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11. Februar 2016

Kapelle des Heiliggeiststifts

Ein Stück Freiburger Stadtgeschichte braucht einen neuen Platz

Nur noch drei Außenwände sind von der Kapelle des Heiliggeiststifts stehen geblieben. Ein weiteres Gebäude des 50er-Jahre-Komplexes auf dem Areal in unmittelbarer Nähe des Alten Friedhofs ist bereits fast vollständig abgerissen. Die Heiligeistspitalstiftung wird hier im Stadtteil Herdern – zwischen Johanniter-, Karl- und Deutschordensstraße – für 17 Millionen Euro eine neue Altenpflegeeinrichtung sowie betreute Seniorenwohnungen bauen.

  1. Die abgerissene Kapelle Foto: ingo schneider

  2. Die Vorlage für die Gösers: „Das letzte Abendmahl“ von Leonardo da Vinci Foto: privat

  3. Die Kapelle, in dem das Göser-Bild hing, stammte aus den 1950er Jahren. Foto: stiftungsverwaltung

  4. Das letzte Abendmahl von Simon und Johann Göser, nach dem Krieg von der Wand auf Leinwand übertragen, befindet sich nun im zentralen Kunstdepot. Foto: stiftungsverwaltung

  5. Foto: Heiliggeistspitalstiftung

  6. Foto: Heiliggeistspitalstiftung

Eine Sanierung, sagt Stiftungsdirektor Lothar A. Böhler, hätte sich nicht mehr gelohnt. "Es entsprach baulich und energetisch nicht mehr der Altenhilfe." Auch die Kapelle an der Ecke Johanniter-/Karlstraße sei nicht erhaltenswert gewesen, sagt Böhler. Sie war bereits im vergangenen Juli in einem Gottesdienst von Dompfarrer Wolfgang Gaber profaniert worden. In ihr hing bis vor kurzem ein Kunstwerk mit einer besonderen Historie: ein mehr als 200 Jahre altes Gemälde, das das letzte Abendmahl von Jesus und seinen Jüngern darstellt. Das Besondere daran: Das ursprünglich 9,50 Meter breite und 3,80 Meter hohe Kunstwerk war ursprünglich kein Bild auf Leinwand, wie es heute der Fall ist, sondern ein Wandgemälde (Fresko). Geschaffen wurde es 1805 für die Pfründhauskapelle vom Freiburger Maler Johann Göser (1735–1816) und seinem damals 33 Jahre alten Sohn Johann. In das ehemalige Klarissenkloster in der Gauchstraße nahe dem Rathaus war 1803 das Armenhaus (Pfründhaus), das zuvor am Münsterplatz angesiedelt war, eingezogen. Treibende Kraft hinter diesem Umzug und der Neuordnung des Armenwesens in der Stadt war der Priester und Stadtrat Ferdinand Weiß. Er erteilte Vater und Sohn Göser den Auftrag, die Altarwand der Pfründhauskapelle zu bemalen – "nicht für baare Entlohnung, sondern für die Ehre der Kunst".

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Beim Bombenangriff der Alliierten auf Freiburg am 27. November 1944 wurden das ehemalige Klarissenkloster und auch die Pfründhauskapelle zerstört. Das Göser-Wandgemälde überstand den Angriff jedoch relativ gut. "Das war ein Wunder", sagt Restauratorin Elke Thiessen, die das Werk in den 80er Jahren selbst aufwändig restauriert hat und die von einem "sehr, sehr qualitätvollen Gemälde" spricht. In dem zerstörten Gebäude war das Wandgemälde Wind und Wetter ausgesetzt, wobei die Denkmalpflege bald nach Kriegsende ein Schutzdach anbringen ließ. Das sei zwar auch nicht ideal gewesen, habe aber weitreichendere wetterbedingte Schäden verhindert. Eine ältere Dame habe ihr 1999 erzählt, wie sie als Kind im zerbombten Freiburg auf dem Schulweg die Bilder an der Ruinenwand betrachtet und sich gut an die Männer erinnert habe, die dort inmitten der Ruine am Tisch saßen, sagt Restauratorin Thiessen und betont: "Das ist ein Stück Freiburger Stadtgeschichte."

Erst 1949 wurde der italienische Restaurator Leonardo Guida hinzugezogen. Er wurde mit einem mutigen und komplizierten Schritt beauftragt: Das Wandgemälde wurde vom Mauerwerk der Ruine gelöst und auf eine Leinwand übertragen. Dafür wendete Guida das sogenannte Stacco-Verfahren an: Dabei wird auf die Bildoberfläche ein spezieller Leim aufgetragen und darauf dann Leintücher (im Fachjargon Leinwandkaschierung) geklebt. Nachdem der Leim getrocknet ist, wird der Leinwandstoff mitsamt dem Putz auf eine Stützplatte angebracht und diese dann von der Wand abgezogen. Das Fresko wird dabei mit dem Leinwandstoff abgelöst. Auf dessen gereinigter Rückseite wird ein weiterer Leinwandstoff angebracht, der wiederum auf einem Rahmen aus Holz und Eisen befestigt wird. Anschließend wird der vorderseitige Stoff vorsichtig entfernt, indem das Leintuch mit Wasser "angequellt" wird. Das Fresko ist nun auf dem neuen Bildträger – aus dem Wandgemälde ist ein gerahmtes Leinwandbild geworden.

Das Verfahren sei gut gegangen, weil die Gösers damals "sehr solide, technisch gut" gearbeitet hätten, sagt Thiessen. "Sonst wäre es nicht gegangen", glaubt die Expertin. Guidas Arbeit sei sehr kompliziert gewesen – "das war ein Riesenaufwand." Natürlich wurde das Werk dabei in Mitleidenschaft gezogen, es hat Knickspuren und Ausbrüche, die der italienische Restaurator kitten musste. In Guidas Werkstatt wurde das Bild wieder hergerichtet.

Die Abnahme von der Wand beschränkte sich auf die zentrale Darstellung des Gemäldes: auf Jesus, an der Mitte der Tafel sitzend, mit Jüngern Bartholomäus, Jakobus und Andreas, Petrus (der sich zu Johannes beugt), dem sich abwendenden Judas (im Halbschatten mit einem Geldsäckchen in der Hand) und Johannes zu seiner Linken sowie zur Rechten mit den Jüngern Thomas, Jakobus und Philippus und den debattierenden Jüngern Matthäus, Thaddäus und Simon. Bei der Abnahme von der Wand musste das Bild dreigeteilt werden, es in einem abzunehmen wäre zu riskant gewesen.

Diese Stacco-Methode wird nur sehr selten angewandt, sagt Restauratorin Elke Thiessen aus Kandern. Man versuche heutzutage, das gesamte Bauwerk, in dem es sich befindet, zu erhalten. "Was soll so ein Bild ohne Haus." Von der Wand werde es nur abgelöst, wenn es gar nicht anders gehe, sagt sie.

Nach der aufwändigen Restaurierung hing das "Abendmahl" der Gösers zunächst in der Kartaus (dem heutigen United World College), später relativ ungeschützt im Speisesaal des benachbarten Johannisheims.

Von 1988 an restaurierte Elke Thiessen das Bild der Gösers. Zu jener Zeit hatte es Dellen und Risse und war durch einen Lacküberzug, der vermutlich in den 60er Jahren zum Schutz aufgetragen wurde, stark beschädigt. Der Lack war braun und unansehnlich geworden, die Malschicht hatte sich an einigen Stellen gelöst. "Der Zustand war elend", erinnert sich Elke Thiessen. Sie entfernte den Lack, schloss Risse und besserte das Bild aus. Insgesamt drei Jahre arbeitete sie daran. Anschließend fand der Göser in der Kapelle des Heiliggeiststifts in Herdern seinen Platz in einer Wandnische. "Die Malschicht ist noch immer original", sagt die Restauratorin.

Als Vorbild für die Abendmahl-Darstellung hatte den Gösers Leonardo da Vincis berühmte Abendmahl-Darstellung gedient, die dieser 1495/96 für den Speisesaal des Klosters Santa Maria delle Grazie in Mailand geschaffen hatte. Kurios am Göser’schen Œuvre: Weder Vater noch Sohn hatten je das Original in Mailand gesehen, und Fotografien gab es damals noch nicht. So orientierten sie sich an einem populären Stich, den der italienische Kupferstecher Raphael Morghens um 1800 von da Vincis "Abendmahl" angefertigt hatte. Entsprechend unterschiedlich sind die Farben des Göser-Bilds im Vergleich mit da Vincis spektakulärem Kunstwerk. "Die Gösers bevorzugten gedämpfte, fein aufeinander abgestimmte Farben", sagt Thiessen. "Die dramatische Szene, die Anordnung der Figuren, das hat Göser alles übernommen."

Technisch gesehen ist der Göser gar kein reines Fresko, wie man es aus italienischen Klöstern und Kirchen kennt. Denn während bei den Fresken im Süden Europas stets auf nassem Putz gemalt wurde, verwendete man nördlich der Alpen in der Regel die sogenannte Kalksecco-Technik: Dabei wurde anfangs wie beim Fresko auf nassem Putz gemalt, nach einer Grundierung dann aber auf getrocknetem weitergearbeitet. Diese unterschiedliche Arbeitsweise sei klimatisch bedingt gewesen. In Italien ist es weniger kalt und nass als in Deutschland. Folglich sei die Schimmelbildung in den Gemäuern geringer, erklärt Restauratorin Thiessen. "Die Haltbarkeit der Gemälde ist bei reinen Fresken deshalb höher." In Deutschland gebe es Wandmalereien in der klassischen Freskentechnik (also Malerei auf nassem Putz) nur ganz selten, beispielsweise in der Georgskirche auf der Insel Reichenau am Bodensee. Simon Göser, ab 1774 Bürger der Stadt Freiburg, er lebte in der Konviktstraße 41. Er sei ein großer Könner der Kalksecco-Malerei gewesen – einer der großen Spätbarockmaler Südwestdeutschlands.

Mit der Entscheidung der Stiftungsverwaltung, die Alteneinrichtung in Herdern samt Kapelle abzureißen, musste auch das Göser-Bild mit seiner wechselvollen Geschichte weichen. Derzeit ist es im zentralen Kunstdepot eingelagert. "Es ist in einem erstaunlich guten Zustand." Ein Drittel des ursprünglichen Wandgemäldes von 1805 ist heute noch erhalten, der Rest ist bei der Abnahme von der Mauer verloren gegangen. "Es hat noch den Atem der Gösers", findet Thiessen. Das Werk, mit dem sie sich so lange und intensiv befasst hat, ist ihr ans Herz gewachsen. Immer wieder in den vergangenen 25 Jahren hat sie es in der Kapelle in Herdern besichtigt. "Das war ein sehr guter Ort."

Wenn es nach Stiftungsdirektor Böhler geht, soll das Gemälde im Besitz der Heiliggeistspitalstiftung möglichst bald wieder öffentlich zu sehen sein. Wo, ist allerdings noch unklar – auf keinen Fall mehr in der neuen Alteneinrichtung der Heiliggeistspitalstiftung . "Das ist kein museales Gebäude, dort findet Pflege statt", sagt Stiftungsdirektor Böhler. Und eine Kapelle wird es in der neuen Einrichtung nicht mehr geben. Gotteshäuser in Alteneinrichtungen seien überholt. "Den Kostenträger interessiert das nicht mehr", sagt Böhler. Den Gottesdienst in der Kapelle hätten zuletzt im Schnitt nur noch fünf bis sieben der 100 Heimbewohnerinnen und -bewohner besucht. "Wir haben heute viele verschiedene Religionen in unseren Einrichtungen, die wir als weltliche Stiftung alle berücksichtigen müssen."

Heiliggeiststift

Das Altenheim der Heiliggeistspitalstiftung in Herdern wurde 1958/59 errichtet. Derzeit wird es abgerissen. "Das Haus war nicht sanierungsfähig", sagt Lothar Böhler, Direktor der Stiftungsverwaltung, die die kommunalen Stiftungen betreeut. In der neuen Einrichtung wird es 71 Pflegeplätze und acht betreute Wohnungen geben, insgesamt werden mehr als 80 Menschen dort wohnen. Die neue Alteneinrichtung kostet 17,3 Millionen Euro und wird im zweiten Halbjahr 2017 eröffnet.  

Autor: fz

Autor: / Von Frank Zimmermann