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09. Juni 2011

Ein Wissenschaftler der leisen, aber deutlichen Töne

LEUTE IN DER STADT: Der Klimaforscher Stefan Rahmstorf zeichnet ein dramatisches Bild der Lage.

  1. Stefan Rahmstorf Foto: ingo schneider

Er ist ein Mann der leisen Töne. Dennoch gilt Stefan Rahmstorf als einer der unbequemsten Wissenschaftler in Deutschland. Wenn es um das Thema Klimaschutz geht, nimmt er kein Blatt vor den Mund – allerdings nur, wenn er sachliche Argumente vorbringen kann. Und die hat Rahmstorf zuhauf. Für seine Forschungen bekam der Klimatologe schon zahlreiche Preise. Am Montagabend war er in Freiburg zu Gast.

Stefan Rahmstorf ist Wissenschaftler – aber er ist auch Pragmatiker. Ohne das Engagement jedes einzelnen, so betont er in seinem Vortrag an der Universität, sei der Klimawandel kaum noch aufzuhalten. Er selbst geht deshalb mit gutem Beispiel voran: Nach Freiburg ist er selbstverständlich mit dem Zug gereist, ins Büro fährt er jeden Tag mit dem Fahrrad. Seit 1996 arbeitet Rahmstorf am Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung (PIK) und lehrt seit gut zehn Jahren zudem als Professor an der Universität Potsdam. Dabei gab es andere lukrative Jobangebote, etwa aus den USA.

Denn Stefan Rahmstorf ist auch international renommiert. So gehörte er mit zu den Autoren des jüngsten Sachstandsberichts des Weltklimarats (IPCC), 2005 bekam Rahmstorf den mit einer Million Dollar dotierten Jahrhundert-Preis der McDonnell-Stiftung, 2007 wurde er mit dem Medienpreis der Deutschen Umwelthilfe ausgezeichnet. Doch Stefan Rahmstorf ist bodenständig geblieben. In weißem Hemd und schwarzer Jeans steht er am Montagabend vor seinem Publikum. Die Haare sind mittlerweile etwas grau meliert, trotzdem wirkt der 51-Jährige immer noch sehr jungenhaft.

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Von seinen Konstanzer Wurzeln ist in seiner Sprache nichts mehr zu hören. In reinstem Hochdeutsch redet Rahmstorf von Milankovic-Zyklen, Isotopenzusammensetzungen, El Nino und Tidenhub: Rahmstorf ist Wissenschaftler durch und durch.

Die Grafiken sprechen eine deutliche Sprache

Trotzdem schafft er es gleichzeitig, auch dem Laien komplizierte Zusammenhänge verständlich zu erklären. Ruhig und sachlich, ja fast emotionslos, stellt er die neuesten Ergebnisse der Klimaforschung vor.

Aber die zahlreichen Grafiken, die er zeigt, wären auch ohne Erläuterungen schon eindrücklich. Denn egal, ob es um die Temperatur, den Niederschlag, den Meeresspiegel oder die Eismassen geht: Alle Kurven pendeln über tausende und gar Millionen von Jahren sanft hin und her – und explodieren, seitdem die Industrialisierung voranschreitet.

"Immer noch zu behaupten, der Mensch habe keinen Einfluss auf den Klimawandel und es handle sich um normale Phänomene, ist schlicht und ergreifend Quatsch", sagt Rahmstorf. Natürlich gebe es auch im Moment Schwankungen – und besondere Ausreißer nach oben, wie etwa den Supersommer 2003: "Aber wenn wir so weiter machen, wird bereits 2040 jeder durchschnittliche Sommer so heiß sein wie 2003." Für die nächsten 100 Jahre rechnen die Forscher mit einem durchschnittlichen Temperaturanstieg von vier bis sieben Grad Celsius – wenn sich nicht bald etwas ändert.

Zum Vergleich: Zwischen der jüngsten Eiszeit und heute war der Temperaturanstieg genauso groß. "Wie das aussieht, wenn das gleiche noch einmal oben drauf kommt, kann ich mir kaum vorstellen", sagt Rahmstorf. Den Prozess noch aufzuhalten sei möglich: "Aber nicht, wenn wir noch fünf oder zehn Jahre warten."

Stefan Rahmstorf ist Wissenschaftler – aber er macht auch keinen Hehl daraus, was er von der derzeitigen Politik hält. Als nach dem Vortrag ein Zuhörer fragt, ob er ihn richtig verstanden habe, dass er einen Umstieg auf umweltfreundliche Technologien technisch für durchaus machbar hält, dass es jedoch an der mangelnden Umsetzung durch die Politik hapert, antwortet Rahmstorf mit nur einem einzigen Wort: "Korrekt."

Autor: Beate Beule