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14. November 2012

Ein Haus der Anstöße

Das alte Pfarrhaus der Christusgemeinde an der Maienstraße als Hort des Widerständigen und neuer Gedanken.

Schon die Entstehungsgeschichte des Hauses ist ungewöhnlich. Da das ursprüngliche Pfarrhaus – heute Sitz der Evangelischen Studierendengemeinde – sich rasch als zu klein erwies, baute die Gemeinde mit Hilfe von Spenden ihr eigenes, großes Haus, die Maienstraße 2, das den vielen sozialen Aufgaben der zweiten, riesigen evangelischen Gemeinde Freiburgs besser gerecht wurde. Die Erfassung von 800 Kindern in 47 von Laien geleiteten Gruppen für die neue Form des Kindergottesdienstes sollte beispielgebend für ganz Baden sein. Zu dem Bau von 1896, der Kirche und Gemeindehaus integriert, gehörte von Beginn an auch Sozialarbeit.

Das Haus erzählt auch von dem mutigen Pfarrer Hermann Weber. In diesem Pfarrhaus hat er seine Predigten geschrieben und angesichts der beängstigenden politischen und kirchlichen Entwicklung zur Zeit der Nazi-Diktatur im April 1935 formuliert: "Darum kann die christliche Gemeinde nicht schweigen, wenn die Gottesordnung verkehrt und das Sichtbare verewigt wird. Immer deutlicher tritt in allem Kampf dieser eigentliche und wahre Grund zutage und zeigen sich auch schon Früchte des Leidens."

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In den Gemeindesaal hatte er im Januar 1934 zu einer Besprechung der kirchlichen Lage eingeladen, während in der alten Ludwigskirche zeitgleich ein Dankgottesdienst anlässlich der nationalsozialistischen Machtübernahme im Jahr zuvor stattfand.

Im Obergeschoss der Pfarrwohnung fanden auch viele Gespräche mit dem Historiker und Freund Gerhard Ritter statt. Dabei wurden Gedanken erörtert, die Ritter in den Grundsätzen zur Bildung einer Bekenntnisfront zusammenfasste. Darin wurden die Herkunft Jesu aus dem Volk Israel betont und das Führerprinzip in der Kirche scharf verurteilt. Zwar heißt es in den Grundsätzen: "An Treue zum Führer lassen wir uns von niemandem übertreffen." Zugleich wurde diese Treue aber begrenzt durch das Bekenntnis zum Heiligen Geist, der Rasse und Volkstum überschreite. Dem Staat sei am besten damit gedient, wenn sich Staat und Kirche der Verschiedenheit ihrer Aufgaben bewusst seien. Und für die evangelische Kirche bedeute das auch, dass den Laien eine tragende Aufgabe zukomme.

Gemeinsam fuhren Weber und Ritter zur Bekenntnissynode nach Barmen bei Wuppertal. Die berühmte "Barmer Erklärung" wurde vom Pfarrhaus aus ins badische Oberland hinein bekannt gemacht. 2200 Exemplare konnten von hier aus verschickt werden, ehe die Machthaber den Rest beschlagnahmten. Es wundert daher nicht, dass dem badischen Bruderrat, der von der Bekenntnissynode berufen wurde, Weber und Ritter angehörten.

Die kleineren und größeren Auseinandersetzungen rund um das Pfarrhaus dauerten an. Die Maienstraße 2 wurde zu den Olympischen Spielen 1936 nicht beflaggt, weil der Pfarrer die Kirche nicht "evangeliumsfeindlichen Mächten und Gewalten" unterstellen wollte. Im Pfarrhaus wurde mit der Geheimen Staatspolizei (Gestapo) um die verbotene Kollekte für in Bedrängnis geratene und amtsenthobene Pfarrer gestritten. Die gesammelten 35 Reichsmark nahmen die Schergen der Nazis mit. Der widerständige Gemeindepfarrer Hermann Weber wurde wegen Verstoßes gegen das Versammlungsgesetz zu 100 Reichsmark oder zehn Tagen Gefängnis verurteilt.

In der Maienstraße 2 befanden sich die Denkfabrik und der Mittelpunkt der "Bekennenden Kirche" im ganzen südbadischen Raum. Das blieb auch nach dem Tod Hermann Webers 1937 so. Sein Nachfolger Otto Hof ermöglichte heimliche Schülerbibelkreise im Pfarrhaus. Als die Gestapo dagegen einschritt, fanden die Arbeitskreise abwechselnd in den Elternhäusern der Jugendlichen statt. Montags fand im Saal an der Maienstraße eine Studentenbibelstunde statt, auch dann noch, als die Universität nach dem Überfall Deutschlands auf Polen Ende September 1939, dem Beginn des Zweiten Weltkriegs, geschlossen wurde. Bei offenen Abenden referierten etwa der Historiker Gerhard Ritter, der Theologe Edmund Schlink und der Wirtschaftswissenschaftler Constantin von Dietze. Die Auseinandersetzungen um den richtigen Weg der Kirche, die von der Christuskirche und ihren Pfarrern mutig geführt wurden, blieben jedoch nicht allein auf den Raum der Kirche beschränkt.

Das Pfarrhaus der Christuskirche steht für eine einzigartige Verbindung von Hochschullehrern und Pfarrern in den schwierigen Zeiten des Nationalsozialismus. Hier wurde theologisch nachgedacht und die Linien weit hinein in die sozialen, wirtschaftlichen, politischen Bereiche gezogen. Dafür stehen die Namen von Constantin von Dietze, Gerhard Ritter, Adolf Lampe, Walter Eucken, Erik Wolf und anderen, die die "Freiburger Kreise" bildeten.

Davon erzählen das Haus und die verschiedenen Denkschriften der "Freiburger Kreise". Die Gedanken darin würden heute anders formuliert, manche verworfen, manche weitergedacht werden. Aber das Nachdenken lohnt sich. Etwa über folgende Sätze aus einer Denkschrift von Ende 1938 als Reaktion auf die Reichspogromnacht, in der die Synagogen in Brand gesteckt, jüdische Geschäfte verwüstet, jüdische Mitbürger verfolgt wurden: "Die biblische Einsicht, dass alle Menschen ohne Unterschied der Rassen vor Gottes Augen Sünder sind, macht den Christen die uneingeschränkte Selbstverherrlichung des eigenen Volkstums unmöglich, wie die unterschiedslose und schrankenlose Verurteilung fremder Volksart und aller ihrer Erbeigenschaften als minderwertig oder gar verbrecherisch."

Die Zusammenarbeit zwischen den Professoren und den Pfarrern der Bekennenden Kirche – dazu gehörten neben Otto Hof auch Karl Dürr von der Paulusgemeinde und Fritz Hoch von der Friedenskirche – bekam im Jahr 1942 eine neue Intensität und Ausrichtung. Durch Kontakte mit dem widerständigen Goerdeler Kreis erhielten die Freiburger von dort den Auftrag, Ideen und Pläne für die politische, wirtschaftliche und gesellschaftliche Ordnung nach dem Krieg zu entwickeln. Die Denkschrift sollte an kirchliche Kreise in England übermittelt werden, was den Tatbestand des Landes- und Hochverrats erfüllte. In diesem Zusammenhang ist auch Dietrich Bonhoeffer mehrmals in Freiburg gewesen.

Drei Verfasser der Denkschrift kamen in Gestapohaft

Aus den Gesprächen der oppositionellen Hochschullehrer und im Austausch mit den Pfarrern – allen voran Otto Hof – entstand Ende 1942 die Denkschrift "Politische Gemeinschaftsordnung. Ein Versuch zur Selbstbesinnung des christlichen Gewissens in den politischen Nöten unserer Zeit". An der entscheidenden Tagung vom 17. bis 19. November im Haus von Constantin von Dietze nahmen neben den Freiburger Professoren herausragende Vertreter des Widerstands teil – Carl von Goerdeler, Helmut Thielicke und Otto Dibelius. Drei der Verfasser – von Dietze, Lampe und Ritter – wurden im Zusammenhang mit dem Attentat auf Hitler (20. Juli 1944) in Gestapohaft nach Berlin überführt, wo sie der Exekution nur durch den raschen Vormarsch der sowjetischen Roten Armee entgingen.

In der Denkschrift bekennen sich die Autoren zur "Bindung an die Grundsätze christlicher Sittlichkeit". Auch wenn sie sich nicht auf eine bestimmte Staatsform festlegen, gefordert vom neu zu gestaltenden Staat war die Sicherung des "wahren Personcharakters des Menschen", der Schutz von Recht und Gerechtigkeit, die Freiheit des Wirtschaftens unter Respektierung der sozialen Verpflichtung des Staates, Förderung der christlichen Erziehung, Freiheit der Verkündigung der Kirche und anderes mehr. In einem "Anhang zur Judenfrage" wurde für Juden eine Art Ausländerstatus vorgesehen. Darin bleibt die Denkschrift hinter heutigen Überzeugungen zurück. Bemerkenswert ist aber, dass eine Wiedergutmachung des den Juden geschehenen Unrechts und "angemessene und gerechte Lebensbedingungen" für sie gefordert werden.

Die Zeitbedingtheit mancher Gedanken ist unübersehbar. Aber viele der Fragen sind noch immer nicht endgültig beantwortet, neue Fragen dazu gekommen. Das Verhältnis von Kirche und Welt, die Frage nach Recht und Gerechtigkeit, nach dem Verhältnis von Freiheit und Ordnung treibt Menschen auch heute um. Das "Gedächtnis des Dings" Pfarrhaus Maienstraße kann dabei helfen. Es kann Mut machen, herrschenden Vorstellungen zu widerstehen, nach Formen von Staat und Gesellschaft zu suchen, die der Würde des Menschen als Ebenbild Gottes entsprechen. Die Integration Behinderter an der Christuskirche, die Pfarrer Frido Ritter initiiert hat, der Sohn des Historikers Gerhard Ritter, ist ein gelungenes Beispiel dafür. Auch das, wenn man so will, ein Produkt der Maienstraße 2.

Die Autoren: Hans-Georg Dietrich ist Schuldekan der evangelischen Kirche in Offenburg, Bernd Martin ist emeritierter Professor für Geschichte. Beide haben über den evangelischen Kirchenkampf in Freiburg und die Freiburger Kreise wissenschaftlich gearbeitet. Martin ist Mitglied im Verein "Freunde des Gemeindehauses Maienstraße 2", der sich gegen einen Verkauf ausspricht.

Bekennende Kirche

Die Bekennende Kirche (BK) war eine Oppositionsbewegung evangelischer Christen gegen Versuche einer Gleichschaltung von Lehre und Organisation der Deutschen Evangelischen Kirche (DEK) in der Zeit des Nationalsozialismus. Sie setzte sich gegen staatliche Übergriffe zur Wehr ("Barmer Erklärung" von 1934). Sie verurteilte den Nationalsozialismus als unchristliche Irrlehre und bildete in Teilen auch eine politische Opposition.
Der Freiburger Kreis war eine Gruppe von Wirtschaftswissenschaftlern, Juristen, evangelischen und katholischen Christen, die sich aus Anlass der Novemberpogrome seit Dezember 1938 bis zu den Verhaftungen im Oktober 1944 in einem oppositionellen Gesprächskreis trafen und dort Themen der Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung und vor allem die Frage, wie sie sich als Christen gegenüber dem NS-Staat verhalten sollten, diskutierten.  

Autor: BZ

Autor: Hans-Georg Dietrich und Bernd Martin