Divers

Drittes Geschlecht: Wie gut sind Verwaltung und Gesellschaft in Südbaden vorbereitet?

Jens Kitzler

Von Jens Kitzler

So, 18. November 2018 um 14:28 Uhr

Freiburg

Der Sonntag Die Zeit, als man die Bürger amtlich in Männer und Frauen einteilte, ist so gut wie vorbei: Gemeinden und Behörden müssen demnächst ein drittes Geschlecht anerkennen. Also gilt es, die Verwaltung ganz schön umzukrempeln – und ein Stück weit auch die Weltanschauung.

"Ja", sagt Dominique Kratzer, die Leiterin des Freiburger Standesamts, "unsere Software ist bereits programmiert." Wenn bald der Startschuss vom Gesetzgeber erfolge, könne Freiburg das sofort umsetzen. "Die Angabe ,Divers’ ist dann in allen Registern möglich." Divers – wer wird das sein? Neugeborene Kinder etwa, deren Geschlecht nicht eindeutig feststellbar ist. Erwachsene, die sich aus körperlichen oder psychischen Gründen keinem der beiden Geschlechter zugehörig fühlen. Tatsächlich hält die Natur mehr Varianten bereit, als ins traditionelle Schema passen – Chromosomen oder Geschlechtsorgane sind nicht immer so eindeutig verteilt, wie das einst im Biologiebuch beschrieben wurde. Zwischen 100.000 und 160.000 kontinuierlich intersexuellen Menschen gibt es in Deutschland, genau weiß es niemand.

Auch weil intersexuellen Menschen bislang die Möglichkeit fehlte, ihre Disposition positiv im deutschen Verwaltungswesen eintragen zu lassen. Und damit auch in den Köpfen der Gesellschaft. Das Bundesverfassungsgericht hat darum vor einem Jahr eingefordert, dass zum Schutz der Persönlichkeitsrechte ein entsprechender Eintrag möglich sein muss. Als Frist bekam der Gesetzgeber Ende diesen Jahres gesetzt. "Wir hatten eigentlich mit dem 1. November gerechnet", sagt Dominique Kratzer. Doch noch ist das Gesetz in Berlin in Beratung. Nur dass der Eintrag "Divers" heißen soll, das steht bereits fest.

Wie spricht man Bürger in Briefen nun an?

Für die Verwaltungen gibt es nun einiges zu tun. Die Geschlechtsangabe durchzieht das gesamte Meldewesen, steht auf Formularen und in Datenspeichern. Man habe städtische Mitarbeiter bereits in Sensibilität für geschlechtliche Vielfalt geschult, heißt es im Freiburger Rathaus. Es gibt viel zu bedenken. Wie spricht man Bürger in Briefen nun an, wenn "Herr" oder "Frau" nicht zutrifft? Indem man es weglässt beispielsweise. "Sehr geehrte Sabine Maier."

Kleinere Gemeinden sind nicht so schnell. "Wir wissen noch nicht, wie wir damit umgehen werden", sagt Dominik Fröhlin, Hauptdezernent der Stadt Müllheim. Dort nutzt man wie in vielen Rathäusern eine Software namens Autista, um Geburts- oder Heiratsurkunden einzupflegen. ",Divers’ ist da noch nicht vorgesehen, das haben wir gerade ausprobiert." Die EDV hinke oft der gesellschaftlichen Entwicklung hinterher, erklärt Fröhlin – auch die längst per Gesetz beschlossene "Ehe für alle" sei in Autista noch nicht konkret umgesetzt. "Bis das Gesetz so weit ist, kommen vom Fachverband Handlungsempfehlungen", sagt Fröhlin. "Die wurden uns für Dezember angekündigt."

Größere Dynamik in Freiburg

Auch in Lörrach wartet man noch auf die Anweisungen aus Berlin und berücksichtigt das dritte Geschlecht bislang nur in öffentlichen Ausschreibungen. In Bad Säckingen haben die Rathausmitarbeiter Schulungen absolviert, ansonsten wartet man hier ebenfalls. Auf die Vorlage – oder darauf, dass jemand überhaupt mal das dritte Geschlecht eintragen lassen wolle.

In Freiburg ist die Dynamik größer. Ein Antrag mehrerer Gemeinderatsfraktionen forderte diese Woche genaue Informationen zur Situation intersexueller Menschen in Freiburg ein. Nicht nur, was das Rathaus angeht: Man prangert auch an, dass in den Kliniken immer noch Eltern nach der Geburt des Kindes von Ärzten überzeugt würden, "sich bei unklarer Geschlechterzuordnung auf ein Geschlecht festzulegen". Was oft auf Operationen oder andere medizinische Behandlungen hinausläuft – und die Betroffenen in tiefe psychische Probleme führen kann.

Vorschnelle Operationen?

Snežana Sever will dazu auch Näheres wissen. Sie leitet die Geschäftsstelle Gender & Diversity der Stadt, die bis Oktober Gender & Mainstreaming hieß, und hat das Gesundheitsamt des Landkreises Breisgau-Hochschwarzwald nach Zahlen zu solchen Maßnahmen angefragt. Noch ist keine Antwort da. Im Diakoniekrankenhaus, einer Klinik mit großer Geburtsabteilung im Freiburger Westen, sagt der Kaufmännische Direktor Michael Decker, man habe solche Fälle schlicht noch nie gehabt. Vielleicht auch, weil Eltern mit einer entsprechenden Indikation gleich dorthin gingen, wo man weitere Schritte gehen könne. Beispielsweise in die Uniklinik.

Dort gibt es im Durchschnitt pro Jahr mehrere Fälle – meist im einstelligen Bereich –, in denen das Geschlecht eines Neugeborenen nicht eindeutig bestimmt werden kann. "DSD" wird dann hier notiert, "Disorders of Sex Development". Auf Anfrage kann Professor Karl Otfried Schwab, Leiter der Pädiatrischen Endokrinologie und Diabetologie der Klinik für Allgemeine Kinder- und Jugendmedizin, eine ganze Liste möglicher DSD-Diagnosen aufzählen. Über Therapien und Eingriffe müsse man beispielsweise nachdenken, wenn drohe, dass Kinder später nicht von selbst die Geschlechtsreife erlangen könnten oder nicht zur Fortpflanzung fähig würden, wenn in der Folge weitere Schäden drohten oder man psychische Folgen befürchten müsse wie beispielsweise einen Suizid. In wieder anderen Fällen müsse man einfach nur lange warten, bis sich ein eindeutiges Geschlecht herausstellt – "manchmal geht es Jahre " –, da käme der neue "Divers"-Eintrag für Eltern wie gerufen.

Den Vorwurf, Ärzte drängten zu vorschnellen Entscheidungen, kennt Schwab auch, hält ihn aber nicht für allgemeingültig. "Der Umgang mit solchen Fragen hat sich geändert", sagt er. "Eltern werden heute nicht mehr in irgendeine Ecke gedrängt. Wir sehen uns als Berater der Eltern, aber nicht als diejenigen, die eine Entscheidung aufdrängen oder abnehmen."