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28. April 2010

Ehemaliger OB wollte Atomforschung nach Freiburg holen

Ob Freiburg Standort des Atomforschungszentrum werden solle, diskutierte 1953 der Gemeinderat heftig – hinter geschlossenen Türen. Die BZ dokumentiert den bisher weitgehend unbekannten Vorgang.

  1. Nach der Entscheidung: In Karlsruhe wird der Weg zum späteren Kernforschungszentrum ausgeschildert. Foto: Karlsruher Institut für Technologie (KIT)

Wäre es damals nach Freiburgs Oberbürgermeister Wolfgang Hoffmann gegangen, dann stünde das größte deutsche Atomforschungszentrum heute womöglich in Freiburg – nicht in Karlsruhe. Doch der Gemeinderat stoppte die von Hoffmann im September 1953 lancierte Bewerbung wenig später in nichtöffentlicher Sitzung – ein Vorgang, der heute in Südbaden so gut wie unbekannt ist.

Offiziell war die Atomforschung zu diesem Zeitpunkt in Deutschland ohnehin noch gar nicht zulässig, womit sich auch erklärt, warum man in Freiburg bei diesem Thema zu viel Öffentlichkeit scheute. Denn im Land herrschten noch die alliierten Besatzungsmächte, und die hatten in ihrem "Kontrollratsgesetz Nr. 25" von April 1946 die "angewandte Kernphysik" explizit untersagt.

Weil die Bundesregierung allerdings damit rechnete, dass die Restriktionen bald aufgehoben würden, gründete sie – aller noch geltenden Gesetze der Alliierten zum Trotz – bereits Ende 1952 eine "Studienkommission für Kernenergie", die dem Bundesministerium für Wirtschaft angegliedert war. Man wollte in der Atomforschung schließlich nicht allzu weit hinter den anderen Industrieländern zurück bleiben. Die deutsche Industrie ihrerseits – Firmen wie AEG, Bayer, Hoechst, Krupp und Siemens-Schuckert – gründete im November 1954 in Düsseldorf die "Physikalische Studiengesellschaft mbH (PSG)", die bereits erste Konzepte für einen Forschungsreaktor entwickelte.

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Adenauer bremst München aus

Diese Anlage sollte den Namen "Reaktorstation der Bundesrepublik" tragen. Als Deutschland wenig später mit den Pariser Verträgen vom 5. Mai 1955 auch offiziell in die Atomforschung einsteigen konnte, fiel bereits im Juni 1955 die Entscheidung für den Standort Karlsruhe. Zuvor jedoch hatten sich – mehr oder weniger verborgen – zahlreiche Städte und Gemeinden um das Projekt bemüht, darunter auch München und Aachen. München hatte bis zuletzt große Chancen gehabt, doch Bundeskanzler Konrad Adenauer setzte (gegen gewichtige Fürsprecher Münchens) am Ende Karlsruhe als Standort durch. Im Laufe der Jahrzehnte wurde die Anlage – zwischenzeitlich Kernforschungszentrum Karlsruhe genannt – zur größten Atomforschungseinrichtung Deutschlands. Und diese hätte auch nach Freiburg kommen können. Denn auch Freiburgs Oberbürgermeister Wolfgang Hoffmann hatte 1953 großes Interesse daran, wie Unterlagen jener Zeit belegen, die der BZ erstmals zugänglich gemacht wurden.

In einem Schreiben vom 8. September 1953 an die Max-Planck-Gesellschaft zur Förderung des Wissenschaften hatte Hoffmann die Bewerbung Freiburgs ausgesprochen. Umgehend erhielt er daraufhin vom dortigen Planungsausschuss einen vom Physik-Nobelpreisträger Werner Heisenberg entworfenen Bogen mit 20 Fragen zum geplanten Standort. Zugleich teilte der Radiochemiker und Otto-Hahn-Schüler Ernst Telschow dem Freiburger OB mit, es werde "nach Eingang des Fragebogens ein Besuch von Mitgliedern der Planungskommission bei Ihnen in Freiburg und eine Besichtigung des in Aussicht genommenen Geländes stattfinden."

Der Fragebogen drehte sich einerseits um den Standort selbst. Etwa: "Ist der Untergrund geeignet für sehr schwere Strukturen und Gebäude?" Oder: "Ist elektrische Kraft ständig und gegebenenfalls mit hohen Anschlusswert (500 Kilowatt) verfügbar?" Aber es gab auch Fragen zum möglichen Engagement der Stadt: "Würde das Gelände kostenlos überlassen? Würden die laufenden fiskalischen Unkosten (Steuer, Straßenreinigung) etc. erlassen?" Und: "Wären die lokalen Behörden bereit, die üblichen für Hochschullehrer geltenden Privilegien, z. B. Gewährung von Steuerfreiheit für einen Teil des Gehaltes als Aufwandsentschädigung u.ä., auch den Wissenschaftlern der Reaktorstation zu gewähren?"

Zudem übersandte man der Stadt Freiburg die "Allgemeinen Richtlinien für die Wahl des Ortes für die Reaktorstation der Bundesrepublik." Darin war nachzulesen, das Gelände müsse "etwa 0,8 bis 1 Quadratkilometer groß sein oder wenigstens im Laufe der Zeit auf diese Größe erweitert werden können." Es sollte möglichst quadratisch sein und es sollte wegen des nötigen Kühlwassers in der Nähe eines Flusses oder Sees liegen. Wichtig seien ferner eine gute Verkehrslage, die Nähe einer Hauptstraße und möglichst auch einer Bahnlinie.

Auch auf einen besonders heiklen Punkt wies die Max-Planck-Gesellschaft die Bewerber hin: Es bestehe bei dem Reaktor "eine gewisse (in den Zeitungen meist übertriebene) Gefahr der Verseuchung der Luft mit radioaktiven und daher giftigen Abfallprodukten." Die Reaktorstation sollte deswegen "in wenig besiedeltem Gelände liegen, und zwar so, dass bei der vorherrschenden Windrichtung alle Abgase von der Stadt weg in freies Gelände getrieben werden." Durch eine "ständige sorgfältige Kontrolle der Luftradioaktivität" können dann "jede Schädigung der Umgebung vermieden werden."

Da mit der Beantwortung der vorliegenden Fragen die Bewerbung Freiburgs einen erheblich offizielleren Charakter bekommen hätte, sah der OB nun offenbar den Zeitpunkt gekommen, das Thema dem Gemeinderat vorzulegen. Und so brachte er seinen Vorschlag, Freiburg möge sich auch formal um die Reaktorstation bewerben, am 12. Oktober 1953 in eine nichtöffentliche Ratssitzung ein. Inzwischen diskutierte man nämlich hinter verschlossenen Türen bereits konkrete Standorte, etwa das Gewann "Schildacker", heute ein Teil von Freiburg-Haslach. Auch das Gewann "Landwassermatten" im Mooswald komme in Frage, merkte ein Vertreter aus dem Gemeinderat an – um anschließend darauf hinzuweisen, dass in diesem Fall jedoch die Obstbaumschule Franz Vorderstraß verlegt werden müsse.

Gegenspieler des Oberbürgermeisters Hoffmann war Bürgermeister Josef Brandel, der 1956 selbst zum OB werden sollte. Er wehrte sich gegen die Reaktorstation, vor allem der nötigen Flächen wegen. Freiburg benötige sein Gelände für andere Zwecke, sagte er. Die Stadt habe soeben Gelände für den Bau von 326 Besatzungswohnungen bereitgestellt. Wenn die Stadt nun weitere 100 Hektar hergebe, werde die Öffentlichkeit dafür sicherlich kein Verständnis haben. Stadtrat Josef Lips unterdessen verwies auf den Charakter Freiburgs als "Fremdenstadt"; wolle man diesen bewahren, dürfe man solchen Verlockungen, von denen man nicht wisse, was sie alles zur Folge haben werden, nicht nachgeben.

Zur Mehrung des Rufes der Universität

Hingegen zeigte sich Stadtrat Richard Knobel durchaus an der Reaktorstation interessiert: Sofern die Umgebung nicht belästigt werde und die negativen Dinge die Vorteile der Ansiedlung nicht überwiegen sollten, könne die Station "zur Mehrung des Rufes unserer Universität von Interesse sein." Das wiederum sah Stadtrat Hans Schäfer völlig anders: Er sei gegen die Ansiedlung des Instituts in Freiburg, da die Kernphysik-Forschung, wie man wisse, vorerst nur kriegerischen Zwecken diene. Stadtrat Albert Maria Lehr vertrat wiederum die Meinung, das Atomforschungszentrum werde auch nicht gefährlicher sein als die Industriebetriebe in Rheinfelden oder in Waldshut. Und so schlug er vor, dass man das Institut ja vielleicht am Rande des Flugplatzes oder im Industriegebiet unterbringen könnte.

Schließlich stellte Bürgermeister Brandel in nichtöffentlicher Sitzung den Antrag, die Stadt Freiburg möge "der Frage der Unterbringung der Reaktorstation prinzipiell nicht näher treten". Mit 11 gegen 7 Stimmen wurde dieser Antrag angenommen. Heisenbergs Fragebogen blieb somit für den Standort Freiburg unbeantwortet, auch die Planungskommission der Max-Planck-Gesellschaft reiste nicht in den Breisgau. Das Thema Reaktorstation war damit für Freiburg beendet – und die Episode geriet bald in Vergessenheit.

Das Kernforschungs- zentrum Karlsruhe

(heute: Forschungszentrum Karlsruhe)


Das im Jahre 1956 gegründete Zentrum erstreckt sich heute 12 Kilometer nördlich der Stadt Karlsruhe in Eggenstein-Leopoldshafen über eine Fläche von 2 Quadratkilometern. Die Einrichtung hat heute mehr als 3800 Beschäftigte, davon etwa 1300 Wissenschaftler. Allerdings macht die Atomforschung inzwischen nur noch einen Teil des Instituts aus, weniger als jeder dritte Mitarbeiter ist heute noch in diesem Metier tätig. Ein Großteil der Atomforschung konzentriert sich heute auf die Stilllegung nuklearer Anlagen und die Entsorgung des Strahlenmülls. Zu den nicht-nuklearen Themen zählen zum Beispiel die Klimaforschung, die Nanotechnik und die Angewandte Informatik.
 

Autor: bja

Autor: Bernward Janzing