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15. November 2010

Eine Schule, in der alle etwas zu sagen haben

200 Interessierte informierten sich über "Eine Schule für alle".

Wie "Eine Schule für alle" in Freiburg aussehen könnte, lässt sich im Vorhinein nicht im Detail festlegen. Das war eines der Ergebnisse der Veranstaltung "Wir machen Schule", zu der am Samstag mehr als 200 Menschen in die Hebelschule im Stadtteil Stühlinger kamen. Über die genaue Ausgestaltung des Konzeptes sollen nämlich die künftigen Lehrerinnen und Lehrer, Eltern und Kinder von Anfang an mitbestimmen – von der Wahl der befristet tätigen Schulleitung bis zur Planung des Schuljahrs. Die Gesamtschule Winterhude in Hamburg arbeite schon so, berichtete ihr Leiter Martin Heusler.

An Interesse mangelt es dem Freiburger Bündnis "Eine Schule für alle" nicht. Zur Gründungsversammlung im März kamen 130 Freiburger Frauen und Männer, danach haben die inzwischen 270 Mitglieder in Arbeitskreisen ein Konzept erarbeitet. Das stellten neun von ihnen jetzt vor – im Team, wie es ihren Grundsätzen entspricht. Ziel sei, weiter über diesen Zwischenstand zu diskutieren, kündigte der Lehrer und "Eine Schule für alle"-Mitstreiter Helmut Gattermann an. Gleichzeitig ist das Konzept Grundlage für einen Antrag auf Einrichtung der Schule bei der Stadtverwaltung. "Eine Schule für alle", in der Kinder mit und ohne Behinderung mit unterschiedlichen Begabungen und sozialen Hintergründen zusammen lernen, soll eine gebundene Ganztagsschule werden, als staatliche Schule ohne Gebühren.

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Die Bedingungen sollen sich nach den Bedürfnissen der Schüler richten und niemanden ausschließen – Stichwort: Inklusion. Schüler, Eltern und Lehrer beteiligen sich an allen Entscheidungen – Stichwort: Demokratie in der Schule. Sie legen die Lerninhalte selbst in Wochen- und Jahresplänen fest, die Schüler arbeiten möglichst selbständig, einzeln und in Gruppen – Stichworte: Individualität und Gemeinschaft. Noten soll es erst kurz vor dem Abschluss geben, davor gibt’s zur Orientierung Lerntagebücher und Eltern-Lehrer-Schüler-Gespräche. Es gibt kein Sitzenbleiben, aber altersgemischte Klassen. Alle Abschlüsse sind möglich. Lehrer, Sozial- und Heilpädagogen arbeiten eng zusammen. Die Schule wählt ihre Lehrer selbst aus und kann sie auch wieder entlassen.

In Hamburg gibt es altersgemischte Klassen über drei Jahrgänge

An der Hamburger Gesamtschule Winterhude ist all das Alltag. Martin Heusler wurde dort vor zehn Jahren Schulleiter und berichtete nun, wie alles anfing: 1997 entstand ein Verein, der mit den Schulbehörden trotz deren anfänglicher Skepsis Wege zur Umsetzung seiner Ziele entwickelte. Aus finanziellen Gründen war die Gründung einer neuen Schule nicht möglich, deshalb übernahm der Verein eine Schule, die gerade keine Schulleitung mehr hatte und nicht mehr gut funktionierte. Aus damals 400 Schülern wurden mittlerweile 1000. Die Klassen sind über drei Jahrgänge altersgemischt, und immer vier Klassen bilden ein Team – damit die Schule nicht zu unübersichtlich und anonym wird.

Im Vorfeld waren Eltern, Schüler und Lehrer gemeinsam auf der Suche nach Vorbildern herumgereist. Dass es zügig voranging, war aus Sicht von Martin Heusler vor allem dem Druck der Eltern zu verdanken. Bei den Fünft- bis Siebtklässlern wird das Konzept am umfassendsten umgesetzt: Die Schüler planen drei Tage lang ihre Projekte fürs Schuljahr. Lehrer haben ein Einspruchsrecht, halten sich aber ansonsten heraus. Bei den Jüngeren und Älteren gibt’s Abwandlungen. Zum Beispiel gelten von der neunten Klasse an Noten, um die Schüler auf ihre Abschlüsse vorzubereiten. Davor dokumentieren die Jugendlichen ihre Entwicklung im "Logbuch" und sprechen darüber einzeln mit dem Klassenlehrer.

Autor: Anja Bochtler