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07. Dezember 2016 17:57 Uhr

Reaktionen auf Festnahme

Flüchtlingsinitiative, in der sich die getötete Studentin engagierte, bekommt rassistische Hassmails

Die Tötung der Studentin Maria L. und die Festnahme des mutmaßlichen Täters beschäftigen weiterhin die Freiburgerinnen und Freiburger. Zu Wort gemeldet hat sich jetzt auch die Studierendeninitiative Weitblick, in der sich Maria L. engagiert hat.

  1. Viele Menschen in Freiburg sind tief betroffen. Foto: dpa

Außerdem reagierten der Migrantinnen und Migrantenbeirat, die Freiburger Grünen und zahlreiche Flüchtlinge, die sich von der Tat distanzieren und ihr Beileid ausdrücken. Einige fürchten, nicht mehr erwünscht zu sein.

Die 19 Jahre alte Medizinstudentin Maria L., die am 16. Oktober an der Dreisam vergewaltigt und getötet worden war, war in der gemeinnützigen Studierendeninitiative Weitblick aktiv und arbeitete in einem Arbeitskreis des Vereins an der Finanzierung der Renovierung einer Grundschule in Ghana mit. Die Familie der Getöteten hatte in den Traueranzeigen um Spenden für dieses Projekt gebeten. Mit diesem Geld will Weitblick im Sinne Marias die Renovierung fortsetzen, "um weiterzuführen, wofür sie sich engagiert hat".

Verabscheuungswürdiger Einzelfall

Weiter teilte der Verein Weitblick in einer Pressemitteilung mit: "Wir sind tief betroffen von ihrem Tod und trauern weiterhin um sie und mit ihrer Familie. Schockiert sind wir darüber hinaus von der Art und Weise, wie die furchtbare Tat nun für rassistische und beleidigende Thesen und Schlussfolgerungen instrumentalisiert wurde und wird." Es sei inakzeptabel, aufgrund eines einzigen verdächtigten Täters pauschal und voreilig auf alle Geflüchteten zu schließen. "Kollektivstrafen sind in einem Rechtsstaat nicht angemessen." Es handle sich um einen verabscheuungswürdigen Einzelfall.

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Nach der Festnahme des mutmaßlichen Täters hat der Verein Weitblick nach eigener Aussage über seine öffentlichen wie privaten E-Mail-Konten Kommentare und Nachrichten mit zum überwiegenden Teil rassistischen, beleidigenden und teilweise strafrechtlich verfolgbaren Inhalten erhalten. Deshalb hatte der Verein seine Facebookseite am vergangenen Sonntag auch vorübergehend offline gestellt. Er verurteilt diese Posts und wird in entsprechenden Fällen Anzeige erstatten. "Aufgrund fehlender sachlicher Gesprächsbereitschaft seitens der Kommentatoren sahen wir nicht die Möglichkeiten einer angemessenen und ausgeglichenen Diskussion. Auch wollten und wollen wir rassistischen, tendenziösen und haltlosen Aussagen und Anschuldigungen keine Plattform bieten."

Distanzierung von Kriminalität

Auch in Freiburg lebende Flüchtlinge äußern sich zahlreich. So schreibt der 25 Jahre alte Ibrahim Alaksani aus Syrien, seit 14 Monaten in Deutschland zu Hause: "Mit großem Entsetzen und tiefer Bestürzung habe ich die Nachricht von dem abscheulichen und sinnlosen Mord erhalten. Meine Gedanken sind bei den Angehörigen der Opfer, denen ich mein aufrichtiges Beileid aussprechen möchte." Alaksani befürchtet im Gespräch mit der BZ, dass die Menschen Angst vor Flüchtlingen haben, und betont "im Namen seiner Landsleute, dass wir uns hiermit ausdrücklich von jeglicher Art von Kriminalität distanzieren".

Grünen-Kreisverband und -Gemeinderatsfraktion sind erleichtert, dass ein Verdächtiger gefasst worden sei. Es dürfe nicht zugelassen werden, dass Frauen sich aus Angst in ihrer Bewegungsfreiheit eingeschränkt fühlten, heißt es in einer Pressemitteilung. "Das Wesen einer offenen Stadt ist, dass sich jede und jeder Einzelne ohne Angst in ihr bewegen kann", so die Kreisvorsitzende Elena Müller. Und Fraktionschefin Maria Viethen sagt: Die Verunsicherung der Frauen verschwinde nicht dadurch, dass jetzt ein Täter gefasst sei. "Wir sind aufgerufen, unsere Stadt für Frauen sicherer zu machen: durch die Beseitigung von Angsträumen, durch verstärkte Polizeipräsenz, durch eine erhöhte Aufmerksamkeit der Stadtgesellschaft." Viethen bringt auch die Wiedereinführung eines Sammel-Taxis für Frauen ins Gespräch"

Ängste für politische Ziele missbraucht

Tengiz Kirtadze, Vorsitzender des Migrantinnen- und Migrantenbeirats, kritisiert die Instrumentalisierung der Nationalität des mutmaßlichen Täters. Auf der Facebookseite des Beirats heißt es: "Es ist beschämend und niederträchtig, dass Trauer und Ängste für politische Ziele missbraucht werden. Wir wünschen und fordern den dringenden Diskurs aller in Freiburg." Am Sonntag waren laut Kirtadze rechtsradikale Äußerungen auf der Facebook-Seite des Beirats gepostet worden, Kommentare mussten geblockt werden, als der Beirat die Debatte nicht mehr kontrollieren konnte. Der Beirat hofft, dass Freiburger "in dieser angespannten Lage weiterhin die Ruhe bewahren, ihre Stimme gegen Hass und Fremdenfeindlichkeit erheben".
Was man über den Tatverdächtigen weiß: Er steht im dringenden Verdacht, die 19-jährige Medizinstudentin Maria L. vergewaltigt und getötet zu haben – der 17 Jahre alte Hussein K. Über seine Herkunft und sein Vorleben bis zur Verhaftung kennt man bislang nur wenige Bruchstücke.

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Autor: Frank Zimmermann