Zur Navigation Zum Artikel

Wenn Sie sich diesen Artikel vorlesen lassen wollen benutzen Sie den Accesskey + v, zum beenden können Sie den Accesskey + z benutzen.

19. März 2013

Es bleibt die Sorge um viele Kinder in Fukushima

Katsumi Hasegawa hat aus Angst um seine Kinder seine verstrahlte Heimat verlassen, jetzt kämpft er gegen die Atomlobby.

  1. Einsatz für Kinder und gegen AKWs: Katsumi Hasegawa Foto: rita eggstein

Die Frage quält, sie verfolgt ihn: War es richtig, die Kinder, mit denen sein Sohn früher täglich in der Kita gespielt hat, zurückzulassen und sich, den Sohn und seine schwangere Frau in Sicherheit zu bringen – weg von den gefährlichen Strahlen nach der Reaktor-Katastrophe in Fukushima? Katsumi Hasegawa weint, als er sich das fragt im Video, das am Sonntagabend im Café Velo lief. Und er stockt auch jetzt wieder mit Tränen in den Augen, vor den mehr als 100 Menschen, die zur Veranstaltung "Fukushima – zwei Jahre danach" des "Bundes für Umwelt und Naturschutz" (BUND) gekommen sind.

Es war für ihn ein großer Schritt. Das zeigt schon die Formulierung, die Katsumi Hasegawa benutzt: Er spricht immer von seiner "Evakuierung auf eigenen Entschluss ohne amtliche Anweisung". Er lebte mit seiner Familie in Koriyama in der Region Fukushima, doch nicht in der 20-Kilometer-Sperrzone um das AKW, deren Bewohner auf Anweisung der Behörden weggeschickt wurden. Rund 160 000 Menschen sind immer noch im Exil. Katsumi Hasegawa lebte 50 Kilometer entfernt, er hat die Bodenoberfläche im Garten abgetragen, die Erde blieb aber verstrahlt. Und für abgetragene Erde gibt es kein Zwischenlager, sie bleibt in den Wohngebieten. Nächtelang haben Katsumi Hasegawa und seine Frau überlegt: Sollten sie alles aufgeben, ihre Heimat, Katsumi Hasegawas Arbeitsplatz, seine Position als Elternbeiratsvorsitzender in der Kita? Als im Sommer 2011 feststand, dass seine Frau schwanger war, wurde klar: Sie wollten ihre Kinder in Schutz bringen, den jetzt siebenjährigen Sohn und die im Februar 2012 geborene Tochter. Das irritierte nicht nur Katsumi Hasegawas Schwiegereltern, die ihm vorwarfen, sie seien egoistisch. Vieles mussten sie zurücklassen, auch die Sorge für die geistig behinderte Schwägerin.

Werbung


Der Anfang in der 300 Kilometer entfernten Stadt Fujinomiya in der Region Tokio war mühsam, Katsumi Hasegawa arbeitete als Bauarbeiter, dann gründete er einen Pflegedienst. Vor der Geburt der Tochter bangten sie: Würden ihr Finger oder Zehen fehlen, würden sich Schäden zeigen? Sie war gesund. Inzwischen ist Katsumi Hasegawa froh über den Neuanfang, doch er kommt nicht mehr zur Ruhe. Er kämpft gegen die Intransparenz von Politik und Atomlobby und für die zurückgelassenen Kinder. Untersuchungen zeigen, dass 30 bis 40 Prozent der Kinder in der Region Knoten und Pusteln in der Schilddrüse haben, berichtet Akiko Yoshida von der japanischen Sektion von "Friends of the earth". Außerdem habe sich die Zahl von Krebs- und speziell Schilddrüsenerkrankungen erhöht.

Warum sind nicht mehr Menschen geflohen? Diese Diskussionen spalten die Menschen, erzählt Hiroko Uehara, Vorsitzende des im April 2012 gegründeten "Bürgermeisterrats für ein nuklearfreies Japan". Die landwirtschaftlichen und gemeinschaftlichen Strukturen erschweren das Wegziehen, ebenso wirtschaftliche Gründe. Und auch wenn 87 Prozent der 89 000 öffentlichen Bürger-Stellungnahmen den Atomausstieg forderten, siegte bei den Wahlen im Dezember 2012 die liberaldemokratische Partei LPD, die den davor beschlossenen Ausstieg rückgängig machen will. Jetzt starten neue Anti-Atom-Kampagnen. Die bleiben auch hier dringend nötig, sagt Axel Mayer vom BUND – mit unberechenbaren AKWs in Fessenheim, Beznau und Leibstadt.

Autor: Anja Bochtler