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25. März 2009
Gemeinsames Lernen
Eltern und Lehrer kämpfen um ihre integrative Klasse
Wieso schafft man ab, was erfolgreich ist? Eltern und Lehrer der Anne-Frank-Schule kämpfen um ihre integrative Klasse. Sie verstehen nicht, wieso das Kultusministerium das Entwicklungsprogramm zum Schuljahresende auslaufen lässt.
Wieso schafft man etwas ab, was erfolgreich ist? Diese Frage stellt sich nicht nur Sonderschullehrer Klaus Göppert, der an der Anne-Frank-Schule in Betzenhausen behinderte und nicht behinderte Kinder gemeinsam unterrichtet. Auch seine Kollegen und viele Eltern verstehen nicht, wieso das Kultusministerium in Stuttgart das sogenannte Integrative Schulentwicklungsprojekt (ISEP) zum Schuljahresende auslaufen lässt. Dies gibt es an der Grundschule seit acht Jahren.
Derzeit unterrichten Göppert und seine Grundschulkollegin Silvia Kleine gemeinsam eine vierte Klasse mit 20 Kindern, darunter vier behinderte: ein Kind ist geistig behindert, eines körperlich und zwei haben eine Lernbehinderung. "Die Mischung macht’s", sagt Göppert. In seinen Augen hat jedes Kind, ob behindert oder nicht, speziellen Förderbedarf. Ziel müsse es sein, behinderte Menschen von vorne herein in die Gesellschaft einzugliedern – Fachleute sprechen von Inklusion. So sieht es auch die UN-Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderung vor, die der Bundesrat jüngst ratifiziert hat.
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Das ISEP an der Anne-Frank-Schule war von vorne herein nur auf acht Jahre angelegt. Drei Klassen haben in der Zeit das Modell durchlaufen – mit Erfolg, wie Schulleitung, Lehrer und Eltern bestätigen. Sie haben seit Jahresbeginn mehrere Briefe an Kultusminister Helmut Rau verfasst, um eine Verlängerung zu erwirken. Zudem wurden in Freiburg mehrere hundert gelbe Postkarten "für gemeinsamen Unterricht" verteilt, die ans Ministerium weiter geschickt werden sollen. Unterstützt wird die Initiative von der SPD, den Grünen und den Unabhängigen Listen in Freiburg. Bislang aber wartet man vergeblich auf Antwort aus Stuttgart. Nach den Osterferien soll ein Gespräch zum Thema mit dem Regierungspräsidium stattfinden.
"Die sitzen das aus", vermutet Simone Schreiber, Mutter des zehnjährigen Max, der nicht behindert ist und die ISEP-Klasse besucht. "Es ist gut, wenn Kinder von Kleinauf lernen, mit Kindern, die anders sind, umzugehen", sagt sie. Diese Chance sollten Schüler der Anne-Frank-Schule auch künftig haben.
Die ISEP-Klasse ist nur eines von verschiedenen Integrationsmodellen, die es neben den Sonderschulen in Freiburg gibt (siehe Stichwort). "Es wäre schön, wenn die Eltern akzeptieren würden, dass es für behinderte Kinder vielfältige Fördermöglichkeiten gibt", sagt Birte Wannig, die beim RP für Sonderschulen zuständig ist. Aus pädagogischer Sicht gebe es kaum einen Unterschied zwischen ISEP und den Außen- sowie den Kooperationsklassen. Der Unterschied sei organisatorisch: Während ISEP-Kinder in den Regelschulen eingeschult werden, also von vorne herein integriert sind, gehören die behinderten Schüler der Außen- und Kooperationsklassen den Sonderschulen an. Dabei seien für das Aus von ISEP (derzeit laufen im Land noch rund 20 Projekte) nicht finanzielle Gründe ausschlaggebend. Man sehe die Gefahr, dass die Fachkompetenz der Sonderpädagogen verloren gehen könnte, wenn sie nur noch an Grundschulen unterrichten würden: "Dann würden die schwierigen Fälle an Privatschulen abwandern." ISEP funktioniere nicht für alle Kinder, manche seien in einer Sonderschule, wo sie in kleinen Gruppen von Fachleuten gefördert würden, besser aufgehoben.
Dabei wollen die Anne-Frank-Leute gar nicht, dass Sonderschulen abgeschafft werden. "Wir wollen aber die Wahl haben", sagt Michaela Riedinger, Mutter von Gabriel. Der Zehnjährige mit sonderpädagogischem Förderbedarf hat vier Jahre lang die Anne-Frank-Grundschule besucht. Die Frage ist, wie es für ihn jetzt weiter geht. Die Außenklasse an der Lessing-Realschule ist für seine Mutter keine Option: "Das ist einfach keine Integration." Wo behinderte und nicht behinderte Kinder in Eisbären und Pinguine unterschieden würden, könne von Gemeinsamkeit nicht die Rede sein.
Die Freiburger Initiative "Bildung neu denken" vernetzt lokale Initiativen und Einrichtungen zur Inklusion: www.bildung-neu-denken.de
Autor: Heike Spannagel
