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25. März 2014

Ein Kranz für Alfred Epstein

Was führt einen Freiburger Motorradclub mitten im Winter an ein Ehrenmal toter Weltkriegspartisanen in Südfrankreich? Tagebuch einer ungewöhnlichen Reise.

  1. Vom „Club De Moto Antifasciste“ Foto: obrecht

  2. Flagge zeigen am Ort der Exekution: Bernd Obrecht (l.) und Hans-Peter Goerges Foto: Bernd Obrecht

  3. Das Ehrenmal der toten Partisanen beim Dörfchens Eygalayes in der Provence Foto: obrecht

Die Vorgeschichte beginnt 1943. Deutschland hat die Schlacht um Stalingrad verloren. Die Amerikaner landen auf Sizilien. Italien schließt mit Briten und Amerikanern einen Waffenstillstand. Deutschland besetzt Norditalien und den bis dahin freien Teil Vichy-Frankreichs. Die Partisanen in Italien und die Resistance in Frankreich erhalten Zulauf, werden stärker. Der Südosten Frankreichs, der bis dahin durch Staatsverträge mit Deutschland von Italien annektiert und verwaltet wurde, wird über Nacht zum rechtsfreien Raum. Es finden sich viele Gruppen von Maquisards – benannt nach Maquis, dem Gebüsch und Unterholz, in dem man sich gut verstecken kann –, auch im Departement Drôme. Es ist das Ziel unserer Reise.

20. Februar 2014
Ein Reisebus mit Freiburger Kennzeichen bewegt sich auf der Autobahn Richtung Süden. In Neuenburg steigt Arlette Hasselbach zu. Sie ist Präsidentin des AFMD im Elsass, einer Organisation zur Erinnerung an die Deportationen. Die Reisegruppe ist nun komplett, zu ihr gehören auch Mitglieder des Deutsch-Israelischen Arbeitskreises Kenzingen und der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes (VVN). Das Gros der Teilnehmer sind Mitglieder des Motorradclubs Kuhle Wampe, die den größten Teil der Reise, etwa Bus, Unterkunft und Verpflegung organisiert haben.

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19 Uhr: Ankunft in Eygalayes, einem 70-Seelen-Dorf im Departement Drôme, östlich des Mont Ventoux. Hier verübten Deutsche am 22.Februar 1944 eines der schlimmsten Massaker des Zweiten Weltkrieges in Südeuropa. Unsere Unterkunft ist eine entlegene Ferme Auberge, deren Zufahrt nicht sehr busgeeignet ist. Aber die Freunde vor Ort haben mit ihren Pkw und einem Kleinlastwagen einen Shuttleverkehr organisiert. Der Bus bleibt erst mal im Dorf.

22. Februar 1944
Ein regulärer deutscher Truppenteil, die Division Brandenburg, verstärkt durch Milizen des Vichy-Regimes, fährt mit Zivilfahrzeugen aus mehreren Himmels- richtungen auf Eygalayes zu. Zwei Maquisards waren vorher mit hohen Geldbeträgen bestochen worden und bereit, ihre Kameraden zu verraten. Diese halten sich zu diesem Zeitpunkt bei einer Ferme Auberge auf. Als die Deutschen auftauchen, können nur noch fünf zu den Waffen greifen, werden aber schnell von der Übermacht erschossen. Unter den Fünfen ist Alfred Epstein, ein deutscher Jude aus Kenzingen. Die Truppen nehmen die anderen Maquisards gefangen, brennen den Ortsteil, Ferme, Kirche und Schule nieder. Die überlebenden 31 Maquisards werden nach Eygalayes gebracht und dort nach kurzem Verhör an die Wand gestellt. Als die Exekution beginnt, rennen der 24 Jahre alte Laurent Pascal und ein weiterer Kamerad um ihr Leben. Letzterer stirbt im Kugelhagel. Laurent gelingt es, barfuß über den Schnee zu entkommen. Laurent überlebt und stirbt als einziger Zeuge im hohen Alter im Februar 2013.

21. Februar 2014
Josette Fournié, 60, Betreiberin der Ferme "Le Casage", frauenbewegt, ökologisch, links, begrüßt alle zum Frühstück. Auch Robert Pinel, über 70 und immer mit Anzug und Krawatte, lässt es sich als Vorsitzender des AFMD des Departements nicht nehmen, die Gäste zu begrüßen und zu einem Ausflug ins nahe Sisteron zu begleiten. Der Empfang auf der Ferme ist herzlich, aber die deutsche Gruppe fragt sich, was die Bevölkerung denkt. Gibt es noch Ressentiments gegen Deutsche? Le Pen und seine Partei sind hier stark. Geht nicht auch ein Riss durch die hiesige Bevölkerung? Bisher wurde der Toten jedes Jahr an Christi Himmelfahrt gedacht, aber mehr aus praktischen Gründen, da die Region im Februar stets unter Schneemassen lag. Diese Feier ist also in vieler Hinsicht eine Premiere.
22. Februar 2014
Vor dem Gotteshaus in Eygalayes versammeln sich Gläubige und andere Besucher, um an einem Gottesdienst zum 70. Jahrestag des Massakers teilzunehmen. Der Pfarrer, ein weißhaariger schlanker Mittfünfziger, der auch als typischer Landwirt dieser Region durchgehen könnte, erzählt, dass Eygalayes im Winter normalerweise nicht zu den 150 Clochers (Kirchtürmen) gehört, die von der Kirche bedient werden. Heute sei aber das Gedenken an die Maquisards vorrangig. Während des Gottesdienstes werden die Gäste gefragt, ob sie einen Beitrag leisten wollen. Spontan singen zwei Mitglieder der Reisegruppe, ein Herbolzheimer und ein Freiburger, eine Strophe der "Moorsoldaten", entstanden 1933 in einem norddeutschen Konzentrationslager. Sie singen eine Strophe auf Französisch. Die Gemeinde in dem kargen, unbeheizten Kirchenraum summt zunächst und singt dann mit. Das Eis scheint zu schmelzen.

Nach dem Gottesdienst gehen beide Gruppen aufeinander zu, in der Mitte der Pfarrer. Eine knapp 70-Jährige berichtet, wie ihr Vater 1944 geholt wurde, um die Leichen der Erschossenen in der Kirche aufzubahren. Nicht alle wurden identifiziert. Die meisten waren junge Franzosen, keine 20 Jahre alt, aber auch Italiener, Rumänen, Spanier, Polen, Christen, Atheisten, Muslime – und zwei Juden aus Deutschland, darunter Alfred Epstein. Insgesamt stehen sechs jüdische Grabsteine auf dem Friedhof am Memorial.

Die Initiative zu dieser Reise ging von Hans-Peter Goergens aus, einem ehemaligen Gewerkschafter aus Offenburg und heutigem Unruheständler, der zielstrebig und zäh versuchte, an diesem Jahrestag Kenzingen, die Heimatgemeinde Alfred Epsteins, zu einer Beteiligung, zumindest einer Geste zu bewegen. Epsteins ehemaliges Haus ist heute mit einem Stolperstein mitten im Ort markiert. Aber das Gymnasium und andere winkten ab. Immerhin gab der Bürgermeister nach anfänglichem Zögern ein Schreiben an die Gemeinde Eygalayes mit und auch Geld für ein Blumengebinde. Goergens’ Anfrage beim Motorradclub Kuhle Wampe stieß spontan auf Zustimmung. Die Mitglieder des Clubs verstehen sich als Antifaschisten, es kam eine Delegation zusammen, die sich sehen lassen konnte.

12.15 Uhr: Die Mairie, das Bürgermeistergebäude auf dem Place des femme (Platz der Frauen) ist heute geschmückt mit der Europafahne, der Tricolore, der Fahne der VVN, der Fahne des Motorradclubs Kuhle Wampe und der Clubfahne von Kuhle Wampe Freiburg. Man sitzt gemischt beieinander bei einem kleinen Snack und vielen Gesprächen. Es gibt kaltes Buffet, sehr süffigen Rosé, Käse dazu, das Ganze an langen Tischen mit Papiertischdecken. Die Deutschen fühlen sich wie Gott in Frankreich. Der Pfarrer sitzt auch dabei.

14.15 Uhr: Die Sonne knallt vom Himmel. Die Delegation macht sich mit den neuen französischen Freunden auf den Weg – ein buntes Bild. Französische Ehepaare im Sonntagsstaat, Familien mit Kindern, rote Fahnen, eine Gruppe kommunistischer Gewerkschafter aus Aix-en-Provence und die starke Gruppe teils korpulenter Motorradfahrer mit ihren betagten schwarzbunten Rockerkutten, Bärten und Sonnenbrillen.

15 Uhr: Vor dem weißen Memorial versammeln sich knapp hundert Personen. Zwei Bürgermeisterinnen tragen die offizielle Tricolore-Schärpe. Anwesend sind auch Landräte und weitere Honoratioren. Josette Fournié, Bürgermeisterin von Eygalayes, hält eine kurze Rede. Schon während der folgenden Schweigeminute können viele ihre Tränen nicht mehr zurückhalten – ob Franzosen oder die "Wampen" vom Motorradclub. Dann werden Gebinde niedergelegt. Auf der Kranzschleife des Motorradclubs steht "Motoclub antifasciste allemande" und, auf Französisch, "vereint gegen Faschismus, Rassismus und Krieg". Auch eine Marmorplatte, wie sie in Frankreich auf Gräbern üblich ist, gibt es mit dieser Inschrift. Auf Anraten der Einwohner soll sie fest im Memorial einbetoniert werden. Man fürchtet die Zerstörungswut rechter Gruppen.

25. Februar 1944
Die Nazis wüten weiter in der Gegend. In der nächstgelegenen Stadt Sederon wird vor der versammelten Bevölkerung der jüngste Gendarm ausgewählt und erschossen, die Bevölkerung terrorisiert. Weitere Maquisards wurden im Laufe der nächsten Wochen aufgespürt und erschossen. Erst jetzt, drei Tage später, traut sich die Bevölkerung von Eygalayes, in einem Trauerzug die Toten am Ort ihrer Erschießung vorbei auf den nächsten Berg zur Beerdigung zu tragen. Dort steht heute das Memorial. Alfred Epsteins Leichnam wird später exhumiert und in Avignon beigesetzt. Und dort kann in den 1950er Jahren Irene de Cou, geborene Epstein, die 1942 geborene Tochter, ihres Vaters gedenken. Sie lebt später in Straßburg und hat erst vor kurzem erfahren, dass sie damals in der Nähe des Geburtsortes ihres Vaters gewohnt hat.

22. Februar 2014, 16.30 Uhr
Die Motorradgruppe macht auf dem Rückweg Halt am Ort der Erschießung von 1944. Gemeinsam singt man das italienische Partisanenlied "Bella Ciao". Wieder fließen Tränen.

17 Uhr: Man trifft sich wieder in der Mairie. Alle Gruppen halten Reden, auch Irene de Cou ist gekommen. Sie konnte erst in den letzten Jahren das Schicksal ihres Vaters aufklären. Zum Schluss treten die Mitglieder des Motorradclubs vor das Publikum und singen, mit Akkordeon begleitet, noch einmal die "Moorsoldaten". Die letzte französische Strophe singt der ganze Saal gemeinsam, ebenso wie zwei italienische Strophen von "Bella ciao". Der Abend klingt auf der Ferme von Josette Fournié aus mit einem Menü, vielen Gesprächen in vielen Sprachen, Wein, Liedern und Lachen.

– Deutsche Stellen sind mehrmals aufgefordert worden, das Massaker juristisch zu sühnen. Staatsanwaltschaft und Zentrale Aufklärungsstelle in Ludwigsburg halten sich bedeckt: Es habe sich, heißt es, um Totschlag gehandelt, nicht um Mord, die Taten seien also verjährt. Die Namen aller beteiligten Deutschen mit Dienstgraden der Division Brandenburg sind bekannt und der Staatsanwaltschaft übergeben. Einige Milizen wurden in Frankreich zu geringen Strafen verurteilt. Die Spur der Maquis-Verräter verliert sich in der Fremdenlegion.

"KUHLE WAMPE"

Der Motorradclub Kuhle Wampe ist ein Dachverband von 60 lokalen Motorradclubs mit zusammen 360 Mitgliedern in verschiedenen Städten Deutschlands, darunter Freiburg, die sich neben dem Motorradfahren auch politisch betätigen und sich dadurch von anderen Motorradvereinigungen unterscheiden. Benannt ist er nach dem Film "Kuhle Wampe – oder: Wem gehört die Welt?". Der Film spielt in einer Berliner Zeltstadt namens Kuhle Wampe. Sie diente wie viele andere dieser Kolonien Ende der 1920er Jahre als Unterkunft für die infolge der Weltwirtschaftskrise arbeitslosen Arbeiterfamilien.

Unser Autor

Bernd Obrecht (62) lebt in Freiburg, arbeitet bei einer Versicherung und hat 1978 hier den MC Kuhle Wampe (20 Mitglieder) mitgegründet.  

Autor: BZ

Autor: Bernd Obrecht