Kleinkindbetreuung

Die Tagesmütter der "Stadtgartenknirpse" sind gefragt

Anita Rüffer

Von Anita Rüffer

Mi, 17. Juni 2015

Freiburg

Der Tagesmütterverein hat sich zu einem ernst zu nehmenden Baustein in der Kleinkindbetreuung entwickelt.

Eigentlich geht es um "Wohnen und Vermieten" mit den Abteilungen "Mahnwesen" und "Mietanpassung", wie ein großes Schild am Eingang verkündet. Hier residiert in bester Innenstadtlage, den Stadtgarten in Sichtweite, die Freiburger Wohnungsgesellschaft Stadtbau. Woher dann der Kinderlärm aus den Fenstern im Hochparterre? Auch die 160 Mitarbeiter der Stadtbau (und der ihr angegliederten Gesellschaften) haben Nachwuchs. Und der kann, wenn die Eltern es wollen, teilweise direkt neben ihren Büros betreut werden. "Für eine eigene Krippe war der Bedarf nicht groß genug", erklärt Barbara Schwaiger, Leiterin der Personalabteilung. Und der Aufwand wegen all der Vorgaben wäre auch zu hoch gewesen. Sie brauchte eine flexiblere Lösung: Zwei Tagesmütter haben umgebaute Büroräume gemietet, in denen seit zwei Jahren die "Stadtgartenknirpse" zu Hause sind.

Christina Reuter und Hildegard Mayer können ihr Glück kaum fassen: Bei einem Qualifizierungskurs des Tagesmüttervereins haben sie sich kennen gelernt. Christina Reuter, heute 38, ist eigentlich Lehrerin, wollte aber lieber mit kleinen Kindern arbeiten. Hildegard Mayer, 28, studierte Sinologie und Ethnologie, sah aber ihre Berufung ebenfalls in der Kleinkindbetreuung als Tagesmutter. Lange haben die beiden dafür vergeblich nach Räumen gesucht, denn ihr Arbeitsplatz sollte auf keinen Fall in der eigenen Wohnung sein. "Andere geeignete Räume" (so der umständliche Fachbegriff für angemietete Räume) sind nach ihren Erfahrungen aber immer unbezahlbarer und immer schwerer zu finden. Normaler Wohnraum darf dafür ohnehin nicht mehr "zweckentfremdet" werden. Die mehr als 100 Quadratmeter von der Stadtbau waren für die beiden Jungunternehmerinnen wie ein Geschenk des Himmels: Sie können gar nicht aufhören zu schwärmen von der zuvorkommenden Art, mit der auf alle ihre Wünsche für den Umbau eingegangen worden sei. Mit den neun unter dreijährigen Kindern – darunter bevorzugt, aber nicht nur Kinder von Stadtbaumitarbeitern – die sie betreuen, fühlen sie sich als Teil der großen Unternehmensfamilie und schätzen den persönlichen Kontakt im Haus. Sogar Geschäftsführer Ralf Klausmann soll sich schon in den Morgenkreis eingereiht haben; und wenn sie mit dem Bollerwagen alle zusammen auf Einkaufstour zum benachbarten Münstermarkt ziehen, werden sie vom freundlichen Winken aus den Büros begleitet.

ELTERN SCHÄTZEN FAMILIÄRE BETREUUNG
Eingefädelt hatte die Kooperation der Tagesmütterverein, der kürzlich sein 20-jähriges Bestehen feierte. Was noch bis in die 1990er-Jahre vorwiegend als eine Art provisorischer Nachbarschaftshilfe bei der Kinderbetreuung funktionierte, hat sich seitdem zu einem ernst zu nehmenden und immer professioneller agierenden Baustein in der Kleinkindbetreuung entwickelt, forciert von Stadt, Land und Bund. Zumal seit zwei Jahren auch alle unter Dreijährigen einen Rechtsanspruch auf einen Betreuungsplatz haben. "Unabhängig vom Krippenausbau spielt die Kindertagespflege in Freiburg eine unverzichtbare Rolle", erklärt der zuständige Abteilungsleiter beim Jugendamt, Beatus Kamenzin. Von den aktuell 2931 Plätzen für unter Dreijährige – was einer Versorgungsquote von 45 Prozent entspricht – werden 328 und damit 11,2 Prozent von 138 Tageseltern (darunter circa fünf Männer) abgedeckt. Bildungsbürgermeisterin Gerda Stuchlik prophezeit, dass die Tagespflege weiter an Bedeutung gewinnen werde. An die 400 Eltern fragen jährlich beim Tagesmütterverein an, der Angebot und Nachfrage passgenau aufeinander abzustimmen versucht. Es sind Eltern, die für ihren Nachwuchs eine familiärere und flexiblere Betreuung als in einer großen Einrichtung suchen. Manche wollen mit nur wenigen Stunden einsteigen. Andere – Lehrer mit häufigen Konferenzen, zum Beispiel – brauchen jemanden, der auch über den festen Stundenplan hinaus zur Verfügung steht. Die Stadt ermöglicht die freie Wahl zwischen Krippe und Tagespflege, indem sie 2013 die Elternbeiträge einander angeglichen hat.

DIE QUALITÄT IST NACHGEWIESEN

Dass die Tagespflege eine ganz eigene Qualität hat, zeigte die Wiener Professorin für Entwicklungspsychologie, Lieselotte Ahnert, 2012 mit der Nubbek-Studie: Tagespflegepersonen könnten einem Kleinkind sogar eine größere Bindungssicherheit vermitteln als eine Krippe. Und es werde enorm viel in die Weiterbildung investiert. Seit 2011 müssen Tagesmütter einen Qualifizierungskurs von 160 Unterrichtseinheiten (vorher 62) absolvieren mit Abschlussarbeit und einem Kolloquium sowie regelmäßig an Fortbildungen teilnehmen.

Vom großzügigen Bundesinvestitionsprogramm für Krippen profitieren Tagesmütter nicht. Aber der Bund fördert jeden neuen Betreuungsplatz mit 500 Euro, in angemieteten Räumen mit 2000 Euro. Christina Reuter und Hildegard Mayer haben sich bei der Gründung der "Stadtgartenknirpse" vom Tagesmütterverein zuverlässig beraten und begleitet gefühlt. Finanziert wird die Fachberatung einschließlich Qualifizierung zu etwa 75 Prozent vom Land, der Rest von der Stadt.

UNTERSCHIEDLICHE GESCHÄFTSMODELLE
Zunehmend entdecken auch Unternehmen wie die Stadtbau oder – ganz in der Nähe – das Evangelische Stift die Tagespflege als einen Weg, familienfreundlicher zu werden. "Je mehr Fachkräfte fehlen, desto mehr steigen die Unternehmen ein", bekräftigt Geschäftsstellenleiterin Claudia Dorner-Müller.

Ganz unterschiedliche Geschäftsmodelle in der Tagespflege haben sich im Lauf der Jahre herausgebildet: 88 Tageseltern betreuen ganz klassisch bis zu fünf Kinder in der eigenen Wohnung, 26 Personen meist zu zweit bis zu neun Kinder in 14 Gruppen in angemieteten Räumen – wofür der Gesetzgeber erst 2007 den Weg ebnete. "Das ist eine große Chance auch für Unternehmen, die sich den Bau einer Kita sparen können", so Dorner-Müller.

Auch für die Tagesmütter dürfte es entlastend sein, wenn sie zu zweit sind. Der Tagesmütterverein arbeitet derzeit im Auftrag des Gemeinderats an Vertretungskonzepten (Tandems/Springerinnen), damit es sich nicht zur familiären Katastrophe auswächst, wenn die Tagesmutter mal krank ist.

LEISTUNGSGERECHTE VERGÜTUNG
26 Kinderbetreuerinnen arbeiten ganz im Haushalt der Eltern, bei denen sie (für neun Euro netto pro Stunde) angestellt und auch sozialversichert sind. Manchmal schließen sich mehrere Eltern zusammen, um sich das leisten zu können. Selbständige Tagesmütter bekommen ihr Geld vom Jugendamt (5,50 Euro pro Stunde und Kind bis zu drei Jahren, 4,50 für ältere Kinder) sowie die Hälfte der Sozialversicherungsbeiträge. Die Eltern beteiligen sich einkommensabhängig an den Kosten. Für ein behindertes Kind werden neuerdings zwei Plätze angerechnet, und die Stadt kommt für den zweiten auf. Für "Randzeiten" ist die Bezahlung um 20 Prozent aufgestockt worden. Ein "Meilenstein" war es für Claudia Dorner-Müller, als 2007 mit dem Kinderförderungsgesetz die "leistungsgerechte Vergütung für Tagespflegepersonen" vorgeschrieben wurde. "Reich werden wir damit nicht", sagen die Betreiberinnen der "Stadtgartenknirpse" über ihre Arbeit. "Aber es reicht zum Leben."