Leute in der Stadt

Ralf Willinger sprach in Schulen und an der Uni über Kindersoldaten

Anja Bochtler

Von Anja Bochtler

Do, 22. Februar 2018

Freiburg

LEUTE IN DER STADT: Ralf Willinger sprach in Schulen und an der Uni über Kindersoldaten.

FREIBURG. Wenn Ralf Willinger (47) anderen von seiner Arbeit erzählt, sind die Reaktionen unterschiedlich: Manche wollen davon nichts hören. Seit elf Jahren ist er Referent für Kinderrechte mit dem Schwerpunkt Kindersoldaten beim Hilfswerk "Terre des Hommes" in Osnabrück. Als er zwei Tage in Freiburg unterwegs war, ist er auf viel Interesse gestoßen. Unter anderem bei einem syrischen Jungen an der Weiherhof-Realschule.

Freiburg hat sich gelohnt: Ralf Willinger ist angetan von etlichen Gruppen wie dem Freiburger Friedensforum oder dem Rüstungsinformationsbüro, die einen Vortragsabend an der Uni für ihn organisiert haben. Übernachtet hat er bei dem bekannten Rüstungsgegner Jürgen Grässlin, der Lehrer an der Lessing-Realschule ist. Dort hat Ralf Willinger am "Red-Hand-Day" teilgenommen, dem Protesttag gegen den Einsatz von Kindersoldaten. Beeindruckt hat ihn am Tag davor auch ein Schüler an der Weiherhof-Realschule, der ihm nicht nur Fragen stellte, sondern selbst viel erzählte: vom Kriegsalltag in seiner früheren Heimat Syrien, wo es überall Waffen gab und ständig Schüsse fielen. Und davon, dass sein damals 15-jähriger Bruder beinahe Soldat hätte werden müssen.

Eines von vielen Beispielen dafür, wie eng der deutsche Alltag verknüpft ist mit dem Thema, das vor allem Politiker lieber ignorieren, sagt Ralf Willinger, der viel mit ihnen spricht. Nur durch Verdrängen sei die Steigerung der Waffenexporte erklärbar: Vor allem von Kleinwaffen, die an 19 von 20 Kriegstoten schuld seien und unter anderem vom Oberndorfer Rüstungsunternehmen Heckler und Koch in die Welt exportiert würden. Ralf Willinger kam früh in Kontakt mit manchem, was anderswo passiert: Als er vier Jahre alt war, zogen seine Eltern mit ihm und seinen zwei Brüdern für fünf Jahre nach Brasilien. Der Vater arbeitete dort als Pharmazeut. Ralf Willinger knüpfte später während des Studiums der Biochemie und Biologie daran an, als er für ein Jahr mit dem Schwerpunkt Tropenökologie in Brasilien arbeitete. Doch danach zog es ihn in andere Richtungen.

In Berlin studierte er Journalismus und Internationale Zusammenarbeit, er arbeitete als freier Journalist und Pressereferent, auch damals schon zeitweise bei "Terre des Hommes". Politisch interessiert war er immer, Mitglied in einer Partei nie, doch er unterstützt unter anderem den Bund für Umwelt- und Naturschutz (BUND) und das globalisierungskritische Netzwerk Attac. An "Terre des Hommes" schätzt er, dass mit Partnerorganisationen in den jeweiligen Ländern zusammengearbeitet wird. Das helfe. Erst recht, wenn ehemalige Kindersoldaten selbst aktiv werden: So wie Innocent Opwonya, 28 Jahre alt, der seit eineinhalb Jahren in Deutschland Wirtschaftswissenschaften studiert. Als Zehnjähriger wurde er mit seinem Vater in Uganda zwangsrekrutiert, erzählt Ralf Willinger. Nach drei Monaten konnte er fliehen, über seine Erlebnisse zu sprechen, sei für ihn immer noch sehr schmerzhaft. Er glaube, schuld daran zu sein, dass sein Vater erschossen wurde. Trotzdem sind für Ralf Willinger solche Geschichten von Überlebenden ermutigend. Sie motivieren ihn, der selbst zwei Kinder im Alter von neun und zwölf Jahren hat, dran zu bleiben, obwohl Erfolge auf sich warten lassen: Im Koalitionsvertrag sei bisher keine Rede von einem nötigen Rüstungskontrollgesetz, sagt er. Die bisherigen freiwilligen Richtlinien für Kleinwaffen hätten keine Wirkung.