beim gemeinsamen Mittagessen erzählt. So hatte dort etwa Professor Dr. Otto Bickenbach, 1934 kommissarischer Leiter der Medizinischen Klinik der Uni Freiburg, tödliche Giftgasversuche durchgeführt. Dass in Auschwitz Massenvernichtungen stattfanden, sei ihm schon vor der Versetzung dorthin bekannt gewesen, sagte Precht – auch diese Aussage ein Kontrast etwa zu Gustav Borell, der dreist behauptete, als Wachführer von den Vorgängen in den Lagern nichts mitzubekommen zu haben.

Precht bestritt allerdings, selbst "Rampendienst" getan zu haben. Er habe nichts zu tun gehabt mit der Selektion ankommender Gefangener, womit er direkt an ihrer Ermordung mitgewirkt hätte. Auch habe er keine zahnärztlichen Materialien beschlagnahmt, die die jüdischen Ärzte im Glauben an eine Umsiedlung in den Osten mitbrachten. Sonderkommandos aus jüdischen Häftlingen wurden gezwungen, den vergasten Opfern die Goldzähne herauszubrechen. Das Gold wurde eingeschmolzen und an Precht als Leiter der Zahnstation abgegeben. Er räumte jedoch lediglich ein, dieses Gold an das SS-Wirtschafts- und Verwaltungshauptamt in Berlin geschickt zu haben. 1950 arbeitete Precht in Stuttgart eine Zeitlang bei seinem KZ-Kollegen aus Auschwitz, Dr. Frank, als Assistenzarzt, bevor er Schulzahnarzt in Offenburg wurde.
KZ-Arzt Mengele

in Freiburg

Es ist möglich, dass sich Precht und Josef Mengele, einer der berüchtigtsten KZ-Ärzte, über das schöne Freiburg unterhielten, denn Mengele besuchte Freiburg angeblich mehrfach. Seine damalige Ehefrau, seine Schwiegereltern und der 1944 geborene Sohn lebten während seiner Zeit in Auschwitz in der Freiburger Sonnhalde. Eine Stadträtin, erinnert sich der ehemalige Oberbürgermeister Rolf Böhme in seinem Buch "Orte der Erinnerung", habe ihm einst gesagt, Mengele sei ein guter Tänzer gewesen, er ist hier also in Erscheinung getreten. Seine Frau besuchte ihn umgekehrt auch zweimal in Auschwitz. Mengeles Beziehungen zu Freiburg wird der Historiker Markus Wolter im nächsten Jahrbuch des Breisgau-Geschichtsvereins vertiefen.

Der 1908 in Oberrimsingen geborene Küfer Josef Schillinger trat, anders als oft angegeben, nicht erst 1939, sondern schon 1932 der SS bei. 1943 wurde der Rapportführer in Auschwitz von einer Jüdin tödlich verletzt. Als sie sich vor dem Vergasungsraum weigerte, sich ganz auszuziehen, wollte er sie mit vorgehaltener Waffe dazu zwingen. Doch gelang es ihr, sie ihm zu entwinden und auf ihn zu schießen. In der Freiburger Zeitung "Der Alemanne" beklagte die Familie diesen "Heldentod" und erst im Jahre 2003 erreichte der in der Gedenkarbeit engagierte Freiburger Andreas Meckel, dass der Grabstein Schillingers vom Ehrenfeld in Oberrimsingen entfernt wurde.

Es gab eine Reihe weiterer Angehöriger der KZ-SS, die aus Freiburg stammten, hier als Ärzte oder kleine Angestellte tätig gewesen waren oder sich später als Rentner niederließen. Inwieweit sie trotz Schweigeverpflichtung bei ihren Heimaturlauben über das Erlebte und ihren Beitrag dazu berichteten, wird sich nie ermitteln lassen. Nach der Niederlage trugen sie in der Regel nichts zur Aufklärung der Verbrechen bei, im Gegenteil. Es stellen sich nach wie vor viele Fragen in Hinsicht auf die Täterforschung. Es wäre wichtig, diesen Fragen in der für 2017 geplanten Sonderausstellung "Freiburg im Nationalsozialismus" im Augustinermuseum nachzugehen. Oder sie an einer Mahn- und Gedenkstätte für die Zeit des Nationalsozialismus zu bearbeiten, falls diese einst eingerichtet werden sollte.

– Der Autor Heiko Wegmann ist Diplom-Sozialwissenschaftler und arbeitet an einer Geschichte der SS in Freiburg und von Freiburgern in der SS.

Autor: / von Heiko Wegmann