Platz der Alten Synagoge

Ein Sommertag am Freiburger Synagogenbrunnen zeigt den Nutzungskonflikt

Fabian Vögtle

Von Fabian Vögtle

Mo, 16. Juli 2018 um 10:31 Uhr

Freiburg

Der Brunnen ist zum beliebten Treffpunkt im Sommer geworden, an heißen Tagen wird er vor allem von Kindern als Planschbecken benutzt. So auch an diesem Wochenende, wie ein mehrstündiger Besuch zeigt.

Ein stiller Ort für die Erinnerung an die 1938 von den Nazis zerstörte Synagoge. Dafür sollte das auf deren Umrissen erstellte Wasserbecken auf dem im vergangenen Jahr eröffneten Platz im Herzen der Stadt stehen. Doch der Brunnen ist zum beliebten und belebten Treffpunkt geworden. Das führte zuletzt erneut zur Debatte über den richtigen Umgang mit dem Erinnerungsort. Denn an heißen Tagen wird er vor allem von Kindern als Planschbecken benutzt – so auch an diesem Wochenende, wie ein mehrstündiger Besuch am Samstag zeigt.

"Wir mögen Schwimmbäder nicht so gern, und hier herrscht so eine schöne Atmosphäre"Besucherin Maary Fintzen
Klara (5) und Käthe (3) flitzen von einer Ecke in die andere. Die blonden Schwestern genießen sichtlich die Abkühlung an diesem hochsommerlichen Mittag im Brunnen. Ihre Mama sitzt auf dem Podest direkt neben dem Wasserbecken. Badesachen, Handtücher und Gummibärchen hat Maary Fintzen zum Ausflug mitgenommen. Die Familie kommt aus Ettenheim und ist öfters in Freiburg zu Besuch. "Wir mögen Schwimmbäder nicht so gern, und hier herrscht so eine schöne Atmosphäre", sagt sie und schaut über den Platz der Alten Synagoge. Der sei für sie wie ein "Wasserspielplatz".

Dass der Brunnen den Synagogen-Grundriss darstellt und als Ort der Erinnerung dienen soll, ist ihr bisher nicht bekannt. Das müsse man deutlicher kennbar machen, findet sie – mit Piktogrammen, Fotos und mehr Schildern. Die beiden Informationstelen, von der Stadt nach den ersten Debatten im vergangenen Herbst nachträglich angebracht, reichten nicht aus.

Fintzen kommt kurz ins Grübeln: Darf ich meine Mädels da weiter planschen lassen? Sie findet schon. Zwar sei es richtig, dem Ort respektvoll zu begegnen – zum Beispiel die Kinder nicht nackt planschen zu lassen. Aber das Wasserbecken sei eben so einladend, und wenn Kinder hier fröhlich planschten, stehe das doch für das Leben. "Wenn ich nicht Mutter wäre, würde ich das aber vielleicht auch anders sehen", räumt sie noch ein, während Käthe und Klara schon wieder durch das Wasser springen. Dort ist am Nachmittag kein Halten mehr. Rund 15 Kinder, die meisten im Alter von zwei bis fünf Jahren, sind nun gleichzeitig am Planschen, hin und wieder laufen auch Eltern an deren Seite durchs Becken. Erwachsene, die ihr Fahrrad putzen oder Bier kühlen sind an diesem Tag nicht zu sehen. Eine Ausnahme sind diejenigen, die kurz mal ihre Füße reinstrecken.



So wie etwa die zehn jungen Frauen, die für ein Fotoshooting direkt an der im Boden montierten alten Gedenkplatte posieren. Der Junggesellinnen-Abschied aus Karlsruhe macht das nicht, um zu provozieren. Wie andere Touristen, die nicht immer an der Informationstafel stehen bleiben, um dort etwas über die Geschichte der Synagoge und des Platzes zu erfahren, sehen sie einfach ein belebtes Becken mitten in der Stadt. "Das wussten wir nicht, es tut uns leid", sagt die Fotografin und holt die Gruppe wieder raus. Ein junger Mann hatte ihnen höflich den Charakter des Ortes erklärt. Das passiert an diesem Samstag mehrmals.

Freiburgerinnen und Freiburger machen ihre Mitbürger und Touristen auf die Bedeutung des Ortes aufmerksam. Viele reagieren darauf verständnisvoll, holen ihre Kinder aus den Becken und gehen zu den Fontänen wenige Meter entfernt oder sie diskutieren mit anderen Familien darüber, wie ein würdevoller Umgang aussieht. Ein Vater, der mit seinen Kindern durch den Brunnen watscht, ist beim Rausgehen einsichtig: "Das machen wir nicht nochmal. Es gibt ja genug Plätze." Ein anderes Elternpaar, deren Tochter badet, sieht das nicht so eng, als es angesprochen wird: "Ich fühle mich deshalb nicht schuldig", sagt der Mann und seine Frau meint: "Für was soll das Wasser denn sonst gut sein?" Dass man sich beim Bad im Brunnen auch mal verletzten kann, erfährt ein Junge am Sonntagmorgen. Sein Papa holte die Polizei, weil der Sohn sich beim Planschen an einer Scherbe geschnitten hatte.



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