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21. Juli 2010

"Eltern lernen ihr Kind zu verstehen"

BZ-INTERVIEW mit Carola Basten und Elisabeth Baumstark-Biehl vom Verein Donum vitae über den neuen Elternführerschein.

  1. Carola Basten (links) und Elisabeth Baumstark-Biehl Foto: michael bamberger

Alle Eltern wollen gute Eltern sein. Aber viele wissen nicht, wie das geht. Vor allem, wenn sie zu den Risikogruppen zählen: sehr junge Eltern, psychisch belastete oder auf Unterstützung angewiesene allein erziehende Mütter, Migrantinnen. Das jedenfalls erfahren die Diplom-Sozialarbeiterinnen Carola Basten und Elisabeth Baumstark-Biehl in ihrer täglichen Beratungsarbeit bei Donum Vitae ( 0761/2023096, donum-vitae-Freiburg@t-online.de). Seit einem Jahr erproben sie mit dem Elternführerschein ein Hilfsangebot, das schon während der Schwangerschaft beginnt und noch längst nicht aufhört, wenn das Kind geboren ist. BZ-Mitarbeiterin Anita Rüffer fragte nach, wie Eltern "fit für’s Kind" – so der Projektname – gemacht werden können.

BZ: Was können Eltern bei Ihnen lernen: Wickeln, Füttern, schreiende Babys beruhigen?
Carola Basten: Wir setzen schon während der Schwangerschaft bei den ganz praktischen Erfahrungen an: Drei Tage und zwei Nächte können werdende Eltern an Babysimulatoren den Umgang mit einem Kind üben. Dabei werden sie von geschulten Hebammen begleitet. Wir haben schon in Schulklassen beobachtet, wie gut Jugendliche auf die Puppen reagieren. Nun integrieren wir sie in die Arbeit mit jungen Müttern, die schon schwanger sind.

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Elisabeth Baumstark-Biehl: Im wesentlichen geht es uns aber darum, Müttern und Vätern zu helfen, eine Bindung zu ihrem Kind aufzubauen. Viele von ihnen haben nämlich selber keine Bindung an die eigenen Eltern erfahren. Sie können ihr Kind dann zwar physisch versorgen, aber emotional lassen sie es verhungern.
BZ: Kann man Bindung lernen?
Baumstark-Biehl: Wir vermitteln Elemente, die eine Bindung ermöglichen. Das können kleine Impulse sein. Ein freundliches Gesicht der Mutter, mit dem Kind sprechen, die Stimme heben, Töne machen sind Signale, die beim Kind Bindungshormone auslösen. Wenn das Kind dann darauf reagiert, wird häufig ein Prozess in Gang gesetzt, der die Eigenkräfte der Eltern mobilisiert. Für uns ist es ein Meilenstein, wenn die Eltern als Ergebnis einer gelingenden Bindung den Blickkontakt zum Kind herstellen.
BZ: Mit welchen Methoden arbeiten Sie?
Basten: Neben dem erfahrungsorientierten Lernen mit den Babysimulatoren zeigen wir den Eltern Videoszenen mit typischen Mutter-Kind-Interaktionen. Wir geben ihnen sehr präzise Beobachtungsaufgaben, etwa genau auf die Stimme zu achten, so dass sie anhand der Videos die eigene Wahrnehmung schulen. Nach der Geburt des Kindes können sie dieses Wissen im Alltag mit dem Kind umsetzen. Auch dabei machen wir Videoaufnahmen, deren Interaktionen anschließend mit den Eltern analysiert werden. So lernen sie, die Bedürfnisse ihres Kindes wahrzunehmen, zu verstehen und angemessen darauf zu reagieren. Wir sind davon überzeugt, dass mit dieser sehr frühen Hilfe spätere "Reparaturen" von vornherein vermieden werden.
BZ: Wer darf dieses Angebot nutzen und was kostet es?
Basten: Wir bieten es nicht nur unserer eigenen Klientel an, zu denen sehr viele sehr junge Frauen in Schwangerschaftskonflikten gehören, sondern sind auch offen für werdende Eltern, die über andere Beratungsstellen oder Ärzte geschickt werden. Voraussetzung ist, dass die Teilnehmenden zu den Risikogruppen gehören. Das Angebot ist freiwillig und kostenlos, da es in bescheidenem Umfang über das Landesprojekt "Stärke" finanziert wird. Ohne zusätzliche Stiftungsgelder und Zuwendungen aus der Aktion Weihnachtswunsch der Badischen Zeitung hätten wir das Angebot nicht starten können.

Autor: arü