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30. August 2010

Eichhörnchen Blicksy hilft beim Lesen

Das Freiburger Blicklabor hat ein neues Leselernprogramm für leseschwache Kinder entwickelt.

  1. Ein Computerprogramm des Blicklabors: Lesen lernen Foto: Ingo Schneider

Die neunjährige Anara ist ein fröhliches Mädchen, kommt bald in die vierte Klasse und liest gerne Pferdegeschichten. Das klingt zunächst nicht ungewöhnlich, aber noch vor einigen Monaten sah das ganz anders aus. Lesen war für sie mühsam, oft gab es Tränen, und sie machte kaum Fortschritte. "Sie war ganz unglücklich und wir haben uns große Sorgen gemacht", sagt Anaras Mutter Annette Leitner-Sautter. Es war ein langer Weg über Augenärzte, Kinderpsychologen und Kinderärzte, der Anara schließlich ins Freiburger Blicklabor führte.

Seit diesem Jahr hilft das neue Leselernprogramm des Blicklabors Kindern wie Anara. Das Computerprogramm gibt es in zwei Varianten. Es trainiert die Lesefähigkeit bei einem Wort beziehungsweise zwei Wörtern – Silben- und Buchstabenzahl wählt der Nutzer selbst. Die Wörter stammen aus dem Grundwortschatz für Grund- und weiterführende Schulen und erscheinen nur kurz auf dem Bildschirm. Manchmal steht da aber auch "Falkenraubmöwe" oder "geeilt Piment". "Die Liste der Wörter wurde mit vielen, auch wenig bekannten Begriffen aus der Biologie ergänzt, überwiegend Tiernamen seltener Tiere, denn die Kinder sollen sich nicht die Wortbilder merken, sondern das Lesen lernen", erklärt Kerstin Kirschbaum vom Blicklabor, die an der gestalterischen Entwicklung des Programms beteiligt war.

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Warum ein Kind schlecht liest, kann viele Gründe haben. Daher diagnostizieren die Mitarbeiter des Blicklabors zunächst, ob die Hör- und Sehfunktionen des Gehirns altersgerecht entwickelt sind. Häufig funktioniert das Zusammenspiel zwischen Blicksteuerung und Sprachverarbeitung – zwei der wichtigsten Werkzeuge im Gehirn für das Lesen – bei Kindern nicht richtig. "Zum Beispiel überspringen einige Kinder die letzte Silbe eines Wortes beim Lesen und sind schon beim nächsten. Am Ende des Satzes wissen sie nicht mehr, welche Wörter sie am Anfang gelesen haben", erklärt Burkhart Fischer, der das 1997 an der Universität Freiburg gegründete und mittlerweile privatisierte Blicklabor leitet. Auch bei Anara war ab der zweiten Klasse klar: Ihre Intelligenz und ihre Lesekompetenz passen nicht zusammen. Auch sie musste erst ihre Blicksteuerung trainieren, bevor es mit den Leseübungen losgehen konnte.

Das Programm leihen sich die Eltern für 69 Euro, damit sie zu Hause mit ihrem Kind trainieren können. "Drei Punkte sind für ein erfolgreiches Lernen wichtig: erstens, dass man täglich etwa zehn Minuten übt. Zweitens, dass das Kind an die Grenze dessen geht, was es schaffen kann – aber nicht darüber hinaus. Und drittens, dass das Lernen positiv besetzt ist, dem Kind also Freude macht", erklärt Kerstin Kirschbaum.

Nach vier Wochen Training wertet das Blicklabor die Ergebnisse aus und berät die Eltern weiter. Mehr als 50 Kinder haben es schon absolviert, und bisher zeigt es gute Erfolge: Im Durchschnitt konnten die Kinder die Hälfte aller Lesefehler nach vier Wochen Training loswerden. Oft sind das die ersten richtigen Fortschritte, die die Kinder nach langer Zeit und viel vergeblichem Üben machen – das ist eine große Motivation.

Auch Anara ist begeistert, obwohl sie zunächst die alten Fehler wieder machte: Sie vertauschte "ie" und "ei" oder "b" und "d". Besonders gut gefällt ihr die Figur auf dem Bildschirm, das Eichhörnchen "Blicksy", das sie immer wieder aufmuntert. "Die Figur sagt zum Beispiel: "Wunderbar!‘ Das macht mir viel Spaß." So viel Spaß, dass sie jetzt auch das zweite Programm ausprobieren will. Dass Anara wieder so selbstbewusst ist und die Lust am Lesen zurückgewonnen hat, ist auch für ihre Eltern entlastend. "Schade nur, dass das Blicklabor nicht bekannter ist", sagt Annette Leitner-Sautter. Da hätte sie sich, sagt sie, viele Sorgen sparen können.

Autor: Tina Srowig