Renaturierung

Dreisam in Freiburg: Bagger graben ein breiteres Bett

Jelka Louisa Beule

Von Jelka Louisa Beule

Mo, 18. August 2014 um 19:07 Uhr

Freiburg

Es staubt, es rumpelt, es rattert: Die Dreisam im Osten Freiburgs erinnert derzeit an eine Großbaustelle, Bagger bewegen 35.000 Kubikmeter Erde. Was passiert dort genau?

An der Dreisam zwischen Sandfangweg und Jugendherberge im Osten Freiburgs ist derzeit von Idylle nur wenig zu merken. Bagger arbeiten sich durch das Erdreich und lassen kaum einen Stein auf dem anderen. Es sieht aus wie auf einer Großbaustelle. Was da wohl geschieht, fragen sich viele, die auf der anderen Flussseite stehenbleiben – und wollen kaum glauben, dass die Arbeiten dazu da sind, die Dreisam wieder naturnäher als bisher zu gestalten.

Eine einsame Mülltonne steht noch herum und eine Bank. An ihnen ist zu erkennen, wo auf der Nordseite der Dreisam bislang das Ufer war und wo der Fuß- und Radweg entlangführte. Den Rest haben die Bagger bereits durchgepflügt. Ein Jogger testet schon mal die neue Strecke. Im Groben ist bereits zu erkennen, wie der Fuß- und Radweg zukünftig verlaufen wird. Statt wie bisher monoton geradeaus, wird er sich auf der insgesamt 900 Meter langen Strecke leicht hin und her schlängeln – genau wie auch der Fluss nebendran. Durch die Renaturierung soll die Dreisam aus ihrem starren Korsett geholt werden, sie darf sich zukünftig bis in die Kartauswiesen ausdehnen.

Flussbett wird doppelt so breit

35.000 Kubikmeter Erde und Steine müssen dazu insgesamt bewegt werden. Bagger schichten große Haufen auf, das ausgehobene Material läuft über Förderbänder. Dadurch werden die Steine nach verschiedenen Größen sortiert. Denn sie sollen weiter verwendet werden. "An der Elz", sagt Erich Linsin, der das Renaturierungsprojekt beim Freiburger Regierungspräsidium betreut. Dort entsteht ein neuer Deich. Linsin muss ganz schön schreien, während er das erklärt. Die Maschinen machen einen Höllenlärm. Staub liegt in der Luft. Obwohl es in den vergangenen Wochen so viel geregnet hat, ist die Erde total trocken. Dabei mussten die Arbeiter Ende Juli sogar zehn Tage lang komplett pausieren. Denn die Dreisam führte so viel Wasser, dass die angrenzenden Bereiche überflutet waren. "So wird das später immer bei Hochwasser aussehen", erklärt Linsin.

Das Flussbett wird zukünftig fast doppelt so breit sein wie bisher, die Böschung ist dann auf der Nordseite sehr flach. Die Bäume wirken bei Überschwemmungen wie kleine Inseln. Bei Niedrigwasser entstehen große Schotterflächen, das Wasser sammelt sich dann weiterhin in den bisherigen Bereichen. Denn die Überschwemmungsbuchten werden aufgeschüttet und liegen dadurch höher als das eigentliche Flussbett. Dadurch soll es auch keine Gefahr für die Fische geben. Und wenn doch einmal ein Fisch nicht mehr rechtzeitig zurückkommt von den Kartauswiesen ins eigentliche Flussbett? "In der Regel merken die Fische, dass das Wasser zurückgeht, die sind manchmal schlauer als wir", sagt Linsin – und grinst. Ob für die Fische alles glatt läuft, werde nach dem Ende der Bauarbeiten aber auch genau beobachtet, gegebenenfalls würden einzelne Bereiche dann noch einmal nachgebessert, sagt Linsin.

Bis Oktober soll das Projekt abgeschlossen sein

Insgesamt sollen sich die Tiere in der renaturierten Dreisam viel wohler fühlen als jetzt. Durch große Steine wird der Fluss zukünftig immer mal wieder "gebremst", dadurch entstehen Bereiche mit langsamerer Strömung und Zonen am Rand, wo das Wasser schnell fließt – alles konzipiert für die unterschiedlichsten Ansprüche von Fischen, Käfern und Co. Die großen Querschwellen, die es derzeit noch gibt, fallen weg, danach können sich die Fische freier als bisher bewegen. Ganz oben, im Bereich der Jugendherberge, ist der erste Abschnitt bereits so gut wie fertig: So wird es später einmal aussehen. Seit Mai laufen die Arbeiten, bis Oktober soll das Projekt abgeschlossen sein.

Aber nicht nur die Natur und die Tiere sollen sich an der neu gestalteten Dreisam freuen, auch der Mensch wird profitieren. Durch die Renaturierung soll das Ufer noch attraktiver werden zum Verweilen. Die Erholungsbereiche sollen sich jedoch auf zwei Gebiete am Sandfangweg und am Ottiliensteg konzentrieren, dazwischen soll die Natur in Ruhe gelassen werden. Ob das klappt, bezweifelt der Bürgerverein Oberwiehre-Waldsee noch. Er glaubt, dass es wilde Grillstellen geben wird, weil die Stadtverwaltung keine festen Grillmöglichkeiten einrichten möchte. Auch das Müllproblem sieht der Bürgerverein noch nicht als gelöst an.
Renaturierung Dreisam

Die Dreisam wurde zwischen 1817 und 1842 auf ihrer gesamten Länge kanalisiert und damit in ihrem natürlichen Verlauf begrenzt. Durch die Renaturierung im Freiburger Osten kann sich der Fluss künftig auf einer 900 Meter langen Strecke zwischen Sandfangweg und Jugendherberge wieder freier ausdehnen. Dadurch verbessern sich die Lebensbedingungen für Fische und Kleinstlebewesen. Bei Hochwasser kann das Wasser zukünftig bis auf die Kartaus-Wiesen fließen. Bezahlt wird das 900.000 Euro teure Projekt von der Deutschen Bahn AG. Damit schafft die Bahn schon jetzt einen ökologischen Ausgleich für das dritte und vierte Gleis der Rheintalbahn, obwohl dieser Ausbau erst in einigen Jahren beginnen wird.

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