Freiburger Platz der Alten Synagoge

Eine Gedenkstätte als umstrittenes Allzweckbecken – wie konnte es dazu kommen?

Simone Lutz

Von Simone Lutz

Fr, 06. Juli 2018 um 18:52 Uhr

Freiburg

Dass Kinder im Gedenkbrunnen planschen, stört viele Besucher nicht – wohl aber die Zweckentfremdung des stillen Mahnmals durch rücksichtslose Erwachsene. Warum dachte während der jahrelangen Planungen niemand an dieses Konfliktpotenzial? Eine Spurensuche.

Vor knapp einem Jahr ist der Platz der Alten Synagoge im Herzen Freiburgs eröffnet worden. Was sich die Planer erhofften, wurde wahr: Der Platz ist ein lebendiges Stück Freiburg geworden, tags und oft auch nachts genutzt, ein beliebter Treffpunkt für Dates und Demos, ein Ort zum Sehen und Gesehenwerden.



Doch es gibt anhaltende Irritationen. Von Anfang an wurde das Wasserbecken, das in den Umrissen der 1938 zerstörten Synagoge errichtet ist, zweckentfremdet, missverstanden und missbraucht. Was ein Ort stillen Erinnerns hätte sein sollen, wird von vielen Menschen bei schönem Wetter als Freizeiteinrichtung wahrgenommen. Dass Kinder im knöchelhohen Wasserspiegel planschen, stört die meisten Beobachter nicht groß. Dass jedoch Erwachsene herumwaten, in Einzelfällen Liegestühle aufstellen oder sogar Fahrradreifen abwaschen, stört viele massiv.

Offen ist die Frage, warum niemand dieses Problem erahnt hatte. Mehr als zwölf Jahre lang, von Ende 2004 bis Mitte 2017, liefen die Planungen für die Gestaltung des Platzes – ein überaus aufwändiges Verfahren mit Bürgerbeteiligung, Workshops, Veranstaltungen und Fachgesprächen. Warum kam niemand der vielen Teilnehmerinnen und Teilnehmer darauf, dass ein flaches, ausladendes, leicht begehbares Becken voller Wasser auch genutzt werden könnte? Zeit, mal nachzufragen.

Es wurde immer von einem "Wasserfilm" gesprochen

Michael Moos ist Stadtrat der Unabhängigen Listen, war damals dabei und zeigte sich heute als einer der ersten selbstkritisch: "Der Platz ist gut gelungen, aber einen möglichen Konflikt zwischen Erinnerungsort und urbanem Leben haben wir nicht auf dem Schirm gehabt. Wir waren alle fasziniert von der Idee, Wasser im Umriss der Synagoge einzusetzen, von dieser hohen ästhetischen Qualität." Es könnte daran liegen, überlegt er, dass immer von einem "Wasserfilm" gesprochen wurde: "Da denkt man nicht an ein Becken." Nun müsse man Ideen sammeln, wie man sinnvoll etwas verbessern könne, ohne den Platz zu beschädigen.

Die Goldschmiedemeisterin Hanne Beyermann-Grubert war als "Vorzeigebürgerin", wie sie es heute ironisch nennt, bei verschiedenen Planungsrunden dabei. Im Rückblick an diese Zeit erinnert sie sich, sie habe immer gedacht, das Wasserbecken versinke fast im Boden und das Wasser laufe über den Rand, also setze sich da auch niemand hin. "Wir hatten immer die Vorstellung einer stillen Fläche, in der sich der Himmel spiegelt." Nun sagt sie: "Da haben wir alle gepennt."

"Wenn man auf uns gehört hätte, hätte man mehr Zeit für grundsätzliche Überlegungen gehabt." Irina Katz, Vorsitzende der Israelitischen Gemeinde Freiburg

"Es gab Leute, die das schon befürchtet haben", hält Irina Katz, die Vorsitzende der Israelitischen Gemeinde Freiburg, dagegen. 2004 sei die Sekretärin der Gemeinde bei der Planungswerkstatt dabeigewesen und später Menachem Amitai bei anderer Gelegenheit. Der Gedenkbrunnen als Planschbecken – für viele jüdische Einwohner ist das ein schwer erträglicher Gedanke. Es sei ein Fehler gewesen, sagt Katz, den Bau des Gedenkbrunnens nicht zu stoppen, als Fundamentreste der zerstörten Synagoge gefunden wurden. "Wenn man auf uns gehört hätte, hätte man mehr Zeit für grundsätzliche Überlegungen gehabt."

Der Wettbewerb für die Neugestaltung des Platzes war 2006 entschieden worden. Der Entwurf des Architekturbüros Rosenstiel und der Landschaftsgestalter Faktorgrün machte das Rennen. Volker Rosenstiel und Martin Schedlbauer hatten damals nicht nur das Wasserbecken, sondern auch einen Wasservorhang ("belebtes Wasser") vor dem Theater und ein Platzhaus an der Bertoldstraße vorgesehen. Wasservorhang und Platzhaus wurden gestrichen, dafür kommen Sprudelfontänen zum Einsatz.

"Es liegt an der Stadtgesellschaft, die sich seither stark verändert hat." Architekt Volker Rosenstiel
Hätte das ursprüngliche Konzept das Wasserbecken entlastet? "Ich glaube nicht", sagt Volker Rosenstiel. "Aber ein Platzhaus mit Informationszentrum und Toiletten hätte dem Platz gut getan." Hat er das Planschen im Becken vorhergesehen? "Vor zwölf Jahren hat man sich sowas nicht vorstellen können", so Rosenstiel. "Es liegt an der Stadtgesellschaft, die sich seither stark verändert hat." Allein die Verschmutzung auf dem Platz spreche Bände. Den Gedenkbrunnen abzusperren fände er nicht schön – und sein Wort hat Gewicht, denn er müsste zustimmen. Am Montag sind Martin Schedlbauer und er ins Rathaus zu einem Gespräch eingeladen.

Auch Wulf Daseking hat den Prozess damals als oberster Stadtplaner begleitet. Dass die Synagoge endlich ins Bewusstsein der Freiburger gerückt ist, hält er für eine der größten Leistungen des neuen Platzes. "Was spricht denn gegen eine Nutzung der Stelle durch junge Leute?" fragt er. "Und wenn es zu unangemessenen Aktionen kommt, werden die Bürger es hoffentlich selbst regeln, ohne Polizei: nicht wegsehen, sondern Flagge zeigen."
So verlief der Planungsprozess

1998: Städtebaulicher Wettbewerb Werder-, Rotteck- und Friedrichring

2004: Bürgerbeteiligung ("Planungswerkstatt") zur Umgestaltung des Platzes der Alten Synagoge. Ein Projektbeirat mit Stadträten, Universität, Jüdischer Gemeinde und Lokalverein nimmt die Arbeit auf.

2006: Die Landschaftsgestalter Faktorgruen und das Architekturbüro Rosenstiel gewinnen den Wettbewerb zur Neugestaltung des Platzes.

2008: Der Gemeinderat billigt den Entwurf, fordert aber mehr Sitzflächen und mehr Bäume. Die öffentliche Debatte um die Gestaltung ist groß – Kritiker befürchten eine Steinwüste, die Uni fürchtet Lärmbelastung.

2010: Ein Gutachten sagt, das Klima am Platz werde sich nach der Umgestaltung erwärmen, Uni-Meteorologe Helmut Mayer spricht von einem "Backofen". Das geplante Platzhaus sowie ein Wasservorhang vor dem Theater sollen weg, statt dessen gibt es Wasserfontänen und mehr Bäume.

2011: Ein Klimagutachten der Universität prophezeit Hitzestress durch den neuen Platz.

2014: Eine Initiative übergibt 5000 Unterschriften für eine Wiese auf dem Platz. Rathaus und Gemeinderäte lehnen dies ab.

2015: Symbolischer Spatenstich

2016: Bauarbeiter stoßen auf Steine aus den Fundamenten der zerstörten Synagoge. Die Israelitische Gemeinde fordert einen längeren Baustopp: Die Steine sollten als Denkmal in den Platz integriert werden. Das lehnt die Stadtverwaltung mit Hinweis auf Terminzwänge ab.

2017: Der neue Platz wird eröffnet und sehr gut angenommen. Das Wasserbecken wird an heißen Tagen zum Planschbecken.

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